Nr. 43/2012 vom 25.10.2012

Der Traumfänger vom Schwarzwald

Pedro Lenz über die Entzauberung des deutschen Bundestrainers Jogi Löw.

Von Pedro Lenz

Vater Löw war im Krieg gewesen, aber darüber redete er zu Hause nicht. Er führte einen Handwerksbetrieb in Schönau im Schwarzwald. Sein erster Sohn kam 1960 zur Welt, drei weitere Buben sollten folgen. Den Ältesten tauften Löws auf den Namen Joachim. Es war ein Junge, der seinen Eltern Freude machte. Er ging gern zur Schule, spielte Fussball und half in der Kirche als Messdiener. Löws kannten keinen Luxus, keine Ferien am Meer, dafür familiären Zusammenhalt und Treue zu traditionellen Tugenden wie Fleiss und Ordnung.

Mit siebzehn zog Joachim Löw nach Freiburg im Breisgau. Er vermisste seine Brüder, die Eltern und das Heimatdorf im Schwarzwald. Aber er hatte die Chance, Fussballprofi zu werden, und die wollte er packen. Bald erkämpfte sich der junge Löw einen Stammplatz beim SC Freiburg. Später spielte er in Stuttgart, Frankfurt und Karlsruhe. Joachim war ein ordentlicher Spieler, vielleicht zu gut für die Zweite Liga, doch nicht ganz gut genug für die Bundesliga. Gegen Ende seiner Spielerkarriere wechselte er in die Schweiz. Hier spielte er für Winterthur, Schaffhausen und Frauenfeld. In der Schweiz lernte Joachim das Trainerhandwerk, und hier lernte er unter anderem auch Rolf Fringer kennen.

Fringer, der heute den FC Zürich trainiert, wurde 1995 zum grossen VfB Stuttgart berufen. Da erinnerte er sich an seinen Kumpel Löw aus gemeinsamen Zeiten in Schaffhausen und holte ihn als Assistenten zum VfB. Als Fringer ein Jahr später weiterzog, erbte Löw dessen Stelle als Cheftrainer. Der Junge aus dem Schwarzwald hatte es erstmals ganz nach oben geschafft.

Von da an war Joachim Löw, bald mit mehr, bald mit weniger Erfolg, Cheftrainer in Deutschland, Österreich und der Türkei. Aber sein Leben sollte noch einmal eine entscheidende Wende nehmen. Als 2005 der ehemalige Starstürmer Jürgen Klinsmann deutscher Bundestrainer wurde, ernannte er Löw zum Assistenten. Die beiden Freunde bauten die deutsche Auswahl von der einst ungeliebten Kraftmaschine zur allseits bewunderten kreativen Wirbeltruppe um.

Wie zuvor in Stuttgart rutschte Joachim Löw bald vom Assistenten zum Chef nach. Die Boulevardpresse nannte ihn fortan nur noch Jogi. Die Nationalelf gewann unter Jogis Leitung zwar keine Titel, aber die Fachwelt war sich einig, noch nie eine ähnlich attraktiv spielende deutsche Mannschaft gesehen zu haben. Alle schwärmten vom Tempo und der Leichtigkeit dieses jungen Teams, das – anders als in früheren Zeiten – immer forsch nach vorne spielte. Jogi Löw wurde zum Heilsbringer des deutschen Fussballs erkoren. Seine Jungs spielten leicht und schön und demontierten an Welt- und Europameisterschaften so traditionsreiche Fussballnationen wie Argentinien, England oder Holland.

Doch dann geschah etwas Unvorhergesehenes: Am 16. Oktober traf Deutschland im Qualifikationsspiel für die WM 2014 auf Schweden. Mit traumhaften Kombinationen spielten Jogis Burschen die Nordländer schwindlig. Nach einer Stunde führte Deutschland 4:0, und die einzige offene Frage betraf zu diesem Zeitpunkt die Höhe des deutschen Siegs. Aber plötzlich erwachten die Schweden aus ihrem Albtraum. In der letzten halben Stunde holten sie Tor um Tor auf, und am Ende eines unvergesslichen Spiels stand es 4:4.

Seither ist der Wundertrainer Jogi Löw in den Augen der deutschen Öffentlichkeit wieder Joachim, der Ministrant aus dem Schwarzwald, der Sohn des Handwerkers, der Mittelmässige aus der Provinz. Eine halbe Stunde in einer Oktobernacht in Berlin hat genügt, um den Gottähnlichen vom Himmel zu holen. Wenn Deutschland endlich wieder Titel holen wolle, müsse es zu den alten Tugenden zurückfinden, fordert Volkes Stimme: grätschen, schwitzen, verteidigen. Möge Jogi Löw sich nicht beirren lassen und uns Fans weiterhin mit Traumfussball beglücken. Was sind schon Titel gegen Träume?

Pedro Lenz ist Schriftsteller und lebt in Olten. Seine liebsten deutschen Fussballer sind Mesut Özil, Sami Khedira und Ilkay Gündogan.

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