Nr. 25/2014 vom 19.06.2014

Nichts als die Wahrheit

Im Jugoslawienkrieg war Vukovar eine der am meisten umkämpften Städte. Bis heute wirkt die Vergangenheit nach. Zwischen den kroatischen und den serbischen BewohnerInnen verläuft eine unsichtbare Mauer. Beide Seiten fühlen sich als Opfer. Beide kämpfen für die Wahrheit.

Von Ariana Zustra (Text) und Christoph Kellner (Foto), Vukovar

Schwer gezeichnet: An der Ulica Josipa Jurja Strossmayera, die ins Zentrum von Vukovar führt, sind mehr als zwanzig Jahre nach dem Krieg noch an vielen Fassaden die Schusslöcher sichtbar.

Auf dem grössten Friedhof Kroatiens scheint die Sonne. Vukovar ist an diesem Nachmittag menschenleer. Ruinen, überall Ruinen. Alle paar Schritte trägt ein Gebäude Narben aus dem Krieg: verbranntes Gebälk, Löcher von Granaten so gross wie eine Faust oder ein Kopf. Gemäuer, nackt bis auf die Ziegel, wie Skelette, ohne Dach. Efeu verschluckt einen Backsteinbau am Stadtrand, Büsche verschlingen ihn von innen heraus. Manche Häuser scheinen erst kürzlich verlassen worden zu sein. Von einstigem Leben zeugen umgekippte Kommoden, Kalender mit alten Jahreszahlen, zerrissene Prospekte, Glasscherben, morsche Bretter, dazwischen ein verdreckter Pullover, bedeckt mit einer Schicht aus Staub und Zeit. Die Stille ist ein schwerer Teppich, unter den zu viel gekehrt wurde.

Die Hafenstadt liegt an der Mündung der Vuka in die Donau; nur einige Hundert Meter trübes Wasser trennen sie vom «Feindesland» Serbien. Der zerbombte Wasserturm am Donauufer, fünfzig Meter Kriegstrauma, ist heute das Wahrzeichen Vukovars. Die Flanierstrasse der Innenstadt ist eine Wunde, die immer wieder aufgerissen wird. Zwischen den Bürgersteigen liegt über Hunderte Meter hinweg Schotter, Staub und Sand, wie Innereien, als hätten die Bomben erst unlängst eingeschlagen. Die Bauarbeiten ziehen sich seit Jahren hin. Es wird viel getan an der Oberfläche der Stadt. Jeden Tag wird in Vukovar ein Stück aufgeführt, das den Titel «Normalität» trägt: Man geht Kaffee trinken, erledigt Einkäufe, streift die Donau entlang.

Seit Kroatien am 1. Juli 2013 der Europäischen Union beigetreten ist, kommen JournalistInnen aus vielen Ländern. Kreuzfahrtschiffe der Donau bringen Neugierige an Land. Sie alle wollen sie besuchen, die tragische Heldenstadt, Symbol kroatischer Selbstbehauptung, wollen ihre Kriegsschauplätze sehen. Die Einheimischen verstehen nicht, warum Fremde sehen möchten, was sie nicht mehr sehen wollen.

Gemeinsam tanzen bis spätnachts

«Es ist schön, in Vukovar zu leben!» Eine Augenbraue scheint immer ein wenig mehr hochgezogen als die andere, das verleiht der 63-jährigen Lena Vrtaric etwas für ihr Alter Draufgängerisches. Sie lehnt sich in das weisse Ledersofa des Cafés am Donauufer. Hier ist sie gern, weil es neutral ist und nicht getrennt nach SerbInnen und KroatInnen wie die Cafés an der Vuka-Promenade. «Ich bin eine moderne Oma», sagt sie und grinst mit nur einem Mundwinkel. In Lenas blonder Bubikopffrisur steckt eine Sonnenbrille, ihr Gesicht ist von gleichmässigen, tiefen Furchen gezeichnet wie die Schale einer Jakobsmuschel.

