Nr. 46/2012 vom 15.11.2012

Der sensible Heisssporn

Pedro Lenz über eine unbekannte Seite von Bernard Challandes.

Von Pedro Lenz

Bernard Challandes kommt aus Le Locle im Neuenburger Jura. Er spielte recht gut Fussball, aber er brachte es als Spieler nicht ganz bis an die Spitze. Immerhin verteidigte er für Urania Genf in der damaligen Nationalliga B. Später wurde er Französischdozent an der Uhrenfachschule in seiner Heimatstadt. «Ich musste junge Menschen in Sprache und Literatur unterrichten. Das Problem war bloss, dass diese jungen Menschen sich fast nur für Technik interessierten. Zahnräder lagen ihnen näher als Gustave Flaubert. Der Französischunterricht hatte überhaupt keine Wichtigkeit.» Bald gab Challandes die Lehrtätigkeit auf, um Fussballtrainer zu werden. Seine erfolgreiche Karriere begann in La Chaux-de-Fonds und führte ihn über zahllose Stationen zum FC Thun.

Vor wenigen Tagen begegnete ich Challandes an einer Konferenz in Bern. Die Konferenz hiess «Fachtagung zur Prävention und Bekämpfung des Illettrismus». Menschen mit Lese- und Schreibschwäche können mit diesem Titel vermutlich wenig anfangen. Aber genau um diese Menschen ging es bei besagter Fachtagung. Die Prävention und die Bekämpfung des Illettrismus sind keine leichte Aufgabe in einem Land und einer Zeit, in der Zahlen wichtiger sind als Buchstaben. Menschen, die einmal Lesen und Schreiben gelernt haben, denen diese Fertigkeiten jedoch wieder abhanden kommen, reden nicht gern über ihre diesbezügliche Schwäche. Gibt ihnen jemand einen Text zur raschen Durchsicht, sagen sie zum Beispiel: «Merci, ich will es mir zu Hause in aller Ruhe anschauen.» Fragt sie jemand nach ihren liebsten Büchern, antworten sie: «Ach, weisst du, ich habe so viel zu tun, da kann ich nicht auch noch Bücher lesen.» Und weil die Kommunikation im heutigen Alltag immer mehr Sprach- und Schriftkompetenz verlangt, braucht es eben Tagungen mit Titeln wie «Fachtagung zur Prävention und Bekämpfung des Illettrismus».

Ein prominenter Botschafter im Kampf gegen Lese- und Schreibschwäche in der Schweiz ist der eingangs erwähnte Fussballtrainer Bernard Challandes. «Klar, Profifussball und Leseschwäche, das passt zusammen!», dachten wohl viele Fachleute an besagter Tagung, als Challandes darum gebeten wurde, sein ehrenamtliches Engagement in dieser Sache zu begründen. Aber Challandes sprach nicht über Fussball. Leise und zurückhaltend erzählte er von seinen vier Kindern und davon, dass eines dieser vier Kinder grosse Mühe hatte in der Schule. «Meine älteren Kinder durchliefen die Schule problemlos. Aber der Jüngste litt Höllenqualen. Wie kann das sein?, fragte ich mich. Er ist doch nicht dümmer als seine Geschwister. Meine Frau und ich übten ständig mit ihm, aber es half wenig. Er hatte eine angeborene Leseschwäche, und es dauerte Jahre, bis diese Schwäche diagnostiziert und gezielt angegangen wurde. Heute führt er ein normales Leben, aber er hat einiges durchgemacht.»

Wir Fussballfans kennen Bernard Challandes als temperamentvollen Antreiber an der Seitenlinie, als einen, der immer laut und immer engagiert ist, der sich aufregt und ständig die Hände verwirft. Als er von seinem Sohn sprach, kam eine vollkommen andere Seite seines Wesens zum Vorschein. Es stimme gar nicht, dass er immer koche, erklärte der Mann aus der Bergstadt. Er sei sensibel und echauffiere sich nur, wenn er Ungerechtigkeiten erlebe.

«Und wie sieht es nun aus mit dem Illettrismus im Profifussball?», wollte jemand von ihm wissen. Die Frage brachte Bernard Challandes auf: «Der Fussball ist ein Abbild der Gesellschaft. Illettrismus kommt im Fussball nicht häufiger und nicht weniger häufig vor als überall! Genau deswegen bin ich hier, um Ihnen zu erklären, dass Lese- und Schreibschwäche nichts mit dem sozialen Milieu oder mit der Intelligenz zu tun haben muss.» Als Challandes dies sagte, funkelten seine Augen, und er glich wieder dem kochenden Fussballtrainer an der Seitenlinie, den wir aus dem Fernsehen kennen.

Pedro Lenz ist Schriftsteller und lebt in Olten. Dass er trotz zunehmender Gleichschaltung, Kommerzialisierung und Zähmung des Fussballbetriebs noch immer ein glühender Fan ist, liegt nicht zuletzt an unzähmbaren Figuren wie Bernard Challandes.

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