Nr. 51/2012 vom 20.12.2012

Fast eine Weihnachtsgeschichte

Pedro Lenz über einen tief gefallenen genialen Fussballer.

Von Pedro Lenz

Als der geniale Fussballer Guillermo Gorostiza im August 1966 völlig verkümmert in einem Armenasyl im baskischen Santurce verstarb, fand eine der Ordensschwestern, die ihn bis zuletzt gepflegt hatte, unter seinem Kopfkissen ein Zigarettenetui aus echtem Gold. Das goldene Etui war der letzte Besitz, der dem baskischen Flügelspieler geblieben war. Geboren 1909 und aufgewachsen in einer wohlhabenden Familie in einem Vorort von Bilbao, gilt Guillermo Gorostiza bis heute als einer der talentiertesten Spieler, die der spanische Fussball je hervorgebracht hat.

Gegen den Willen seines Vaters, eines hoch angesehenen Arztes, verliess der junge Guillermo früh die Schule, um sich völlig dem Fussball widmen zu können. Seine Stärken – Schnelligkeit, Torinstinkt und Übersicht – fielen den Talentspähern des wichtigsten baskischen Fussballklubs erst verhältnismässig spät auf. Dennoch spielte Guillermo Gorostiza von 1929 bis 1940, kurz unterbrochen vom Spanischen Bürgerkrieg, bei Athletic Bilbao, den legendären Löwen von San Mamés, mit denen er mehrere Titel erringen konnte.

Mit der spanischen Nationalmannschaft nahm er an der Weltmeisterschaft von 1934 in Italien teil. Trotz seiner unbestrittenen Qualitäten hatten seine Trainer zuweilen ein gespanntes Verhältnis zu Guillermo Gorostiza, der aus seiner Liebe zum leichten Leben nie einen Hehl machte. Oft sei Gorostiza angetrunken und unausgeschlafen zum Training erschienen. Ausserdem habe er geraucht, was die Lungen hergaben. Als ihm sein Klub den Vertrag nicht mehr verlängern wollte, wechselte Gorostiza im Alter von 31 Jahren zum nicht minder bekannten FC Valencia, wo er trotz seines Lebenswandels unzählige Tore und weitere Titel feierte. Erst im hohen Fussballeralter von 37 Jahren verliess er den Klub, um fortan als Spielertrainer in unteren Ligen zu kicken.

Beim Abschied in Valencia schenkte der damalige Vereinspräsident Guillermo Gorostiza in Anbetracht seiner Verdienste und seiner Leidenschaft für schwarzen Tabak ein Zigarettenetui aus reinem Gold, in das er neben dem Namen des Spielers Dankesworte hatte eingravieren lassen. Aber schon wenige Jahre nach Beendigung seiner Karriere wendete sich das Glück vom labilen Fussballer ab. Geächtet von seiner Familie und finanziell am Ende, versetzte er sein goldenes Erinnerungsstück in einem Pfandleihhaus.

Auf wundersame Weise gelangte das Zigarettenetui mit der eingravierten Widmung Jahre später in die Hände eines Fussballfans. Dieser informierte den Präsidenten des FC Valencia. Der Präsident kaufte dem Fan das teure Stück ab, fand nach langer Suche den Aufenthaltsort seines ehemaligen Goalgetters heraus und schenkte ihm das goldene Zigarettenetui ein zweites Mal. Es heisst, der Präsident habe seinem verarmten Exstar das Versprechen abgenommen, das Geschenk nicht mehr wegzugeben, gleichzeitig habe er ihm etwas Geld zugesteckt, um die dringendsten Finanzprobleme zu lösen.

Guillermo Gorostiza sei kein schlechter Mensch gewesen, beteuern alle, die zu Lebzeiten mit ihm zu tun gehabt haben. Er habe sich einfach immer sehr leicht dazu überreden lassen mitzugehen, egal wohin. Habe ihn jemand gefragt, ob er mit zur Messe gehe, sei er mitgegangen, habe ihn jemand gefragt, ob er mit in die Bar oder ins Freudenhaus gehe, sei er ebenfalls mitgegangen.

Das Problem sei nur gewesen, dass Gorostiza sich irgendwann in Kreisen bewegt habe, in denen keiner mit ihm zum Gottesdienst gehen wollte.

Im Sommer 1966 verstarb der ehemalige Flügelspieler, von allen Angehörigen und Freunden verlassen, 57-jährig. Luis Casanova, der Präsident des FC Valencia, habe sich darüber gefreut, dass Guillermo Gorostiza ihm gehorcht und das goldene Zigarettenetui tatsächlich behalten habe.

Pedro Lenz ist zwar überzeugter Raucher, hat aber noch nie ein Zigarettenetui sein Eigen nennen dürfen.

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