«Politiker blasen Vukovar immer zu einer Tragödie auf», sagt Lena und imitiert das Wimmern eines Babys: «Njä, njä, njä.» Sie fährt fort: «Dabei hat sich die Situation in den letzten Jahren verändert. Viele Fassaden sind erneuert. Heute amüsieren sich die jungen Kroaten und Serben gemeinsam und gehen bis spätnachts tanzen.»

Damit meint sie auch die drei Studentinnen, mit denen sie sich im Café verabredet hat. Es ist eine Besprechung von Lenas Verein Vukovarci dobre volje, die Vukovarer des guten Willens. Die insgesamt etwa fünfzig Mitglieder singen im Chor oder stellen Theaterstücke auf die Beine. Zurzeit planen sie ein Musical, das in den verschiedenen Sprachen der Minderheiten Vukovars aufgeführt werden soll. Über Jahrhunderte haben hier Serbinnen, Deutsche, Russen, Ungarinnen, Ukrainer und zahlreiche andere zusammengelebt.

Grenzstadt Vukovar (Grosse Ansicht der Karte) Karte: WOZ

Wie viele dieser Nationalitäten im Verein vertreten sind, will niemand so genau wissen. Nationalität sei bei ihnen kein Thema, betonen sie. Ohnehin sei jeder Vukovarer, jede Vukovarerin schon immer «etwas Vermischtes» gewesen. So wie Lena. Ihr Vater war Herzegowiner, ihre Mutter geborene Russlandkroatin, die von einer Mazedonierin und einem Griechen aufgezogen worden war. Wenn ein kroatisches und ein serbisches Kind nicht nebeneinander im Chor singen wollen, «dann können sie nicht Mitglied in unserem Verein sein», sagt Lena. Versöhnungsarbeit ist zu anstrengend.

Eine junge Frau mit braunen Kringellocken windet sich im Sofa, verschränkt die Beine, schiebt sich die Hände unter die Oberschenkel. «Du hast doch gesagt, wir reden nicht über dieses Thema», flüstert sie Lena zu und kräuselt die Stirn. «Dieses Thema» ist das getrennte Alltagsleben von KroatInnen und SerbInnen in Vukovar. «Das hängt mir zum Hals heraus», sagt die junge Frau mit Nachdruck. Sie möchte weder ihren Namen noch ihre Nationalität preisgeben. «Ich hasse diese Frage: Was bist du?», sagt sie. «Ich bin nichts. Ich bin ein Mensch.» Nein, Nationalität sei bei ihr «kein Thema».

Die Russlandkroatin Ana Bucko (22) möchte den geplanten Poesieabend, «Vece poezije», wie sie sagt, besprechen, worauf sie Katja Petrovic (27), halb Serbin, halb Kroatin, korrigiert: «Meinst du vece oder vecer?» Natürlich meinte Ana «vecer», das kroatische Wort für «Abend» und nicht das serbische. Früher, als beides bloss zwei Dialekte einer Sprache waren, hätte wohl niemand nachgehakt. Aber in Zeiten, in denen Sprache neuen Hass schürt, ist man hellhöriger. Im September zerschlug ein Mob die neu angebrachten Schilder in serbisch-kyrillischer Schrift auf öffentlichen Plätzen. Ein Gesetz sieht Zweisprachigkeit vor, wenn eine Minderheit über 30 Prozent der Bevölkerung ausmacht. In Vukovar leben 35 Prozent SerbInnen, aber es sind viel mehr, oder viel weniger, je nachdem, wen man fragt.

«In Vukovar gibt es drei Typen von Menschen: die extremen Kroaten, die extremen Serben und die Normalen», sagt Katja. «Und wir sind die Normalen.» Das muss die Wahrheit sein, weil in Vukovar jedeR die Wahrheit sagt.

