Nr. 19/2014 vom 08.05.2014

Im Schatten von John Joseph Pershing

Die philippinische Hafenstadt Zamboanga im Südwesten der Insel Mindanao galt als weltoffen und kosmopolitisch. Doch dann lieferten sich im September 2013 Regierungssoldaten und Moro-RebellInnen drei Wochen lang Strassenkämpfe. Worum ging es dabei? Und was haben die seit langem laufenden Friedensgespräche damit zu tun?

Von Rainer Werning, Zamboanga

Die ersten Stunden sind Tristesse pur. So hatte ich Zamboanga seit Anfang der siebziger Jahre noch nie erlebt – gelähmt, Tausende noch unter Schock, die Grünstreifen entlang der einst prachtvollen Uferpromenade ins Stadtzentrum übersät mit Zelten, Unterkünfte für die Badjao, die auch Seenomaden genannt werden, eine ethnische Minderheit, die vom Fischfang lebt. Und die es jetzt an Land gespült hat. Sie haben alles verloren, was sie im Alltag brauchten. Das war ohnehin nicht viel. Aber die Boote – wer ersetzt ihnen die überlebenswichtigen Boote, die im vergangenen September zerstört wurden, als sich die Stadt im Kriegszustand befand? Noch immer sind sie auf Almosen angewiesen. Die längst überfällige Hilfe bleibt aus.

Denkmal für den Schlächter

Ablenkung kommt nur von ein paar Kids, die kichern und lachen. «Hey, Joe!», schallt es vielkehlig. «Joe» hat Tradition. Spätestens seit Ende des Zweiten Weltkriegs hat sich das als Willkommensgruss für «Americanos» eingebürgert. Damit sind nicht nur die Landsleute der ehemaligen Kolonialmacht gemeint, die die Philippinen von 1898 bis 1946 beherrschten. Heute ist jeder Ausländer ein «Joe». «Take photo, please take photo», fordern sie. Verdutzt, ja völlig verstört starren sie mich an, als sie mitbekommen, dass ich weder über eine Kamera noch über ein Handy oder eine Uhr verfüge. Das ist ihnen unbegreiflich in einem Land, wo Verkehrsschilder davor warnen, die Strasse nicht simsend zu überqueren. Nach einer Weile sitzen sie im Schatten eines merkwürdigen Monuments, das ihnen nichts sagt, aber das mitten auf einem der beliebtesten Plätze der Stadt steht. Dort sitzen sie im Kreise der «barkada», der engsten Freunde, und simsen fröhlich mit ihren Handys um die Wette. Und wenn sie genügend Kleingeld zusammenkratzen können, verzehren die Kids hier mitten auf der Plaza Pershing einen Burger mit Coke.

Zamboanga, das 1936 wegen seiner strategischen Lage und als bedeutender Umschlagplatz im regionalen Tauschhandel den Status einer Stadt zugesprochen bekam, unterscheidet sich in vielfacher Hinsicht von anderen philippinischen Städten. So befindet sich neben der Plaza Rizal, die wie überall an den Nationalhelden José Rizal erinnert, auch eine Plaza Pershing, benannt nach einem Erzmilitaristen. John Joseph Pershing, wegen seines ersten Kommandos über eine afroamerikanische Truppe «Black Jack» genannt, war um die vorletzte Jahrhundertwende überall dort im Einsatz, wo Uncle Sam seine imperialen Ziele verfolgte – in der Karibik ebenso wie in Fernost.

Der Süden der Philippinen (Grosse Ansicht der Karte) Karte: WOZ

In die Philippinen verschlug es den General um 1900, neun Jahre später war er Militärgouverneur der Moro-Provinz auf Mindanao. Seine VerehrerInnen in den USA himmelten den höchstdekorierten Militär ihres Landes geradezu an, und auch Nato-Strategen wussten offensichtlich um die Durchschlagskraft von Black Jack: Immerhin wurden zu Beginn der achtziger Jahre in Westeuropa neben Marschflugkörpern auch Pershing-Raketen mit thermonuklearem Sprengkopf stationiert. Mit ihnen sollte die vermeintliche militärische Überlegenheit der damals noch intakten Sowjetunion gebrochen werden.

