Nr. 10/2006 vom 09.03.2006

Paul-Grüninger-Stadion

Während der FC St. Gallen als erster Schweizer Klub seinen Stadionnamen teuer verkauft hat, benennt der andere St. Galler Stadtklub, der SC Brühl, sein Stadion nach einem Flüchtlingsretter.

Von Daniel Ryser

Der FC St. Gallen baut im Westen der Stadt St. Gallen ein neues Stadion. Seit letzter Woche ist der Name bekannt: Arbonia-Forster-Gruppe-Arena. Arbonia Forster gehört zu den führenden Bauausrüstern Europas (Sanitär- und Heiztechnik, Einbauküchen etc.) und wird von alt CVP-Nationalrat Edgar Oehler kontrolliert. Die Gruppe hat sich diese Werbeaktion mindestens eine Million Franken kosten lassen. Während man sich heute noch im Espenmoos trifft, wo trifft man sich in Zukunft? In der Arbonia-Forster-Gruppe-Arena? Die ernüchterten Fans haben ihre Wahl getroffen: AFG, das bedeute «Alles für Geld».

Am Mittwoch machte das Stadion eines anderen St. Galler Fussballklubs Schlagzeilen: das des SC Brühl, der in der 2. Liga spielt. Das «St. Galler Tagblatt» titelte auf der Frontseite: «Der SC Brühl will ein Paul-Grüninger-Stadion». Und: «Nach der moralischen und juristischen Rehabilitierung wird der Polizeihauptmann nun auch in seinem alten, geliebten Verein gewürdigt - falls die Stadt als Besitzerin des Stadions nicht wider Erwarten ihr Veto gegen die Taufe des neuen Stadions einlegen sollte.» Am selben Tag trafen sich Vertreter des Stadtrates und der Vereinsvorstand des SC Brühl zum Gespräch. Am Nachmittag kam die Bestätigung dessen, was der Artikel vorwegnahm: «Der neue Name des Stadions lautet: ‹Sportanlage Krontal - Paul-Grüninger-Stadion›.» «Zurzeit wird unser Stadion saniert», sagt Brühl-Präsident Roland Gnägi auf Anfrage. «Wir nutzen die Eröffnung am 20. Mai, einem der verdientesten Vereinsmitglieder eine späte Ehrung zuteil werden zu lassen.»

Als Flüchtlingsretter im Zweiten Weltkrieg ist der St. Galler Polizeikommandant über die Landesgrenzen hinaus bekannt. In den Vorkriegsjahren 1938 und 1939 rettete er trotz Flüchtlingsstopp des Bundes hunderte, vor allem jüdische Flüchtlinge vor der Verfolgung durch die Nazis. In Wien wurde eine Schule nach ihm benannt, in Tel Aviv gibt es den Paul-Grüninger-Platz. Der Allgemeinheit weniger bekannt dagegen war bisher, dass Paul Grüninger linker Flügelstürmer beim damaligen FC Brühl war, und zwar im Jahr 1914, als der Verein das erste und einzige Mal Schweizer Fussballmeister wurde. Grüninger war auch zweimal Präsident des Klubs, 1924 bis 1927 und 1937 bis 1940. Er verfasste die Broschüre zum 25-Jahr-Jubiläum.

Er habe sich seit längerer Zeit überlegt, wie man Grüninger ehren könne, sagt Präsident Roland Gnägi. Durch die laufende Stadionsanierung und die Diskussionen beim FC St. Gallen betreffend neuen Stadionnamen sei man auf diese Idee gekommen. Durch seinen Mut habe er hunderten Menschen das Leben gerettet. «Grüninger ist ein Vorbild für die Jugend», sagt der Präsident über seinen Amtsvorgänger. Fans anderer Vereine beklagen zurzeit den Verlust von Identität. Austria Salzburg wurde durch Sponsoring zu Red Bull Salzburg, die Vereinsfarben wurden durch die Red-Bull-Farben abgelöst. Auch die Fans des FC St. Gallen beschäftigt das Thema zurzeit stark. Die Internet-Fan-Foren sind voll davon. Der SC Brühl macht einen Schritt in die andere Richtung. Die Mitteilung ist trocken formuliert und schlicht unterzeichnet mit «Die Vereinsleitung». Und doch, oder vielleicht gerade deshalb, ist sie in Zeiten der AOL-, Allianz- und AFG-Arenen voller Wucht, läuft entgegengesetzt zu den Entwicklungen des modernen Fussballs auch in St. Gallen, wo das neue Stadion nun nach dem benannt wird, der am meisten zahlte. Der SC Brühl schrieb gestern: «Der Sportclub Brühl St. Gallen betrachtet die Bezeichnung ‹Sportanlage Krontal - Paul-Grüninger-Stadion› auch als späte Wiedergutmachung an seinem verdienten Vereinsmitglied. Überdies dokumentiert er mit dieser Umbenennung die Verbindung zu seinen geschichtlichen Wurzeln. Brühl tut dies ganz bewusst in einer Zeit, in der viele Stadionnamen an Meistbietende verkauft werden.»

Richard Zöllig war es, der Grüninger für den Verein wiederentdeckte. Zöllig, einst Sportjournalist und heute Verlagsleiter des Ostschweizer Kulturmagazins «Saiten», ist selbst ein Brühler, spielte bei den Junioren, war jahrelang Torwart. Er sei vor längerem durch das Buch «Grüningers Fall», das der WOZ-Redaktor Stefan Keller verfasst hat, darauf aufmerksam geworden, dass Grüninger nicht nur 1915 im Meisterkader stand, sondern auch zweimal Präsident des Vereins war. Als Zöllig vor zwei Jahren von der NZZ angefragt wurde, einen Beitrag für ein EM-Buch zu schreiben, war das Thema klar: «Grüninger, die Spitzel und der FC Brühl.» Dort heisst es: «Der Polizeihauptmann war in den Reihen des FC Brühl zweifellos eine Vorbildfigur.» Ein verbissener Tschutter sei er gewesen, leidenschaftlich, kämpferisch. «Und auch die Schiedsrichter sollen dann und wann Grüningers Passion zu hören bekommen haben.» «Einmal Brühler, immer Brühler», lässt sich Zöllig im Tagblatt zitieren. Wenn es um Fussball geht, wird mancher lokalpathetisch. «Einmal Brühler, immer Brühler» - auf Grüninger traf diese Beschreibung jedoch offenbar zu: Obwohl er sich nach der Entlassung als Polizeikommandant und der Verurteilung wegen «Amtspflichtverletzung und Urkundenfälschung» vom FC Brühl zurückgezogen hatte, blieb Grüninger dem Klub bis zum Schluss verbunden. In einem Brief, den er dem Verein kurz vor seinem Tod 1972 zukommen liess, schrieb er: «Ich bin noch immer ein begeisterter Brühler und nehme stets mit regem Interesse an den Geschehnissen im FCB teil.»

«Dass es so schnell ging, hat mich überrascht», sagt Ruth Roduner, Präsidentin der Stiftung Paul Grüninger und Tochter des Flüchtlingsretters. «Ich freue mich sehr über diesen Entscheid.» Auch sie sei eine alte Brühlerin, sei viel an den Spielen gewesen mit ihrem Vater. «Und vor allem: Er würde sich sehr über diesen Entscheid freuen.»

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