Nr. 51/2012 vom 20.12.2012

Unter den Füssen

Unter einem Hektar Wiese leben bis zu vier Tonnen Regenwürmer. Auch sie wissen nicht, wie es weitergehen wird.

Von Bettina Dyttrich

In die erste Schulstunde brachte Fredi ein Stück Boden mit: ein paar Grasbüschel, etwas Klee, angewachsen an einem Klumpen rotbrauner Erde. «Da drin», erklärte er feierlich, «steckt alles, was ein Biobauer wissen muss.»

Noch am gleichen Tag nahmen wir selber die ersten Spatenproben: an einem trockenen Hang, wo schon zwanzig Zentimeter unter der Oberfläche der Schotter knirschte. In einer fruchtbaren Mulde. Und in einem Maisfeld, wo eine betonharte Schicht zum Vorschein kam, die die Wurzeln kaum durchdringen konnten: Hier war jemand mit zu schweren Maschinen gefahren, vermutlich, als der Acker nass war.

Wenn ein Bauer Kälber quält, kommt sofort der Tierschutz. Wenn er hingegen nach zwei Tagen Dauerregen auf ein frisch gepflügtes Feld fährt, fällt das nur Fachleuten auf. Dabei sind die Schäden verheerend: Der Boden kann sich so sehr verdichten, dass von den Poren, die für die Durchlüftung sorgen, nichts mehr übrig bleibt. Die belastete Schicht wird bläulich und stinkt erbärmlich. Ich habe das einmal beim Umgraben an einer Stelle erlebt, über die einige Monate zuvor ein Bagger gefahren war. Es roch, als hätte ich in ein Güllenloch gestochen.

An dieser Stelle säten wir Klee. Seine Wurzeln brachten wieder Luft in den Boden. Schon nach einigen Wochen sah es besser aus: Die Regenwürmer kamen zurück. Ihr Kot ist ideale Gartenerde, eine Mischung aus mineralischen Teilchen und Humus. Manche Regenwürmer bewegen sich vor allem unter der Oberfläche, andere graben in die Tiefe und schaffen so ein Röhrensystem für Luft und Sickerwasser. Wer genau in den Garten schaut, sieht, wie sie Laub und Grashalme in ihre Röhren ziehen.

Neben den Regenwürmern fressen auch Asseln, Insektenlarven, Milben und Springschwänze an Algen und Pflanzenresten. Pflanzenwurzeln und Pilze verwachsen zu engmaschigen Geflechten. Die Pflanze liefert dem Pilz Zucker, den er nicht selber herstellen kann, weil er kein Chlorophyll (Blattgrün) hat. Er löst aber für die Pflanze Stickstoff, Phosphat und andere Nährstoffe aus dem Boden. Wurzeln arbeiten auch mit Bakterien zusammen – dank ihnen können Klee, Bohnen, Erbsen und andere Pflanzen aus der Familie der Leguminosen Stickstoff direkt aus dem Boden aufnehmen.

Da kommt ganz schön etwas zusammen: Während eine Hektare Wiese eine bis zwei Kühe ernährt, also etwa eine Tonne Rindvieh, wiegen unter der Wiese allein die Regenwürmer bis vier Tonnen. Dazu kommen noch etwa zwanzig Tonnen andere Tiere, Bakterien und Pilze. Allerdings brauchen sie Futter: organische Substanz wie Mist, Kompost oder Gülle. «Wir müssen die Regenwürmer füttern!», sagte Fredi immer wieder.

Aber seit es Kunstdünger gibt, haben viele BäuerInnen begonnen, nicht mehr das Bodenleben, sondern direkt die Pflanzen mit den wichtigsten Nährstoffen zu füttern. So wächst das Gemüse auch noch auf halbtoten Böden. Die Unsitte, im Herbst alles abzuräumen und den Boden über den Winter kahl und ungeschützt zu lassen, hat sich bis in die Gärten verbreitet. Doch der Humus wird weniger, die Regenwürmer verhungern, Regen und Wind tragen den unbedeckten Boden weg. «Wie es mit der Menschheit im kommenden Jahrhundert weitergehen wird, wird massgeblich davon abhängen, wie wir unsere Ackerböden behandeln», schreibt der US-Geologe David Montgomery.

Nach einem Jahr bekamen wir zwei Wochen lang Besuch in der Bioklasse: von den «Konventionellen» – Lehrlingen, die Biolandbau als Freifach gewählt hatten. Die Lehrlinge waren jung und redeten viel über Maschinen. Wir knieten im Limmattal mitten in der Agglo auf einem Feld und taten, was uns längst vertraut war: Wir nahmen eine Spatenprobe, die Fredi wie immer lebhaft kommentierte. Die «Konventionellen» staunten: Vom Wunder des Bodens hatten sie noch nie gehört.

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