Für die Moros hingegen war Pershing bestenfalls ein Dragoner, in der Provinz Sulu gilt er noch heute als «Schlächter».

Andere Besonderheiten von Zamboanga erinnern an die Jahrhunderte währende spanische Kolonialära (1571–1898). Nur in «Zambo» hat sich mit Chavacano ein kreolisches Spanisch behauptet, worauf vor allem die begüterten und auf Etikette bedachten Zamboangueños stolz sind. Stolz waren und sind diese Elite und die Geschäftswelt der Stadt, die sich offiziell «Asia’s Latin City» nennt, seit eh und je auch auf die Präsenz von Soldaten.

Schon im 17. Jahrhundert errichteten die Spanier hier die Zitadelle ihrer geistlichen und weltlichen Macht. Die prunkvoll herausgeputzte Real Fuerza de Nuestra Señora del Pilar de Zaragoza liess sich als Kirche ebenso nutzen wie als Trutzburg. Heute beherbergt diese Festung eine Aussenstelle des Philippinischen Nationalmuseums. Ging es damals um die Bekämpfung von Piraten und um Kriege gegen die Moros, stehen heute in der Hightechvariante des Forts – im Militärkomplex Camp Navarro – philippinische Soldaten Seite an Seite mit US-Spezialeinheiten in ständiger Gefechtsbereitschaft. Ihr Auftrag: die Bekämpfung der als terroristisch eingestuften Abu-Sajaf-Gruppe und der muslimischen Widerstandsgruppen, die ausserhalb der Moro Islamic Liberation Front (MILF) operieren (vgl. «Who’s who im Moro-Widerstand» im Anschluss an diesen Text).

Camp Navarro war während der Präsidentschaft von Ferdinand Marcos (1966–1986) mit dem dort ansässigen Südkommando das Zentrum und die Schaltzentrale der Kriegführung im Süden. Vor wenigen Jahren wurde es in Western Mindanao Command (Westmincom) umbenannt. Jetzt wird das Westmincom aufgewertet, es soll noch mehr an Bedeutung gewinnen.

Denn während des Philippinenbesuchs von US-Präsident Barack Obama Anfang vergangener Woche wurde in Manila zeremoniell die beidseitige militärische Zusammenarbeit bekräftigt. Das neue Abkommen über eine erweiterte Verteidigungskooperation sieht unter anderem die Aufstockung der Truppen in Camp Navarro sowie die verstärkte Nutzung des Hafens und der Edwin Andrews Air Base der philippinischen Luftwaffe vor. Diese ist Teil des internationalen Flughafens von Zamboanga.

Wozu das alles? Der grosse Rivale, die Volksrepublik China, soll in Schach gehalten und daran gehindert werden, seine Besitzansprüche auf Inseln im Südchinesischen Meer durchzusetzen. Dieses Meer hat die Regierung in Manila mittlerweile auf eigenen Landkarten als «Westphilippinisches Meer» verzeichnet.

Feindbilder und Krieg

«Offensichtlich sind Militärs und die Regierungen auf Feindbilder angewiesen», sagt Juan Climaco Elago II, kurz Kim genannt. «Westmincom – das ist wie ein Tabernakel, zu dem nur amerikanische Hohepriester Zugang haben. Es gibt einen Bereich, zu dem philippinischen Generälen der Zutritt versperrt ist», sagt er.

Der Altaktivist ist von Haus aus Jurist und langjähriges Mitglied im Gemeinderat von Zamboanga. Sein Büro liegt im Stadtkern, ganz in der Nähe des Rathauses und der Plaza Pershing. Es ist stickig. Ständig kommen MitarbeiterInnen in sein Zimmer, das einer überdimensionalen Aktenablage gleicht, um Schriftstücke unterzeichnen zu lassen, Termine abzusprechen und Fragen zu klären.

