Nr. 50/2012 vom 13.12.2012

RUF – MICH – NICHT – AN!

Etrit Hasler ist vom Fussballklub SC Brühl verkauft worden.

Von Etrit Hasler

Es gibt diese Momente, in denen ein Klischee oder vielleicht ein schöner Kindheitstraum zerbricht. In der Politik gibt es das dauernd – bei jeder Wahl eineR SozialdemokratIn in ein Exekutivamt zum Beispiel. Im Sport hingegen können die Folgen verheerend sein. So war ich bisher der Überzeugung, dass es in St. Gallen zwei grosse Fussballvereine gebe, von denen einer ein kommerzielles Monster sei, dem nichts heilig ist – der FC St. Gallen –, der andere sein sympathisches, kleines Gegenstück, ein Quartierverein mit toller Nachwuchsarbeit, der SC Brühl. Wie Sie sich vorstellen können, waren meine Sympathien recht einseitig verteilt, als es in der letzten Saison zum ersten Stadtderby seit Jahrzehnten kam.

Die Zeiten sind vorbei: Der FC St. Gallen stieg wieder in die oberste Schweizer Liga auf, der SC Brühl beendete die Saison mit einem Abstieg in die 1. Liga Promotion, was finanziell eine kleine Katastrophe ist, auch wenn der Verein im Vorjahr einen Gewinn erzielt hatte. In der Nationalliga B (Neusprech: Challenge League) gibt es diverse Einnahmequellen, die beim Überleben helfen – Verbandsbeiträge, die U-21-Trophy, Fernsehgelder. In der 1. Liga Promotion fehlen solche Einnahmequellen komplett – was für Brühl Mindereinnahmen von mindestens 200 000 Franken bedeutet.

Trotzdem schmerzte es meine Fanseele, als ich einen Anruf der Versicherung Concordia erhielt, die mich davon zu überzeugen versuchte, meine Krankenkasse zu wechseln. Auf meine Nachfrage, wie sie denn auf mich kämen, bekam ich zur Antwort, ich sei Passivmitglied beim SC Brühl. Concordia sei neuer Sponsor des Vereins und habe ein attraktives Angebot für alle Vereinsmitglieder.

Ich war nicht gerade erfreut. 2009 war der FC St. Gallen in die Schlagzeilen geraten, weil er die Daten seiner SaisonkarteninhaberInnen an die Versicherung Helsana verkauft hatte. Der heutige Vizepräsident der SP Stadt St. Gallen, Peter Olibet, schrieb damals: «Auf der ständigen Suche nach neuem Geld scheint dem Klub nichts mehr heilig zu sein. Er verkauft seine treusten Fans.» Eine Nachfrage von «20 minuten» beim eidgenössischen Datenschutzbeauftragten ergab, dass das Vorgehen des Vereins rechtens gewesen sei. Adressdaten und Telefonnummern sind nicht als «sensible Daten» einzustufen. «Sauberer wäre, wenn der Fan anrufen kann, wenn er das Angebot will – und nicht umgekehrt», wie der Datenschutz damals verlauten liess.

Tickt also der kleine SC Brühl plötzlich gleich wie sein grosser, böser Bruder? Der Unterschied liegt anscheinend im Detail: Ging der Deal beim FCSG damals um die SaisonkarteninhaberInnen, «verkaufte» der SC Brühl die Adressen seiner 600 Mitglieder – zwei Drittel davon sind die SpielerInnen, bei denen (besonders im Jugendbereich) die vergleichsweise hohen Mitgliederbeiträge auch immer wieder ein Kritikpunkt sind. Natürlich sei es so, dass es immer wieder kommerzielles Interesse an Adressen gebe, und bisher habe man solche Anfragen immer abgelehnt, erklärt Richi Zöllig, Mediensprecher des SC Brühl, per Mail. «Bei der Concordia hat sich die Vereinsleitung anders entschieden, weil a) die Brühler Mitglieder bei einem Wechsel der Krankenkasse eine beträchtliche Ermässigung auf ihren Club-Mitgliederbeitrag bekommen und b) die Werbepartnerschaft mit der Concordia gut ist für den Verein.» Es sei also nicht nur das Geld, das damit in die Vereinskasse gespült wird, sondern auch die Ermässigung, die insbesondere den Eltern der Brühl-JuniorInnen zugute komme, die den Ausschlag gegeben habe. Was vielleicht auch der Grund sein mag, dass sich ausser mir bisher kein Vereinsmitglied darüber beschwert habe.

Nun, dass sich die Verantwortlichen des SC Brühl mit einem solchen Deal wohl keine goldene Nase verdienen, war mir schon von vornherein klar. Aber ein ungutes Gefühl bleibt dennoch.

Etrit Hasler ist Kantonsrat der St. Galler SP. 
Er wäre froh, wenn ganz viele Menschen 
die Spiele des SC Brühl schauen würden, damit er nächstes Jahr nicht schon wieder Anrufe von einer Krankenkasse erhält.

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