Indianer statt Serben

Der Serbe, der seinen Namen nicht nennen möchte, kennt «die Wahrheit». Seine Wahrheit steht in zwei Büchern, die er gelesen hat. Der Dreissigjährige werkelt am Zaun, seine beiden fünfjährigen Zwillingssöhne spielen im Garten. Während der Vater mit seiner kräftigen Statur an Balu erinnert, den Bären aus dem «Dschungelbuch», wirken die Jungs mit ihren wuscheligen Haaren wie Mowglis. «Kommt mal her, Kinder», ruft er. «Was seid ihr?», fragt er. «Indianer», sagen sie und kichern. Das glauben sie wirklich. Er möchte seinen Kindern beibringen, nicht in den Kategorien «Kroate» und «Serbe» zu denken. Deswegen wissen sie auch nicht, dass sie serbisch sind, dass ihr Vater sie tagsüber zu Hause behält, damit sie in den nach KroatInnen und SerbInnen getrennten Kindergärten und Schulen nicht mit Nationalismus «vergiftet» werden. Sie verstehen auch nicht, warum der junge kroatische Nachbar, der in diesem Moment an ihrem Haus vorbeigeht, ihren Vater nie grüsst, obwohl dieser ihnen beigebracht hat, dass Menschen freundlich zueinander sein sollen.

«Hier werde ich immer nur Serbe sein. Für die Kroaten sind wir alle Aggressoren», sagt der junge Vater. Der «Aggressor» war damals acht. «Die Kroaten vergessen, dass es auch meine Stadt war, die zerstört wurde. Ich wollte das genauso wenig wie sie.»

Er verschwindet im Haus und holt die Bücher, in denen die Wahrheit steht: «Serbische Heimat» und «Nehmt euch in Acht, dass euch niemand täuscht». Nun steht der Vater im Garten und liest mit röhrender Stimme vor: «Das Leiden des serbischen Volks im 20. Jahrhundert ist noch nicht genug ans Tageslicht gekommen.» Er sagt, dass vor Ausbruch des Kriegs fast hundert serbische Vukovarer von Kroaten getötet wurden. «Es gab Massaker, die die kroatischen Nationalisten der Ustascha im Zweiten Weltkrieg an Serben verübt haben, die bis heute verschwiegen werden.» Er tippt immer wieder auf die Seiten. «Daher rührt die tief sitzende Angst der Serben vor den Kroaten. Sie wollten ihr Volk nur schützen!» Die Massaker der serbischen Nationalisten, der Tschetniks, an den KroatInnen im Zweiten Weltkrieg erwähnt der Mann nicht. «Aus Dialogen werden in dieser Stadt immer Monologe», sagt er, nachdem er zwei Stunden am Stück geredet hat.

Der Franziskanerpater Gordan Propadalo (73) kennt «die Wahrheit» auch. Seine Wahrheit steht in einem Buch, das er gelesen hat: «Kroatische Enzyklopädie». Er holt die Wahrheit aus dem Regal des Lesezimmers im Kloster. Sie besagt, dass die Serben blutdürstig nach einem grossserbischen Imperium lechzten. Bruder Gordan, Prediger des Friedens, redet viel über den Krieg. «Das serbische Volk ist mit der Lüge infiziert, es hätte im Zweiten Weltkrieg unter Kroaten gelitten», sagt er. Objektive Wahrheit sei von subjektiver zu trennen, mahnt der Franziskanerpater, die grosse Gestalt in dunkler Kutte. Kriegsverbrechen der Kroaten? Nein. Kroaten wollten ihre Heimat nur schützen. Allen BesucherInnen des Klosters zeigt Bruder Gordan im Vorführsaal einen Dokumentarfilm über den Krieg in Vukovar, als sei das die Voraussetzung für ein Gespräch. Nach Bildern von Leid und Zerstörung sagt die Stimme aus dem Off: «Die Stadt, das bist du.» «Diese paar Naiven in den Vereinen relativieren das Leid der Menschen. Es gibt kein Zusammenleben in dieser Stadt», sagt Bruder Gordan, dessen erhobener Zeigefinger so viel spricht wie seine Worte. «Wenn die wahre Vergangenheit nicht aufgearbeitet wird, gibt es wieder Krieg.»

