Arbeitskampf : Kann der Staat Tamedia bekehren?

Nr.  15 –

Die Sparpläne von Tamedia haben in der Westschweiz Zorn ausgelöst. Selbst ein freisinniger Staatsrat spricht von «schockierenden» Renditevorstellungen des Konzerns.

Der Zürcher Medienkonzern Tamedia will 34  Millionen Franken sparen – davon allein 18 Millionen in der Westschweiz. «Es ist, wie wenn eine Bombe detoniert wäre», beschreibt eine Journalistin der Tageszeitung «Tribune de Genève» die Situation nach der Ankündigung der Sparpläne Ende März. Seither geht in der Romandie die Angst um. Bei der «Tribune de Genève» würde die Umsetzung der Sparziele aus Zürich zur Streichung von dreissig der achtzig Stellen führen. Die Weiterexistenz der zwei Tamedia-Regionalzeitungen «Tribune de Genève» und der Lausanner «24 heures» wäre gefährdet, ihr Zusammenschluss praktisch unausweichlich. Auch das überregionale Boulevardblatt «Le Matin» wäre bedroht. Bereits Ende des letzten Jahres waren gegen zehn Prozent der Stellen in der überregionalen Tageszeitung «Le Temps», die Tamedia und Ringier gemeinsam gehört, gestrichen worden. «Le Temps» und «Le Matin» sind (neben dem kleinen linken «Le Courrier») die einzigen überregionalen Tageszeitungen in der Westschweiz: dramatische Aussichten für die Sprachregion.

Staatspolitische Verantwortung

Bei der Übernahme von Edipresse hatte Tamedia die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Förderung der Medienvielfalt versprochen. Nun ist der Zorn über den Wortbruch des Konzerns gross. «Wir haben den Umständen entsprechend massiv reagiert», kommentiert ein Tamedia-Angestellter die Mobilisierung der ersten Tage. Arbeitsniederlegungen, Demonstrationen, ein Protestbrief der Chefredaktoren und einer der Personalvertretungen an die Tamedia-Konzernspitze, all das fand wenige Tage nach der Ankündigung aus Zürich statt. Schnell war auch der Kontakt zur Politik geschaffen, Regierungsvertreter nahmen an den Demonstrationen teil, eine Delegation der Waadtländer und Genfer Regierungen traf sich mit Tamedia.

Westschweizer PolitikerInnen von links bis rechts sind sich bewusst, dass der freie Markt in einem Landesteil, der ökonomisch und kulturell eine Minderheit darstellt, nicht alles richten kann. In den letzten Jahren haben sie mehrfach eingegriffen. So etwa im Sommer 2012 bei der Lausanner Druckerei IRL, wo der Kanton eine Kreditrisikogarantie übernahm und damit einer Gruppe von Kadern die Rettung einer Mehrheit der Arbeitsplätze erlaubte. Oder bei Novartis Nyon im Herbst 2012, wo der Protest der Regierung, verbunden mit Steuererleichterungen, einen Schliessungsentscheid aus Basel rückgängig machte. Bei Tamedia, die finanziell bestens dasteht, geht es nicht um finanzielle Hilfe. Die Regierungsdelegation will an das staatspolitische Verantwortungsgefühl eines gesamtschweizerisch agierenden Medienkonzerns appellieren. Pascal Broulis, als freisinniger Waadtländer Staatsrat Mitglied der Delegation, bringt es auf den Punkt: «Tamedia will eine Rendite von fünfzehn Prozent. Das ist schockierend und unglaubwürdig.»

Noch ist allen der Fall Merck-Serono in Genf in Erinnerung: Ernesto Bertarelli, der strahlende Segelsieger, hatte sein Familienunternehmen Serono an die deutsche Merck verkauft, die sich Know-how und lukrative Patente sicherte, bevor sie letztes Jahr das Genfer Werk schloss. Die Gewerkschaft Unia sprach damals von Piratenmethoden.

So musste sich Pierre Lamunière, einst Besitzer der inzwischen an Tamedia verkauften Edipresse, die Frage eines Journalisten von «Le Matin» gefallen lassen: «Sind Sie der Bertarelli der Westschweizer Medien?»

Tamedia übt sich in Beschwichtigungen und wiederholt endlos, beschlossen sei noch gar nichts. Doch die Wogen gehen nicht nur in der traditionell kämpferischen «Tribune de Genève» hoch. Auch die bedächtigeren Vaudois von «24 heures» wollen nicht mehr mit sich spassen lassen. Selbst in gewerkschaftsfernen Titeln wie der Frauenzeitschrift «Femina» wählen die Mitarbeitenden nun PersonalvertreterInnen. Ein gemeinsames Krisenkomitee wird auf die Beine gestellt, und die Drähte zu den Deutschschweizer Personalkommissionen von Tamedia laufen heiss.

Konzernsolidarität

Die Personalvertretungen von «Tages-Anzeiger» und «Berner Zeitung» haben den KollegInnen in der Romandie ihre Solidarität ausgedrückt. Auch sie sind vom angekündigten Abbau betroffen und verlangen, dass das Sparprogramm gestoppt und das Renditeziel von fünfzehn Prozent relativiert wird. Die permanenten Kostensenkungsprogramme und die damit verbundene Verschlechterung der Arbeitsbedingungen seien «sehr demotivierend», schreibt etwa die Personalkommission des «Tagi». Dazu komme die Kündigung des Gesamtarbeitsvertrags in der Westschweiz auf Ende 2013: «Die Zeichen, welche die Unternehmensleitung damit an uns Angestellte aussendet, sind fatal.»

Schon in wenigen Tagen wird sich zeigen, ob der Zorn weiter anhält. Am 16. April treffen die Regierungsdelegationen Waadt und Genf zum zweiten Mal die Tamedia-Spitzen. Am 26. April steht dann die Aktionärsgeneralversammlung von Tamedia in Zürich auf der Agenda. Am gleichen Tag beginnen in Lausanne die Verhandlungen für einen neuen Gesamtarbeitsvertrag in den Westschweizer Medien.