Nr. 50/2012 vom 13.12.2012

Pietro Supinos Flucht vor den Journalisten

Von Christian Campiche

Ein solches Empfangskomitee dürften Michael Ringier und Pietro Supino nicht erwartet haben, als sie am Dienstag bei der Redaktion der renommierten Tageszeitung «Le Temps» ankamen. Die beiden mächtigsten Verleger des Landes, die je fast die Hälfte der «Le Temps»-Anteile kontrollieren, wollten an einer Sitzung des Verwaltungsrats teilnehmen – jenes Verwaltungsrats, der zum wiederholten Male eine Restrukturierung des Unternehmens beschlossen hatte, der achtzehn Redaktionsstellen zum Opfer fallen.

Mit Buhrufen empfingen rund hundert JournalistInnen die Pressemagnaten. Im letzten Moment hatten sie sich entschieden, vor den Redaktionsräumlichkeiten jener Zeitung zu demonstrieren, deren Chefin Valérie Boagno auch Präsidentin des Verlegerdachverbands Médias Suisses ist. Pietro Supino sah sich angesichts der Wut der demonstrierenden JournalistInnen bald gezwungen, in einen nahen Kiosk zu fliehen. Des Zornes Anlass: Anfang Dezember hatten die VerlegerInnen den Gesamtarbeitsvertrag (GAV) aufgekündet, der die Arbeitsbedingungen von 1800 Westschweizer JournalistInnen regelt.

Aus der Menge heraus übergab eine Gewerkschaftsdelegation Valérie Boagno einen Brief an die VerlegerInnen, in dem sie die Rücknahme der als «Kriegserklärung» empfundenen GAV-Kündigung forderte. Allen sei bewusst, dass das auf Werbeeinnahmen basierende Geschäftsmodell der Zeitungen kränkle, man wisse andererseits aber auch, dass Tamedia eine Rendite von fünfzehn Prozent anstrebe und 2012 wohl einen Gewinn von rund 160 Millionen Franken erzielen werde.

Die Gewerkschaften befürchten, dass ein vertragsloser Zustand eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen, Ungleichheit innerhalb der Betriebe und Dumpinglöhne bedeuten wird. Damit würde auch die für die Ausübung der demokratischen Rechte wichtige Information der BürgerInnen leiden.

Der Westschweizer GAV war erst vor drei Jahren neu verhandelt worden und galt als mögliches Vorbild für die Wiedereinführung eines Vertrags in der Deutschschweiz, wo es seit 2004 keinen JournalistInnen-GAV mehr gibt. Nun passiert das Gegenteil: Die Zürcher Tamedia übernimmt Anfang 2013 die totale Kontrolle über Edipresse, um als neuer gesamthelvetischer Quasimonopolist die GAV-Losigkeit der Deutschschweiz aufs neue Herrschaftsgebiet auszuweiten.

Christian Campiche ist Vizepräsident des JournalistInnenverbands Impressum.

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