Vom kleinen Wien zur Märtyrerstadt

Mit dem Franziskanerbruder hat Lena neulich gestritten. «Ein Kirchenvertreter darf keinen politischen Standpunkt einnehmen! Hallo?!», sagt Lena, wobei sie das H verschluckt. Lena steht im Adica-Park, dem, wie sie meint, «schönsten Park der Stadt», der mehr ein Sumpf ist, und wedelt die Mückenplage weg. Sie und ihr Mann Marko machen heute eine Stadttour. Der Weg durch den Wald führt über eine Holzbrücke zu einer Lichtung, die den Blick auf eine serbisch-orthodoxe Kapelle freigibt.

Ihr Mann trottet hinter Lena her. Wie immer hat er das Reden ihr überlassen. Nur ab und zu nickt er und lächelt unter seinem weissen Schnurrbart. «Vukovar war früher eine der reichsten Städte Jugoslawiens. Wir haben in Einheit miteinander gelebt», schwelgt Lena. Das Städtchen gehörte einst zur Habsburgermonarchie und soll so schön gewesen sein, dass man es wegen seiner barocken Baukunst «kleines Wien» nannte. Vor der serbisch-orthodoxen Kapelle hat sich eine Festgemeinde versammelt, um eine Taufe zu feiern. Lena beginnt zu flüstern: «Manche Kroaten würden eher sterben, als da hineinzugehen.» Sie zückt eine Zigarette aus ihrem Metalletui. «Die Menschen lieben ihre Stadt, aber sie hassen sich untereinander.» Schulterzucken. Nichts Neues.

Weil Vukovar im Krieg den Angriffen so lange trotzte, wurde die Stadt zum Symbol für die Unabhängigkeit des kroatischen Staats. Deshalb darf in der «Märtyrerstadt» die Vergangenheit nie ganz ruhen, weil sie die kroatische Identität zusammenhält.

Der Kroate Marjian Zivkovic (74) lebt in der Vergangenheit. Er hält seinem Gegenüber Bilder seiner beiden im Krieg gefallenen Söhne vor die Augen, als sei dies der zwingende nächste Schritt nach einer Begrüssung. Nikola und Marko sind immer bei ihm, in der Hosentasche, auch im Auto, wo ihre Fotos am Rückspiegel baumeln. Er und seine Ehefrau Marta Zivkovic tragen seit 22 Jahren schwarz.

Marjian zeigt den Schrein im Wohnzimmerschrank, den Marta und er für ihre beiden Söhne errichtet haben. Für Bilder ihres lebenden Sohns Duro ist nur noch im Schlafzimmer Platz. Marta breitet ihre Arme aus: «Als seine beiden Brüder starben, war es unserem mittleren Sohn, als hätte man ihm seine beiden Flügel zum Fliegen genommen.» Ihre Augen füllen sich mit Tränen. Marjians und Martas grösster Wunsch ist es, den verschollenen Leichnam ihres Jüngsten zu finden und zu bestatten. Sie werden ihn suchen, bis sie sterben.

Mit seinen Freunden der Vereinigung Stozer za obranu hrvatskog Vukovara (Generalstab für die Verteidigung eines kroatischen Vukovar) sitzt Marijan Zivkovic des Öfteren im kroatischen Café am Vuka-Ufer. Dann beratschlagen sie, wie man Vukovar vom Serbisch-Kyrillischen rein halten könnte. Als Anfang September die ersten Schilder in der «Feindessprache» aufgehängt wurden, holte Marijan Zivkovic als einer der Ersten einen Hammer aus dem Hosenbund und zertrümmerte sie. «Ich bin für Gerechtigkeit», rief er dabei.

Auch die Kroatin Ruzica Barbaric (62) lebt in der Vergangenheit. Sie wurde im Krieg vergewaltigt, wieder und wieder. Sie lacht ab und zu, sogar mit ihren Augen. Soldaten haben sich so oft an ihr vergangen, dass sie nicht mehr sagen kann, ob es zehn waren oder auch zwanzig, wie viele Dutzend Mal am Tag und wie lange es dauerte.

