Nr. 03/2015 vom 15.01.2015

Die Frauen aus Derendingen

Pedro Lenz über Spitzenfussball im Kanton Solothurn

Von Pedro Lenz

Anfang der Woche hat der Weltfussballverband Fifa in Zürich die Weltbesten im Fussball ausgezeichnet. Es gab zum Beispiel eine Auszeichnung für den besten Trainer. Sie ging an Jogi Löw, der letzten Sommer mit Deutschland die WM gewann. Den Preis für das schönste Tor erhielt der Kolumbianer James Rodríguez für seinen Kunstschuss im WM-Spiel gegen Uruguay. Am meisten zu reden gab freilich der Ballon d’or für den besten Einzelspieler. Er wurde zum zweiten Mal in Folge von Cristiano Ronaldo gewonnen.

Hinter dem Real-Madrid-Star sass während der ganzen Preisverleihung eine Frau, die von vielen Fussballfans wohl nicht einmal erkannt wurde, obwohl sie wenig später die genau gleiche Auszeichnung wie Cristiano Ronaldo erhielt. Sie heisst Nadine Kessler, kommt aus Deutschland und gewann in der vergangenen Saison mit dem VfL Wolfsburg die Champions League und die deutsche Meisterschaft. In manchen Medien nahm die Berichterstattung über die Begleiterinnen der männlichen Stars mehr Platz ein als die Würdigung der besten Spielerin.

Gerade war ich daran, ein bisschen über diese Ungleichbehandlung nachzudenken, als mich ein E-Mail von Franziska Roth erreichte. Franziska Roth ist Kantonsrätin und SP-Präsidentin des Kantons Solothurn, und sie verschickt meistens dann ein Rundmail, wenn sie für ein politisches oder soziales Anliegen kämpft. Ihr Engagement beschämt mich zuweilen ein bisschen, weil ich meistens nicht helfen kann. Auch diesmal bin ich noch nicht dazu gekommen, ihr Mail zu beantworten. Aber weil es um ein Thema geht, das nicht nur die Gesellschaft, sondern auch den Sport betrifft, erlaube ich mir, den Anfang ihres Mails hier publik zu machen.

«Fussball ist keine Frage des Geschlechts! Wenn ich diesen Satz am Stammtisch oder in der Politik jeweils einwerfe, gibt man mir recht. Doch Hand aufs Herz, in der Gesellschaft, im Alltag hat sich dieses Bewusstsein noch lange nicht etabliert, leider nicht einmal dann, wenn es sich um Spitzenfussball handelt. In der Region Solothurn findet Frauenspitzenfussball statt, und nur wenige wissen es. Um aktiv für mehr Anerkennung und Nachhaltigkeit zu kämpfen, gelange ich mit dieser ‹sportlichen› Mail an dich. Die Frauen des Sportclubs Derendingen sind sensationell in der 1. Saison der NLB ungeschlagene Tabellenführerinnen. Das Ziel ‹Erreichen der Aufstiegsspiele!› ist formuliert und wird mit viel Power und Durchhaltewillen angestrebt. Nun gilt es, die Spitzensportlerinnen auch über den Rasen hinaus zu unterstützen.»

Mir ist nicht bekannt, ob Franziska Roth selber Fussball spielt oder wie nahe sie dem Fussball steht. Aber das Anliegen, das sie vorbringt, deckt sich zufällig sehr genau mit den oben beschriebenen Erkenntnissen der Ballon-d’or-Wahlen.

Gerne gebe ich zu, dass ich das Frauenteam des SC Derendingen bisher nicht kannte, die Frauen nie habe spielen sehen und auch nicht wusste, dass sie als Aufsteigerinnen die Nationalliga B anführen. Aber vielleicht geht es Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, ja ähnlich. Vielleicht haben auch Sie bis eben gedacht, Sie wüssten recht gut über Fussball Bescheid – und merken jetzt, dass Sie mit Fussball vor allem den Männerfussball gemeint haben.

Falls dem so ist, haben Sie Gelegenheit, am 21. Februar um 18 Uhr das erste Rückrundenheimspiel der Derendingerinnen zu besuchen. Sie spielen dann zu Hause gegen den SC Schwyz. Und falls Sie an besagtem Samstag schon etwas loshaben, ist es auch nicht so schlimm, Frauenfussball wird im ganzen Land gespielt. Es gibt fast immer und fast überall Gelegenheit, Spiele von Frauenequipen zu besuchen. Denn solange wir aus den Medien mehr über die Partnerinnen der männlichen Stars erfahren als über die spielenden Frauen, müssen wir selbst hin, wenn wir uns ein Bild über Frauenfussball machen wollen.

Pedro Lenz ist Schriftsteller und lebt in Olten. Er gelobt Besserung, was seine Kenntnisse über Frauenfussball betrifft. 

Die gesammelten Sport-Kolumnen von Etrit Hasler und Pedro Lenz sind neu in Buchform im WOZ-Shop erhältlich.

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