Nr. 49/2012 vom 06.12.2012

Peinlich und seicht

Rudolf Walther zum Untergang einer einst linksliberalen Zeitung

Das Ende der «Financial Times Deutschland» (FTD) und der Insolvenzantrag der Besitzer der «Frankfurter Rundschau» (FR) fallen zeitlich fast zusammen und erzeugen einen entsprechenden Wirbel in allen Medien. Die deutsche Bundeskanzlerin spendete öffentlich Trost, allenthalben ist vom Zeitungssterben die Rede, einem Phänomen, für das zügig der Online-Boom, die Blogs und andere mediale Instantprodukte verantwortlich gemacht werden. Diese Lesart der Zeitungskrise trifft vielleicht soweit zu, als alles mit allem irgendwie zusammenhängt. Doch es gibt auch Einwände dagegen.

Erstens ist der Niedergang jeder Zeitung anders gelagert und kann nicht mit dem Hinweis auf die notorisch einfachsten Gründe (Internet, Gratisblätter, Rückgang im Anzeigengeschäft, junge Leute lesen nur noch am Bildschirm und so weiter) erklärt werden.

Zweitens machten alle Tageszeitungsverlage den gleichen Fehler. Als die Krise im Anzeigengeschäft bereits eingesetzt hatte, gaben sie sehr viel Geld und Manpower für Internetauftritte und Onlineausgaben aus. Sie wollten mithalten mit der elektronischen Entwicklung, statt auf die Stärken der Printausgaben zu setzen. Diese Entscheidung kostete irrsinnig viel, denn die Onlineauftritte fast aller Zeitungen blieben Zuschussgeschäfte. Als die finanziellen Löcher grösser wurden, machten sich die Zeitungen ans Sparen: Sie setzten bei den Etats der Redaktionen an und legten Print- und Onlinebereich zusammen, beides verbunden mit Niveauverlust und Boulevardisierung. Die Qualität lebt von Nachdenkzeit und Reflexivität, nicht von Schnelligkeit.

So war es auch bei der «Frankfurter Rundschau», dem linksliberalen Traditionsblatt der Bundesrepublik schlechthin. Die FR erscheint seit dem 1. August 1945 – ist also vier Jahre älter als der Staat, dessen Entstehung und Geschichte die Zeitung kritisch begleitete. Spätestens von 1968 bis zur Gründung der alternativen «Tageszeitung» («taz») zehn Jahre später war die FR die wichtigste Zeitung der deutschen Linken, so oft sich auch viele von ihnen über das Blatt ärgerten.

Je mehr in den letzten Jahren von Qualitätsjournalismus die Rede war, desto mehr sanken Qualität und Niveau unter dem Spardiktat. Nicht nur bei der FR setzte eine schleichende – oder galoppierende – Boulevardisierung ein, eine Personalisierung und Provinzialisierung: mit einem Niveauverlust als Resultat.

Die Boulevardisierung hat viele Gesichter. Die tägliche Berichterstattung über Klatsch, Personality-Klimbim und andere Seicht- und Softthemen wurde umfangreicher als das Feuilleton. Die LeserInnen mussten nicht mehr zur «Bunten» greifen, um rundum informiert zu sein darüber, wer unter den Prominenten gerade mit wem konnte oder nicht mehr wollte. Dieser Trend erfasste nicht nur die FR. Eine Bulimiegeschichte über eine spanische Prinzessin etwa – das übliche Yellow-Press-Futter – füllte auch in der konkurrierenden «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» jüngst eine Doppelseite.

Gegen Schluss leistete sich die «Frankfurter Rundschau» eine pluralistisch zusammengesetzte Riege von KommentatorInnen und KolumnistInnen – von Ex-Maoisten bis zu Neoliberalen –, die sich gegenseitig an Peinlichkeit und Seichtheit überboten. Wer will für derlei bezahlen? Zum Kostendruck und zum Anzeigenrückgang gesellten sich die sinkenden Abozahlen. Als letzter Nagel zum Sarg.

Rudolf Walther ist Journalist in Frankfurt
am Main.

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