Nr. 43/2012 vom 25.10.2012

Ein Tor zu Gott

Ein Popstar mit aussergewöhnlichem Kultstatus: Seit seinem Tod vor fünf Jahren pilgern Tausende von Menschen in Todor Proeskis Heimatort in Mazedonien. Ein Augenschein in Krusevo.

Von Marina Bolzli und Lucia Vasella (Text und Foto), Krusevo

Als ob er beten würde: Plakat von Tose Proeski beim Museum in Krusevo.

«Wo alles auseinandergegangen ist, da hat ein junger Mann durch seine Musik und Stimme die Menschen alle verbunden.» «Den grössten Engel vom Balkan haben wir verloren.» Mit solchen Worten verabschiedeten sich Fans im Internet von ihrem Idol Todor Proeski, als der 26-jährige mazedonische Popsänger vor fünf Jahren, am 16. Oktober 2007, bei einem Autounfall starb. Die Bestürzung war gross und reichte weit über die Grenzen des ehemaligen Jugoslawien hinaus. Die zitierten Reaktionen waren Kommentare auf den damaligen Nachruf in der NZZ, der von der Exilgemeinde in der Schweiz zum Kondolenzbuch umfunktioniert wurde.

Als Sänger lieferte Proeski eingängigen Pop mit nicht allzu banalen Texten, die vor allem von Liebe und Glauben handelten. Immer wieder nahm er Elemente der mazedonischen Volksmusik auf. Nach seinem ersten grossen Hit, «Pusti Me» («Lass mich»), begann er bald auch auf Serbokroatisch zu singen. Das öffnete ihm den Zugang zu den anderen exjugoslawischen Ländern, und er wurde rasch im ganzen Balkan bekannt. Und beliebt, denn er blieb politisch immer neutral und gab viele Konzerte zu wohltätigen Zwecken. Die Begeisterung für Proeski beschränkt sich nicht nur auf seine Fans. Auch das Oberhaupt der mazedonisch-orthodoxen Kirche, Erzbischof Stephan, liess als Reaktion auf seinen Tod verlauten: «Mazedonien und der Balkan haben einen Engel verloren.» Der Tag seiner Beerdigung wurde zum Volkstrauertag erklärt.

Einblick in Toses Wohnzimmer

Heute pilgern zahlreiche Fans in Proeskis Heimatort, das Bergstädtchen Krusevo, um ihrem Helden nahe zu sein. Dort hat ihm das mazedonische Kulturministerium ein überdimensioniertes Museum errichten lassen. Es huldigt Proeski als Sänger, Gläubigem und Wohltäter. Proeski verstand es, diese drei Dinge in seiner Karriere auf eine Art zu verbinden, die ihm Sympathien im gesamten Balkan sicherte. Aber ob sich damit gleich ein Gebäudekomplex rechtfertigen lässt, der ähnlich aufwendig gebaut wurde wie das Zentrum Paul Klee in Bern?

Das Museum liegt ganz oben im Städtchen. Vom Zentrum aus folgt man der Todor-Proeski-Strasse den Hang hoch und steht plötzlich in einer bizarren Museumslandschaft. Den Mittelpunkt bildet ein riesiger, halb verwaister Parkplatz, auf einer Plakatwand prangt das Bild des Popstars, der von allen nur «Tose» genannt wird. Er hält die Hände zusammen und schaut in den Himmel, als ob er beten würde. Rechts davon steht das futuristisch angehauchte Makedonium, gewissermassen das Rütli Mazedoniens (vgl. «Schon immer ein Pilgerort» im Anschluss an diesen Text). Links irritiert der ambitionierte Neubau, das Todor Proeski Memorial House. Darin befinden sich Wachsfiguren, die seine Kleider tragen, dort stehen sein Motorrad und sein Fahrrad. Die Wohnzimmereinrichtung und seine Kreditkarten sind ausgestellt. Seine Auszeichnungen sind zu bestaunen, und seine Musik ist zu hören. Das Museum ist ganz auf eine Kultfigur ausgerichtet, die alle anderen KünstlerInnen im Land überstrahlt. 150 000 BesucherInnen seien seit der Museumseröffnung im April 2011 hier gewesen, berichtet ein Museumsmitarbeiter.

Das Museum wurde vom mazedonischen Kulturministerium finanziert. Glas und weisse Wände formen ein Gebäude in Kreuzform. Ein architektonisches Meisterwerk, behauptet man in Krusevo. «Zu gross und zu modern für Tose», findet Boris Markoski (45). Er hat den Sänger persönlich gekannt, «etwas Bescheideneres hätte ihm mehr entsprochen, trotz seiner Bekanntheit blieb er immer auf dem Boden», meint er. Markoski ist seit eineinhalb Jahren Museumswärter des Makedoniums. Zuvor war er in einer Fabrik angestellt, die geschlossen wurde. Jetzt arbeitet er ehrenamtlich, denn das Kulturministerium hat kein Geld, um ihn zu bezahlen. Alles fliesst in das neue Museum.