«Aber man muss doch die Wahrheit wissen»

An diesem Morgen ist Ruzica auf dem Weg ins Vereinshaus der Zene u domovinskom ratu, der Frauen im Heimatkrieg. Sie spaziert den Marktplatz entlang, wo Gemüse, Kleidung und Trauerblumen verkauft werden. Ein altes Männlein mit Fischermütze und verbeulter Hose fährt auf einem Fahrrad vorbei und wünscht ihr einen guten Morgen. Ruzica zetert. «Ich habe Ihnen gesagt, dass ich nicht mit Ihnen reden will! Sie haben Kroaten im Krieg verraten. Hören Sie auf, mich zu grüssen!» Kommentarlos trottet das Männlein in die nächste Bäckerei, steigt danach auf sein Rad und rollt weg.

«Weder Serben noch Kroaten in Vukovar wollen hören, was wir zu sagen haben. Aber man muss doch die Wahrheit wissen», sagt sie. Es soll Frauen in Vukovar geben, die leben Tür an Tür mit ihrem Peiniger, sehen ihn fast täglich, im Supermarkt oder im Café.

Ruzica wurde verschleppt ins Velepromet, eine Warenhalle am Stadtrand, die zu einem Gefangenenlager umfunktioniert worden war. Manchen KroatInnen im Lager wurde ein U für Ustascha in die Stirn geschnitten, anderen wurden die Augen ausgestochen. Von den etwa 1200 InsassInnen des Velepromet wurden offiziell 738 erschossen oder enthauptet, manche von ihnen in den Öfen der nahe gelegenen Backsteinfabrik verbrannt oder in die Donau geworfen, bis das Wasser dunkelrot war. Die serbische Regierung schweigt sich bis heute über die Existenz solcher Lager aus.

«Am meisten Schuld gebe ich meinem serbischen Nachbarn. Er lockte mich in einen Lastwagen, der mich ins Lager brachte.» Ein Jahr lang trug sie ein Küchenmesser bei sich, in der Hoffnung, ihm über den Weg zu laufen. Ruzica setzt sich an den Tisch im Aufenthaltsraum des Vereinshauses und nimmt einen Keks aus der Schüssel. «Manchmal bereue ich, ihn nicht getötet zu haben.» Sie verabscheue Verbrechen, sagt Ruzica.

Serben sind überall, davon ist Ruzica überzeugt: in öffentlichen Ämtern, in den renovierten Häusern, in Integrationsvereinen. Angeblich sogar solche, die Kriegsverbrechen begangen haben. Auch die Polizei sei in den Händen «des Feinds», sonst hätte sie doch schon längst für Recht gesorgt.

Ruzica meidet den Kontakt mit SerbInnen. «Es ist eine Lüge, dass das Zusammenleben sich verbessert hat. Für die Serben vielleicht. Für mich nicht.» Leute, die sagen, man solle nach vorn schauen, haben nichts Schlimmes im Krieg erlebt, anders kann es sich Ruzica nicht erklären. «Diese ‹Vukovarer des guten Willens› sollen mal herkommen, die haben uns noch nie besucht. Genau wie alle anderen.»

«Ich habe schon zehn sogenannte Wahrheiten über diese Ruzica gehört», sagt Lena Vrtaric. Diese alte Wichtigtuerin, tuschelt und flüstert es in den Ecken der Stadt. «Hier misst jeder, wessen Leid das grössere ist», sagt Lena. Sie und ihr Mann stehen vor dem Krankenhaus, der nächsten Sehenswürdigkeit dieser Stadt. Als Vukovar am 18. November 1991 gefallen war, stürmten feindliche Soldaten das Kriegsspital, verschleppten 261 PatientInnen und erschossen sie auf einem Acker. Der Keller, in dem die Verwundeten und Kranken litten, ist heute ein Museum. Der Flur ist kahl, Rohre liegen blank, an der Decke klafft das Loch eines Bombeneinschlags als Erinnerung. Auf weissen Kacheln stehen die damaligen Tagebuchnotizen der Krankenhausleiterin: «6. November, Mittwoch: mindestens 55 Verwundete aufgenommen. Unter unmöglichen Bedingungen werden über 350 Verletzte versorgt.» Ein Bildschirm zeigt Blutende, Gliederlose, die sich in diesem Keller drängten wie jetzt die besuchenden Schulkinder. Diese tragen Soldatenmützen der kroatischen Verteidiger; jede Besucherklasse bekommt sie am Eingang geschenkt. Manche der Kinder schliessen die Augen. «Mit dieser Art von Bildung belastet man neue Generationen mit der Vergangenheit», sagt Lena, die Hände in die Seiten gestemmt. «Wenn die Kinder aus dem Krankenhaus raus sind, werden sie nur wieder alle Serben hassen.»

