Nr. 37/2006 vom 14.09.2006

WOZblicke

Eine Ästhetik des Widerstands.

Von Peter Pfrunder, Fotostiftung Schweiz

Ist es nicht erstaunlich, dass wir nach wie vor an die Wahrheit der (Presse-)Bilder glauben? Dass wir immer wieder dazu neigen, auf Zeitungspapier gedruckte Fotografien unkritisch für bare Münze zu nehmen? Dabei führt uns jeder neue Krieg drastisch vor Augen, wie leicht man mit der Kamera lügen kann. Zuletzt im Libanon: ein Skandal, wenn offenkundig wird, dass ein Fotograf seine Bilder am Computer dramatisiert oder gar inszeniert.

Als die Agentur Reuters Anfang August 2006 entdeckte, dass einer ihrer Mitarbeiter das brennende Beirut noch heftiger brennen liess und den Bombenabwurf eines israelischen Flugzeuges mit zusätzlichen Geschossen anreicherte, wurde er (zu Recht) umgehend entlassen. Aber war damit die Frage der wahren und falschen Pressebilder gelöst? Mit dieser Massnahme sowie der Meldung, dass 920 Aufnahmen des betreffenden Fotografen aus der Bilddatenbank gelöscht worden waren, teilte die Agentur der Öffentlichkeit doch eigentlich auch mit, dass alle andern von ihr verbreiteten Fotografien wahre, unverfälschte Bilder der Wirklichkeit seien. Und hier beginnt das Problem erst. Die offenkundigen Manipulationen, die übrigens so alt sind wie die Fotografie selbst, lenken im Grunde nur von der generellen Schwierigkeit ab, Wahrheit und Objektivität der Fotografie zu bestimmen. Diese hängt – so viel wissen wir nach bald 170-jähriger Erfahrung mit dem Medium – nicht unbedingt von der äusseren Übereinstimmung zwischen Bild und Wirklichkeit ab. Eine (deklarierte) Inszenierung kann unter Umständen der Wahrheit näher kommen als der naive Versuch, das Sichtbare objektiv festzuhalten. Und mit begleitenden Legenden oder Texten lässt sich die Aussage einer Fotografie ohnehin viel leichter manipulieren als mit Photoshop.

Entscheidend ist immer der Kontext – Informationen, die im Bild selbst nicht enthalten sind. So ist es denn auch nicht ganz unbedenklich, Pressefotografien aus ihrem Umfeld herauszulösen und in einer Ausstellung zu präsentieren. Wenn aber der ursprüngliche Zusammenhang erhalten bleibt, so bietet der Transfer von der Zeitungsseite an die Wand auch eine Chance. Der mit dem Medium der Zeitung verbundene Wahrheitsanspruch rückt in den Hintergrund, während die willkürlichen, subjektiven, erzählerischen, moment- und ausschnitthaften Aspekte der Fotografie in den Vordergrund treten. So wird vielleicht deutlich (jedenfalls deutlicher als in der Zeitung), dass auch Pressefotografien nur einseitige, fragmentarische und sehr eingeschränkte Sichten auf eine komplexe Wirklichkeit wiedergeben können.

Wenn die WOZ eine Auswahl von Fotografien ausstellt, die sie in den vergangenen 25 Jahren publiziert hat, so geht es gewiss nicht darum, aus Pressebildern Kunstwerke zu machen. Vielmehr dient das Medium der Ausstellung dazu, im Spiegel der Fotografie Geschichte und Geschichten Revue passieren zu lassen, die das Gesicht dieser Zeitung mitgeprägt haben. Nicht nur in den Themen, sondern auch in der gestalterischen Präsentation der Fotografien ist die WOZ immer wieder eigene, zuweilen abenteuerliche Wege gegangen. Sie grenzte sich ab von Hochglanzästhetik und vorherrschendem Zeitungsdesign, reflektierte kritisch die Macht der Medien- und Werbebilder und legte mit der Auswahl der Bilder offen, wem ihre Sympathien galten.

In vielen engagierten Reportagen und Einzelbildern ist die Nähe zwischen FotografInnen und Fotografierten nicht zu übersehen. Blättert man durch die verschiedenen Jahrgänge, so fallen aber auch zahlreiche Fotografien auf, die Symbolwert haben, einen ironischen Blick verraten oder zum Nachdenken und Innehalten zwingen. Es sind (AutorInnen-)Bilder, die nicht nur die Wirklichkeit dokumentieren wollen, sondern, in Verbindung mit Texten, vor allem einer bestimmten Haltung Ausdruck verleihen. Fotografie in der WOZ - das ist auch eine Ästhetik des Widerstands.

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