«Ausgerechnet in dieser Stadt, mit dieser Tradition und diesem ausgedehnten Militärkomplex herrschte im September Krieg.» Kim kann sich so richtig ereifern, wenn er daran denkt. «Stell dir vor, drei Wochen lang!» Die Medien hätten es eine «Pattsituation» genannt, eine «Belagerung», manche schrieben gar von einer «Kapriole». «Doch nein – das war ein Krieg, mitten in der Stadt!», sagt Kim. «Ambulanzen konnten nicht ausrücken, weil überall Scharfschützen lauerten. Die Feuerwehr war machtlos, weil es überall brannte. Das öffentliche Leben stand still. Von acht Uhr abends bis fünf Uhr in der Frühe herrschte Ausgangssperre.»

In der Nacht auf den 9. September 2013 war es zwischen Polizisten und Mitgliedern der Moro National Liberation Front (MNLF) sowie SympathisantInnen von Nur Misuari (vgl. «Who’s who …», Seite 17) zu einem Handgemenge gekommen. Die Lage eskalierte, als einige MNLF-Leute festgenommen wurden. Die MNLF, die eigentlich schon 1996 ihren Frieden mit der Regierung gemacht hatte, wollte am Montag, dem 9. September, friedlich Richtung Rathaus marschieren und dort ihre Flagge hissen – aus Protest dagegen, dass sie von den laufenden Friedensgesprächen zwischen der Regierung und der rivalisierenden MILF ausgeschlossen blieb.

Doch die geplante Demonstration eskalierte rasch zum Konflikt zwischen den Regierungstruppen auf der einen Seite, die den Befehl hatten, den MNLF-Marsch zu stoppen, und bewaffneten MNLF-Kämpfern auf der anderen, die zwischenzeitlich von den Nachbarinseln Jolo und Basilan aus mit Schnellbooten übergesetzt hatten.

Evakuierungszentren und viele offene Fragen

Bis zum 28. September herrschte der Kriegszustand, weil die Regierung auf eine militärische Lösung des Problems setzte. Präsident Benigno Aquino III., der sich Mitte September mehrere Tage lang in Zamboanga aufhielt, spielte hier den Krieger, während er sich in Manila durch Verhandlungen mit der MILF als Friedensapostel gab. «Das war ein Rückfall in finstere Zeiten», sagt Grace Rebollos, die frühere Präsidentin der Western Mindanao State University. Gemeinsam mit Angel Calvo, einem seit Jahrzehnten in Zamboanga lebenden spanischen Priester und Friedensaktivisten, intervenierte sie mehrfach bei den verantwortlichen Militärs, um eine Verhandlungslösung zu finden. «Und die gab es bereits am fünften Tag der Auseinandersetzungen», erläutert Rebollos. «Am 13. September hatte Vizepräsident Jejomar Binay mit den Aufständischen eine Feuerpause vereinbart. Stattdessen obsiegten die Hardliner auf der ganzen Linie.»

Darunter litt die Zivilbevölkerung, für deren Belange sich die MitarbeiterInnen des Mindanao-Menschenrechtsaktionszentrums (MinHRAC) bis heute einsetzen. Ershad J. Tawasil, ein agiler, stämmig gebauter Mann in den frühen Dreissigern, leitet das MinHRAC-Büro in Zamboanga City, ausserdem ist er für die Region Zamboanga und die vorgelagerte Insel Basilan zuständig.