Im Bunker hinter einer Metalltür scheint die Zeit im Jahr 1991 stehen geblieben zu sein. Kranke, Ärzte, Schwestern werden von lebensgrossen Puppen nachgestellt, die in Feldbetten liegen, verarzten, trösten. Das Licht ist feuchtkalt. Es riecht nicht mehr nach Siechtum wie damals, dafür modrig. Als gelernte Krankenschwester half Lena während des Kriegs, auch in diesem Spital. Nachdem Vukovar gefallen war, wurden Lena, ihre beiden Kinder und ihr Mann getrennt und in Gefangenenlager deportiert. «Ich versuche, vieles zu vergessen, weil ich sonst verrückt werde», sagt Lena, während sie durch die Krankenzimmer des Museums schlurft. «Ich habe auch angefangen, manche Erinnerungen in Spässe umzudrehen.» Sie johlt: «Wie wir gestunken haben! Wie wir in Eimer gepinkelt haben!» Lena hat jetzt genug vom Krankenhaus. Sie hasst Keller, noch immer.

Von den jungen Leuten in Lenas Verein hat kaum jemand die Kriegsstätten der Stadt besucht. Lieber gehen sie in die neue Disco auf einem Schiff am Donauufer. Wenn sie dort ausgelassen tanzen, sieht es fast aus wie Normalität.

«Wenn die Leute bloss miteinander reden würden!»

Die letzte Station ist die schwerste. Eine Stadttour in Vukovar ist eine Tour der Grausamkeiten. Aus der Stadt heraus führt ein Weg kilometerweit an Maisfeldern entlang zum Massengrab Ovčara. Auf dem Acker einer Schweinefarm wurden die 261 Verschleppten des Krankenhauses erschossen und in einer Grube verscharrt. An dieser Stelle sind 200 Sträucher gepflanzt worden, einer für jede Person, die nach der Exhumierung noch identifiziert werden konnte. Gedenktafeln, Kreuze und Blumen liegen im Gras. Regelmässig müssen sie erneuert werden, weil sie über Nacht verschwinden oder verunstaltet werden.

Stille lastet auf diesem Feld. Lena ist so wortkarg wie ihr Mann geworden. «Solange nicht alle Kriegsverbrecher zur Rechenschaft gezogen werden, gibt es kein Miteinander», sagt Lena und blickt auf die umgetretenen Kerzen. Niemand weiss, ob der Angriff auf Vukovar am Ende nicht zwischen dem kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman und dem serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic ausgehandelt war. Ob Vukovar geopfert wurde, damit der Rest des Lands frei sein konnte.

Stacheln Politiker den Hass immer wieder aufs Neue an, um Traumatisierte zu manipulieren? Vielleicht können die Wunden der BewohnerInnen Vukovars nie heilen. Vielleicht sollen sie aber auch nicht. «Wenn wir bloss ein für alle Mal die wirkliche Wahrheit erfahren würden, damit die Vergangenheit ruhen kann.» Ohne sarkastischen Kommentar, ohne lässige Geste, ohne Theatralik bleibt von Lena nur Ernsthaftigkeit übrig.

«Wenn die Leute bloss miteinander reden würden.» Lena Vrtaric wandelt den steinernen Pfad entlang. «Aber so etwas ist unmöglich. Jeder hat seine eigene Wahrheit.» Im Auto auf dem Rückweg nach Vukovar blickt Lena über die endlosen Felder zum Horizont. «Wenn ich das Geld hätte, würde ich noch heute Nacht von hier verschwinden.»

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