Nr. 41/2015 vom 08.10.2015

Trainer als Tränendrüsendrücker

Pedro Lenz über freiwillige Rücktritte

Von Pedro Lenz

Im internationalen Spitzenfussball war die Sache bis vor wenigen Monaten klar wie Quellwasser: Kam ein Fussballklub nicht auf Touren, wurde der Trainer entlassen. Wohl gab es Vereinsleitungen mit mehr oder weniger Geduld in der Trainerfrage. Bei Christian Constantin, dem Präsidenten des FC Sion, zum Beispiel brauchte es oft nur wenig, bis ein Trainer gehen musste. Andere Vereinsbosse waren zögerlicher, wenn es darum ging, einen gut bezahlten Cheftrainer freizustellen. Aber unabhängig von der Geduldsfrage galt im Profifussball immer das ungeschriebene Gesetz, dass der Trainer bei Erfolglosigkeit zu gehen hat. Betroffene Trainer reagierten auf ihre Entlassung normalerweise nüchtern. Sie sagten höfliche Sätze wie: «Es tut mir leid für die Mannschaft», oder: «Ich wünsche dem Team nur das Beste», oder: «Ich bedanke mich für die aufregende Zeit, die ich hier verbringen durfte.»

Neuerdings scheint sich in der Trainerentlassungsfrage jedoch eine Trendwende abzuzeichnen. Angefangen hat es Mitte letzter Saison, als der allseits respektierte Borussia-Dortmund-Coach Jürgen Klopp verkündete, er werde am Ende der Spielzeit aufhören und bitte die Vereinsleitung um Auflösung seines weiterlaufenden Vertrags. Fussballfachleute glaubten, sich verhört zu haben. Doch Klopp meinte es ernst und verliess seinen Arbeitsplatz am Ende der abgelaufenen Meisterschaft.

In der aktuellen Spielzeit folgten andere Profitrainer Klopps Beispiel. Jeff Saibene, langjähriger Cheftrainer des FC St. Gallen, trat freiwillig zurück, obwohl die Vereinsleitung betont hatte, seine Position sei unbestritten. Der Luxemburger mit der stets gepflegten Haarpracht, die ihm als Spieler einst den Ehrennamen «Föhn» eingetragen hatte, wollte nicht mehr. Sein Schritt sei «die beste Lösung für den Verein und die Mannschaft», erklärte er traurig.

Fast zur gleichen Zeit warf Lucien Favre, langjähriger und erfolgreicher Trainer von Borussia Mönchengladbach, freiwillig das Handtuch. Seine Vorgesetzten waren so schockiert über den Abgang ihres Ausbildners, dass sie zunächst verkündeten, sie würden diesen Rücktritt nicht annehmen.

Die drei beschriebenen Fälle haben innerhalb weniger Monate die Logik der Trainerentlassungen im Profifussball auf den Kopf gestellt. War es bislang üblich, dass der Trainer bei Erfolglosigkeit gehen musste, sind es nun die Angestellten, die von sich aus gehen, um mit weinerlicher Attitüde zu betonen, sie opferten sich für das Wohl des Vereins.

Wir alten Fussballfans, die wir geglaubt hatten, der Trainer sei bis zur dramatischen Entlassung das Aushängeschild eines Fussballklubs, sind eines Besseren belehrt worden. Immerhin konnten wir diese Woche fast beruhigt zur Kenntnis nehmen, dass wenigstens einer noch an der traditionellen Rollenteilung festhält: José Mourinho, portugiesischer Startrainer, mehrfacher Meister in fast allen grossen Ligen Europas und Champions-League-Sieger mit Porto und Inter Mailand, hat diese Saison mit seinem aktuellen Verein Chelsea einen schwachen Start hingelegt. Die Equipe des charismatischen Portugiesen lag nach sieben Spielen mit nur acht Punkten in der unteren Tabellenhälfte. Am Samstag folgte für den amtierenden englischen Meister eine peinliche 1:3-Heimniederlage gegen das bescheidene Southampton. Wäre Mourinho der neuen Mode gefolgt, hätte er nach dem Spiel heulend die Flinte ins Korn geworfen. Stattdessen sagte er die memorablen Sätze: «Erstens, ich laufe nicht weg. Zweitens, falls der Klub mich rausschmeissen will, muss er es tun, denn ich gehe nicht von mir aus. Drittens, wenn der Klub mich jetzt rauswirft, werfen sie den besten Trainer raus, den sie je hatten.»

Mit diesen Worten hat Mourinho der Fussballwelt klargemacht, dass mindestens einer noch bereit ist, auf seinem Posten auszuharren. Bis zum bitteren Ende.

Pedro Lenz ist Schriftsteller und lebt 
in Olten. Er mag Fussballtrainer, die nicht 
von sich aus gehen.

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