Sein Job hält ihn auf Trab. Er spürt eine grosse Verantwortung – zumal er und seine Familie schon zum zweiten Mal ihr Hab und Gut verloren haben: Das erste Mal auf der Insel Jolo, und dann brannte im September 2013 ihr Haus in Rio Hondo ab, einem Stadtteil von Zamboanga. «Die Leute, die dort lebten, sind überwiegend Arme und Muslime, die vor Jahren vor den Kriegswirren auf Jolo und Basilan nach Zamboanga geflüchtet waren», sagt Ershad. «Den Stadtoberen waren die Menschen hier immer ein Dorn im Auge; sie sahen in ihnen nur arme Schlucker ohne Land und ohne Besitzurkunden.» Er und seine Familie hätten da wenigstens Glück gehabt. Sie gehören zu dem kleinen Kreis jener, die Mitte der siebziger Jahre von Marcos das Recht auf ein Stück Land in Rio Hondo verbrieft bekamen.

Am nächsten Tag sind wir zu einem Ausflug der besonderen Art verabredet. Mit dem Geländewagen seines Büros, der durch Hilfsgelder aus Australien angeschafft werden konnte, besuchen wir mehrere der über dreissig Evakuierungszentren, die über das ganze Stadtgebiet verstreut sind. Im September waren über 200 Menschen ums Leben gekommen (die Regierung spricht von 25 Opfern unter den Sicherheitskräften) und Hunderte verletzt worden. Aber nicht nur das. Es wurden auch annähernd 11 000 Häuser in Schutthaufen verwandelt und etwa 40 Hektaren Land zerstört. Mindestens 130 000 (einige Quellen sprechen von 158 000 ) Menschen verloren ihr Obdach, rund ein Sechstel der 807 000 EinwohnerInnen.

Das Gros der Flüchtlinge lebt noch immer in Notunterkünften, die Regengüsse in Schlammlöcher verwandeln. Der Joaquin F. Enriquez Memorial Sports Complex, das grösste Evakuierungszentrum, dient über 14 000 Obdachlosen als Zufluchtsort. Die sanitären Anlagen sind miserabel, die Tribünen des Stadions dienen vielen Familien als Schlafstätten. Wo immer wir hinkommen, scharen sich Menschentrauben um uns. Sie fragen Tawasil und seinen Begleiter Gammar A. Hassan nach nächsten Hilfsaktionen und wollen mir unbedingt mitteilen, was ihnen widerfahren ist.

Sie beklagen die mangelnde Hilfe seitens staatlicher Stellen und stellen immer wieder dieselben bohrenden Fragen: Warum jagten uns Soldaten aus den Häusern? Warum gingen, als wir schon weg waren, unsere Häuser in Flammen auf? Eine Frau, die sich als Maria vorstellt, wiederholt inständig und mehrfach die Frage: «Wieso sind gerade die Viertel zerstört, die grösstenteils von Muslimen bewohnt waren?»

Die Regierung behauptet, es seien MNLF-Kämpfer gewesen, die das alles verursacht hätten. Glauben schenkt ihnen hier allerdings niemand.

Glauben, hoffen, bangen

Wie geht es weiter? Die Stadtverwaltung hat bereits Anfang Oktober die Einsetzung einer staatlichen Untersuchungskommission beantragt. Daraus ist bis heute nichts geworden. Und daraus wird wohl auch nichts. Denn hartnäckig halten sich die Gerüchte, dass die Schiessereien einigen PolitikerInnen in Manila vorzüglich ins Kalkül gepasst hätten – vor allem jenen, sie seit Sommer 2013 in den grössten Korruptionsskandal der letzten Zeit verwickelt sind. Es geht um mindestens zehn Milliarden Peso (umgerechnet etwa 200 Millionen Franken) staatlicher Hilfsgelder, die in den Privattaschen von SenatorInnen und Kongressabgeordneten verschwanden.

Im Zentrum dieses Skandals steht der neunzigjährige Senator Juan Ponce Enrile, der unter Marcos Verteidigungsminister gewesen war. Als äusserst vermögender Jurist und bis vor kurzem noch Präsident des Senats verfügt er über beste Verbindungen zu mächtigen Geschäftsleuten und hochrangigen Militärs. Seine für ihre markigen Worte bekannte Senatskollegin Miriam Defensor Santiago sieht in Enrile den Drahtzieher des Desasters vom September.

