Nr. 45/2012 vom 08.11.2012

Parallelwelten – ganz seriös

Von Michael Saager

Von der Erkenntnistheorie Platons bis zu den neurobiologischen Betrachtungen eines Gerhard Roth oder Wolf Singer: Es wurde und wird viel diskutiert über «das Wesen der Wirklichkeit» – über die Wirklichkeit der Wirklichkeit etwa, die vermeintliche Unmöglichkeit ihrer objektiven Erkenntnis oder das menschliche Gehirn und seine sehr spezifische Wirklichkeit.

So richtig kompliziert, möglicherweise «verrückt» wird die Sache mit der modernen Astrophysik – dann nämlich erscheint «die Wirklichkeit» im Plural. Was wäre, fragt der Harvard-Physikprofessor und Wissenschaftsautor Brian Greene («Das elegante Universum»), wenn das Universum «nicht die Gesamtheit aller Dinge» wäre? Wenn es «zwei, drei, ja unendlich viele Universen» gäbe? Klingt fast so, als würde sich durch die Bejahung solcher Fragen an unserem zukünftigen Allerweltsalltag etwas ändern, was kaum der Fall wäre. Gleichwohl hat sich das Thema «Parallelwelten» mächtig emanzipiert – vom Topos «spinnerter» Science-Fiction zum Gegenstand «seriöser» Physik.

In seinem jüngsten Buch «Die verborgene Wirklichkeit» zeigt Greene, wie man das macht: einen verflixt anspruchsvollen, voraussetzungsreichen Untersuchungsgegenstand ebenso verständlich wie spannend darzustellen. An die Anfänge der Kapitel über «Die Grenzen der Wirklichkeit», «Schwebende Universen», das «Quanten-Multiversum» oder «Holografische Multiversen» hat er bündige Einführungen über die Relativitätstheorie, Quantenmechanik und die Stringtheorie gestellt – Rüstzeug für Weiteres. Inwiefern die Quantenmechanik nahelegt, «dass jede in ihren Wahrscheinlichkeitswellen verkörperte Möglichkeit in einem aus einer Riesenzahl von Paralleluniversen realisiert ist», kann man so beinahe verstehen.

Greene ist sich sicher, dass es Paralleluniversen gibt, beweisen aber lassen sie sich nicht. So gesehen handelt es sich um eine Frage des Glaubens jenseits der Religion. Dass der Autor von wissenschaftlichen Zweifeln gerade nicht schweigt, macht das Buch noch interessanter.

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