Aus Slowenien, Kroatien, Bulgarien, Serbien reisen die Fans an. Es sind Menschen jeglichen Alters. Ein älterer Herr aus Wien, der aus Zagreb stammt, bereut es, dass er den Sänger nicht live erlebt hat. Zwei Bulgaren haben gar ihre Ferien zu Ehren Toses in Krusevo verbracht.

Schlafzimmer im Kloster

Neben dem Museum werden auch Proeskis Grab und sein religiöser Rückzugsort besucht. Das Kloster St. Preobrazenje liegt rund acht Kilometer entfernt. Die kleine Kirche und das Haus mit Schlafräumen stehen zwischen zwei Hügeln auf gut 1600 Metern über Meer. Ein von weitem sichtbares goldenes Kreuz auf einem der Hügel weist den Weg. Hierher sei Tose oft alleine gekommen, wenn er Ruhe brauchte, erzählt sein Grossonkel, der heute Klosterwart ist. Er führt die BesucherInnen durch die Räume und erzählt dabei mehr über Proeski als über das Kloster. Tose habe schon als ganz kleiner Junge gesungen und Klavier gespielt. Er zeigt Proeskis Lieblingsstein in der Kapelle und sein Schlafzimmer. Zwei serbische Klosterfrauen lehnen die Einladung zur Zimmerbesichtigung ab, huschen stattdessen zu ihrem Auto und fahren davon.

Das Zimmer und die Kapelle sind übersät mit Geschenken und Fanpost. Tose ist im Kloster allgegenwärtig. Auf dem Parkplatz steht wieder eine riesige Plakatwand mit seinem Abbild, diesmal in einer Art Mönchskutte und mit einem Kreuz um den Hals. Beim Altar steht sein Foto neben zwei Heiligenbildern. Hier ist er nicht nur Held, sondern Heiliger.

Denn Tose wird auch als Wohltäter verehrt. Er hat Geld für Waisenkinder gespendet, wurde mit dem Mutter-Teresa-Preis ausgezeichnet und war Unicef-Botschafter für Mazedonien. Die Renovation des Klosters hat er zum grossen Teil finanziert. «Er hat den Menschen persönlich geholfen, ihnen zugehört, sie beraten», sagt sein Grossonkel. Für ihn ist eine Heiligsprechung nicht ausgeschlossen. Die Familie habe schon Briefe an den Vatikan geschrieben, berichtet er kroatischen Besucherinnen. Die erstaunt das nicht. An einem von seinen Konzerten habe sie sich wie von einem Engel berührt gefühlt, erzählt eine der beiden jungen Frauen, Tose sei wie ein Tor zu Gott gewesen. Die Frau ist gekommen, um der Familie ein selbst gemaltes Bild des Sängers zu übergeben, an dem sie wohl Stunden gearbeitet hat.

Statue von Bruce Lee

Todor «Tose» Proeski verbindet die Menschen einer Generation, die nicht mehr zurückschauen möchten. Aber warum taugt gerade ein Popsänger als Integrationsfigur, wird zum völkerverbindenden Helden?

Vielleicht weil es keine anderen Vorbilder mehr gibt in den Ländern des ehemaligen Jugoslawien. Die Zeiten Titos sind vorbei, seine Büsten wurden weggeräumt, die Strassen umbenannt. Nach ihm begannen die Unruhen, die Kriegswirren. Vorbilder aus jenen düsteren Zeiten kann es nicht geben, jedenfalls nicht für aufgeklärte ZeitgenossInnen. Woran sollen sich die Menschen halten? Bleiben politisch unbefleckte Idole. Zum Beispiel Hollywoodstars, MusikerInnen oder SportlerInnen. Im bosnischen Mostar wurde 2005 eine Statue von Bruce Lee enthüllt, 2008 verewigte man Bob Marley im serbischen Banatski Sokolac, 2010 durfte Johnny Depp im serbischen Drvengrad sein Abbild einweihen. Die Errichtung dieser Denkmäler war weitgehend unumstritten.

Und in Krusevo verehrt man einen Popsänger, der politisch neutral blieb, gläubig war und grosszügig. Ob man ihn als Symbol für die Wiederannäherung der Völker im Balkan sehen kann oder ob diese Starverehrung doch eher Ausdruck einer Identitätskrise ist, bleibt ungewiss. Der mazedonische Staat hält an Todor Proeski fest. Das arme Land investiert in ihn, stellt ihm ein Denkmal, von dem nicht sicher ist, ob es in einigen Jahren noch interessiert. Derweil schlurfen die Jugendlichen von Krusevo durch die Todor-Proeski-Strasse, die früher Marsal-Tito-Boulevard hiess. Die jungen Männer tragen Frisuren wie ihr Vorbild und hoffen, es eines Tages auch so weit zu bringen, dass eine Kleinstadt in ihrem Abglanz lebt.

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