Starke Indizien weisen in dieselbe Richtung. So wurden offenbar den MNLF-Kämpfern je 20 000 Peso versprochen – 10 000 vor und 10 000 Peso nach ihrem «Einsatz» in Zamboanga. Zweitens trugen nach übereinstimmenden Zeugenaussagen MNLF-Kämpfer brandneue Uniformen, als Mitte Juli 2013 auf Jolo zum wiederholten Mal eine «unabhängige Bangsamoro-Republik» ausgerufen wurde. Drittens sind Enrile und MNLF-Gründer Nur Misuari – wenngleich aus völlig unterschiedlichen Motiven – knallharte Gegner des geplanten Friedensabkommens zwischen der Regierung und der MILF. Und viertens war eine Beteiligung der MNLF am Zamboanga-Krieg ohne finanzielle Hilfe von aussen undenkbar: Deren eigene Finanzmittel reichen bei weitem nicht aus, um auch nur einen Bruchteil des logistischen Aufwands zu schultern, der für den «Einsatz» in Zamboanga nötig war.

Vieles deutet also darauf hin, dass die eine grosse Moro-Gruppierung (MNLF) der anderen (MILF) in die Parade fahren wollte, weil sie sich marginalisiert sieht. Und dafür liess sie sich von Teilen der alten Elite in Manila instrumentalisieren.

Zamboangas Bürgermeisterin Maria Isabelle Climaco-Salazar, deren Onkel und früherer Amtsinhaber Cesar C. Climaco 1984 wegen seiner Marcos-kritischen Haltung erschossen wurde, hat allen Flüchtlingen eine Rückkehr in ihre Viertel versprochen – vorausgesetzt, sie verfügen über entsprechende Landtitel. Nur: Wer hatte die je? Und wer hat sie jetzt, nachdem das Haus abgebrannt ist?

Und so könnte in Zamboanga das passieren, was auf den Visaya-Inseln nach dem Supertaifun Haiyan (siehe WOZ Nr. 9/2014) Gestalt annimmt: Ein Tross gewiefter Geschäftsleute und InvestorInnen, assistiert von hoch dotierten JuristInnen und ausgestattet mit den «richtigen Papieren», verkündet vollmundig einen Wiederaufbau – besser und schöner als zuvor. Um sogleich Blaupausen zu präsentieren, wo und in welcher Ausstattung neue Eigentumswohnungen, Shoppingmalls, Vergnügungszentren und so weiter entstehen sollen. Sieht so eine Friedensordnung aus?

Die Protagonisten

Who’s who im Moro-Widerstand

Es dauerte lange, bis sich die Moros (vgl. «Eine uralte Konfliktregion») erneut gegen ihre Unterdrückung auflehnten. 1968 entstand der Kern der Moro National Liberation Front (MNLF), die anfangs eine unabhängige Republik Bangsamoro verlangte, also die Unabhängigkeit für die vorwiegend muslimisch besiedelten Regionen im Süden der Philippinen. Treibende Kraft war damals Nur Misuari, auf Sulu geboren und Mitte der sechziger Jahre in der linken Studentenbewegung von Manila sozialisiert.

Über Jahre hinweg kämpfte die MNLF bewaffnet gegen die Zentralregierung, eine reale Chance hatte die Bewegung jedoch nie. Und so kam es 1976 unter der Schirmherrschaft des libyschen Staatschefs Muammar al-Gaddafi – Misuari hatte mehrere Jahre im arabischen Raum zugebracht – bei Gesprächen in Tripolis zur ersten Annäherung. Die MNLF rückte von ihrer maximalistischen Forderung nach staatlicher Eigenständigkeit ab und akzeptierte einen begrenzten Autonomiestatus. Das endgültige Abkommen mit der philippinischen Regierung im Jahr 1989 führte zur Gründung der Autonomen Region in Muslim Mindanao (ARMM).

