Nr. 02/2013 vom 10.01.2013

Korruption, Willkür und ein Boxer aus einfachen Verhältnissen

Mit der vollständig überarbeiteten Ausgabe ihres Philippinenbuchs haben Niklas Reese und Rainer Werning ein Referenzwerk vorgelegt, das kaum Wünsche offenlässt.

Von Ralf Leonhard

Im Oktober 2012 unternahm die philippinische Regierung in einem Abkommen mit der Moro Islamic Liberation Front einen ersten Schritt, um den seit vierzig Jahren anhaltenden Konflikt auf der Insel Mindanao beizulegen. Sie stellte der muslimischen Minderheit eine autonome Provinz in Aussicht. Darüber kann man im «Handbuch Philippinen» nichts lesen, es kam wenige Wochen zuvor auf den Markt.

Wer aber verstehen will, worum es bei diesem Konflikt geht und welche Geschichte dem Aufstand der Moros vorausging, ist gut beraten, die Kapitel «Der Süden» und «Mindanao» von WOZ-Autor Rainer Werning zu lesen. Noch vor hundert Jahren war der Süden der Philippinen zu 98 Prozent von MuslimInnen bewohnt, die von der spanischen Kolonialverwaltung nie unterworfen werden konnten. Erst dem Kolonialregime der USA (ab 1898) gelang es, dank aggressiver Siedlungspolitik und straffer militärischer Verwaltung die Ressourcen des Südens für die Zentralregierung zu erschliessen und den Einfluss der Moros zurückzudrängen.

Als Diktator Ferdinand Marcos 1972 nach Jahrzehnten brutaler Unterdrückung die Forderung muslimischer RebellInnen nach einer unabhängigen Republik mit dem Kriegsrecht beantwortete, eskalierte der Konflikt. Der Krieg hat bisher rund 150 000 Menschenleben gekostet; der materielle Schaden liegt bei umgerechnet weit über einer Milliarde Euro.

Über diesen Konflikt wissen hierzulande nur wenige Bescheid. Die Philippinen liegen weit weg, unsere Kenntnisse über den aus 7107 Inseln bestehenden Archipel sind meist gering. Wir erfahren zwar alle Details, wenn etwa Hurrikan Sandy in den USA wütet und dort über hundert Menschen in den Tod reisst, werden aber mit Kurzmeldungen abgespeist, wenn Taifune wie Pepeng und Ondoy innerhalb weniger Tage Tausende auf den Philippinen in den Tod reissen.

Dieses Ungleichgewicht kann das schon nach der ersten Auflage 2006 als Standardwerk bezeichnete «Handbuch Philippinen» schwerlich beeinflussen. Doch all jenen, die sich für den fernen Inselstaat interessieren, beantwortet es fast alle Fragen, aufbereitet in handlichen Häppchen und immer wieder gewürzt mit einer feinen Prise Humor und Selbstironie.

Die gegenüber den ersten drei Auflagen um 120 Seiten erweiterte Neuauflage berücksichtigt nicht nur die politisch-historischen Ereignisse, die sich in den mehr als sechs Jahren zugetragen haben, seit die erste Fassung erschien. Das aktuelle «Handbuch Philippinen» enthält auch neue Kapitel, etwa über die Lust am Simsen (beim Versenden von SMS können die Filipinos den Weltmeistertitel beanspruchen), die Brutalität in den Machtkämpfen der politischen Clans oder die lebende Boxlegende Manny Paquiao. Der mehrfache Champion im Bantamgewicht war in seinen besten Zeiten nicht nur einer der bestverdienenden Sportler der Welt. Der aus armen Verhältnissen stammende Mann wurde auch ins Provinzparlament seiner Heimat gewählt und setzt sich dort gegen den illegalen Bergbau ein. 2013 will er Gouverneur werden; eine Präsidentschaftskandidatur ist nicht ausgeschlossen. Von Pit Wuhrer stammt ein Beitrag über ein rasch wachsendes Bündnis von KleinbäuerInnen, die aus dem Scheitern der sogenannten Grünen Revolution die Lehren zogen, die Ernährungssouveränität in die eigene Hand nehmen und statt auf Gentechnik und Monokulturen auf Sortenverbesserung und Biodiversität setzen.

In seiner politischen Analyse ist der Sammelband nahezu auf dem letzten Stand. Er liefert beispielsweise eine ernüchternde Einschätzung der Politik von Benigno «Noynoy» Aquino, der von ähnlichen Hoffnungen ins Amt getragen wurde wie einst Barack Obama. Doch der Sohn des 1983 von Marcos ermordeten Volkshelden Benigno «Ninoy» Aquino hat die unter Präsidentin Gloria Macapagal Arroyo grassierende Korruption kaum bremsen können. Die Menschenrechte werden auch heute fast so missachtet wie früher, die Willkürregimes der regionalen Potentaten bekommt Manila kaum in den Griff. Und die neoliberale Wirtschaftspolitik blüht nach wie vor mit allen verheerenden Konsequenzen.

Mithilfe der Literaturhinweise und Links am Ende der einzelnen Kapitel können Interessierte ihr Wissen vertiefen und aktualisieren. Leider fehlt ein Index, der das gezielte Suchen im sonst sehr übersichtlichen Handbuch zusätzlich erleichtern würde.

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