Nr. 50/2012 vom 13.12.2012

Ohne Mass und Gleichgewicht

Er befreite Brasiliens Architektur von der kolonialen Übermacht Europas und schuf sich mit dem Bau der futuristischen Hauptstadt Brasilia ein Denkmal: Der Architekt Oscar Niemeyer ist zehn Tage vor seinem 105. Geburtstag gestorben.

Von Axel Simon

Die Legende begann 1940 in Belo Horizonte. Mit einem Jachtklub, einem Casino und einem «tanzenden» Tanzsaal im Nordosten Brasiliens erfand Oscar Niemeyer die «tropische Moderne»: weisse Häuser auf Stützen, wie von Le Corbusier. Doch unter Niemeyers Stift gerieten die strengen Formen in Bewegung. Dem weltberühmten Europäer Le Corbusier hatte der Brasilianer Niemeyer 1937 assistiert, blutjung, bei der Planung eines Ministeriums in Rio de Janeiro. Auch noch zehn Jahre später, beim UN-Gebäude in New York, ging er Le Corbusier zur Hand. Inzwischen hatte die Ausstellung «Brazil Builds» im New Yorker Museum of Modern Art Niemeyer selbst berühmt gemacht: Von vielen brasilianischen Architekten zeigte sie ein oder zwei Bauwerke, von ihm zehn.

Wenn er Architektur zeichne, denke er an die Berge, Flüsse, Wellen und Frauenkörper seiner Heimat, sagte Niemeyer immer wieder. Dabei blickte er aus dem Fenster seines Ateliers auf den Zuckerhut, die Copacabana und auf Damen im knappen Bikini. Seine Landsleute liebten ihn dafür. Sie feierten ihn als Nationalhelden, denn er befreite ihre Architektur von der kolonialen Übermacht Europas, gab Brasilien ein eigenes, ein unabhängiges, ein tropisches Gesicht.

Den EuropäerInnen war das nicht geheuer. Der Zürcher Kunsthistoriker Sigfried Giedion warnte 1953: «Lianenhafte Leichtigkeit der Linienführung. Sprühend vor Einfällen, aber nicht ohne Gefahr, Mass und Gleichgewicht zu verlieren.» Max Bill sah einen «antisozialen Akademismus», der Bauhausgründer Walter Gropius aber fand, man solle doch «nicht mit dem Schweizer Metermass messen». Die Kritiker starben, die Legende lachte und baute weiter.

Niemeyers Mentor Lucio Costa plante Brasilia, die neue Hauptstadt Brasiliens, Niemeyer baute sie. Und verlor dabei Mass und Gleichgewicht. Es sollte eine neue Stadt werden für eine neue Gesellschaft. Tausend Kilometer von der besiedelten Küste entfernt, das neue Zentrum der nationalen Identität. In nur dreieinhalb Jahren bauten Tausende von Arbeitern die Stadt in die leere Steppe und in die Aufbruchslust der fünfziger Jahre hinein. Im April 1960 wurde sie eingeweiht. Als Abkürzung in die Zukunft beschreibt sie die Journalistin Carmen Stephan in ihrem schönen Buch «Brasília Stories». Sie schreibt, die Idee zu den beiden berühmten Schalen des Nationalkongresses sei dem Architekten gekommen, als dem Präsidenten Juscelino Kubitschek die beiden Hälften einer Orange zu Boden fielen. Die eine Hälfte zeigte nach oben, die andere nach unten. Die Planung war pathetisch, erfolgte aber auch aus einer Laune heraus.

Eine unnahbare Stadt

Brasilia blieb eine unnahbare Stadt, eine Stadt hinter Glas. Keine einzige Ampel gibt es dort, stattdessen Autobahnen auf mehreren Ebenen. Brasilias Grundriss gleicht einem Flugzeug, mit der Monumentalachse als Rumpf und den Wohnblöcken als Flügel. Nur wohnen dort nicht die Arbeiter, sondern Beamte. Der Grossteil der BewohnerInnen lebte von Anfang an in den vielen, kaum geplanten Satellitenstädten und Favelas. Brasilia, 1987 zum Weltkulturerbe erklärt, ist eine ideale Stadt für die ideale Gesellschaft, so betonte ihr Architekt immer wieder. Und hier schon zeigte sich die grosse Schwäche seiner Architektur: Sie ist gewaltig, sie ist wunderschön, doch sie ist nur eine Idee. Eine Idee, kaum verschmutzt durch den Gebrauch, durch die Konstruktion, durch die Eigenheiten eines Ortes, eine Idee ohne Bodenkontakt. Die reine Form bleibt unmenschlich.

«Wir müssen diese Welt verändern.» Diesen Satz schrieb Oscar Niemeyer seinen MitarbeiterInnen an die Bürowand. Doch für die Favelas seiner Heimat hat sich der bekennende Marxist nie interessiert. Er sah in ihnen eine poetische Lebensform und noch nicht die Realität unserer Städte, die es in kleinen Schritten zu verändern gilt. Der reinen Linie verdankt Niemeyer seine Karriere. Als 1964 die Militärs die Macht in Brasilien übernahmen, ging er ins Pariser Exil. Dort baute er die Zentrale der Kommunistischen Partei, er baute in Mailand, in Le Havre, in Israel, Algerien, Nicaragua – Häuser, die sich nicht mehr atemberaubend in die Stadt einschmiegen, wie noch 1951 seine gebogene Hochhausscheibe Copan in São Paulo mit über tausend Wohnungen. Niemeyer baute mehr und mehr «Niemeyers», wiederholte seine Formen, wie die Orangenhälften Brasilias, wie die wellenförmigen Dächer in Belo Horizonte, baute die Linie der Berge, Flüsse, Wellen und Frauenkörper seiner Heimat. Niemeyer erfand sich nie neu. Und wurde damit berühmt.

Die Moderne ging, die Postmoderne kam, Niemeyer blieb. Mit achtzig Jahren bekam er den Pritzker-Preis verliehen. Danach baute er noch ein Vierteljahrhundert weiter. Seine klar erkennbare Handschrift eignete sich hervorragend für die globale «Stararchitektur», der Klang seines Namens tat ein Übriges. Städte und Regionen in aller Welt wollten ihren «Niemeyer», viele bekamen ihn. Letztes Jahr das nordspanische Asturien mit einem grossen Kulturzentrum. Doch der «Bilbao-Effekt», die Aufwertung eines Ortes dank innovativer Architektur, blieb aus, das Zentrum schloss noch im selben Jahr. Niemeyers einziger Bau in der Schweiz ist ein noch junges Wohnhaus für den Fotografen Florio Puenter in St. Moritz.

Drei Tage Trauer

«Die Vernunft ist die Feindin der Einbildungskraft», befand Oscar Niemeyer. Zuletzt war die Bedeutung seines Werks eine andere als ein halbes Jahrhundert früher. Im zumeist öden Funktionalismus der Nachkriegsmoderne waren Niemeyers Formen sinnliche Lichtblicke; unter den medial vermarkteten «signature buildings» unserer Zeit sind sie nur noch weitere Stilblüten.

Oscar Niemeyer starb am 5. Dezember, zehn Tage vor seinem 105. Geburtstag. Die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff weinte, Rio de Janeiro trauerte offiziell drei Tage lang. Doch der Architekt bleibt. Rund zwanzig Projekte von ihm sind noch weltweit im Bau. Einer Legende kann der Tod nichts anhaben.

Axel Simon ist Redaktor von «Hochparterre», 
der Zeitschrift für Architektur und Design.

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