Misuari wurde zum Gouverneur ernannt – stürzte aber 2001 über eine Revolte früherer Gefolgsleute, die ihm Kapitulation vorwarfen. Das wiederum rief Misuaris AnhängerInnen auf den Plan, die auf der Insel Jolo eine Rebellion anzettelten. Dafür wurde Misuari unter Polizeiarrest gestellt, mangels Beweisen kam er 2009 aber wieder frei. Seit den Schiessereien in Zamboanga im letzten September, für die Misuari und andere verantwortlich gemacht werden, wird der MNLF-Gründer steckbrieflich gesucht.

Die MNLF hatte den Kampf um die Unabhängigkeit Mitte der siebziger Jahre aufgegeben. An ihre Stelle trat die Moro Islamic Liberation Front (MILF). Ihr erklärtes Ziel: den Widerstand nach dem «Tripolis-Desaster» zu revitalisieren und am Selbstbestimmungsrecht der Moros festzuhalten. In einem Gespräch (siehe WOZ Nr. 37/2000) verkündete der damalige MILF-Führer Haschim Salamat, dass über einen eigenständigen Bangsamoro-Staat nicht verhandelt werden könne, bestenfalls über dessen Territorium.

Doch auch die MILF erreichte ihr Ziel nicht. Es kam unter Vermittlung der malaysischen Regierung erst zu Waffenstillstands-, dann zu Friedensgesprächen und schliesslich 2008 zu einem Abkommen, das der Bevölkerung in einer erweiterten ARMM-Region eine autonome Regierung und die Kontrolle über die vorhandenen Ressourcen versprach. Die Vertragsparteien und hohe Staatsgäste waren schon in Kuala Lumpur, als der Oberste Gerichtshof der Philippinen das Abkommen als verfassungswidrig zurückwies.

Daraufhin kam es zu neuen Kämpfen zwischen MILF-Einheiten und der philippinischen Armee – und einer Rebellion von MILF-Feldkommandeuren, die ihrer Führung Kapitulation vorwarfen und eine eigene Bewegung gründeten – das Bangsamoro Islamic Freedom Movement (BIFM). Im Februar soll es nun zum Schulterschluss zwischen dem BIFM und einigen MNLF-Einheiten gekommen sein. Was sie eint, ist die Ablehnung eines Friedensvertrags und der Kampf für Unabhängigkeit.
Rainer Werning

Mindanao

Eine uralte Konfliktregion

Die Konflikte im Süden der Philippinen haben ihre Wurzeln in externem Kolonialismus und interner Kolonisierung. Ab etwa 1380 setzte eine Islamisierung der Region ein, die Sultanate von Jolo und Maguindanao unterhielten rege Handelsbeziehungen bis nach China. Bevor die Kolonialmacht Spanien ab 1571 den Süden von Manila aus beherrschte, war Zamboanga eine muslimische Siedlung.

Bis zum Ende seiner Herrschaft (1898) konnte Spanien die abschätzig als «Moros» bezeichneten islamischen Gesellschaften nicht unterwerfen. Diese widersetzten sich auch den neuen Kolonialherren aus den USA, in der Sulusee sogar bis 1916.

Ab 1920 siedelte Washington gezielt Mitglieder der nordphilippinischen Elite als Beamte im Süden an. An diese Methode erinnerte sich die – überwiegend christliche – Regierung nach der Unabhängigkeit der Philippinen (1946): Sie lockte mit Anreizen Agrokonzerne nach Mindanao und förderte eine Umsiedlung vom Norden der Philippinen in den Süden. Folge: Im an Bodenschätzen reichen Mindanao wurden die Moros marginalisiert.

Der Landraub vollzog sich keineswegs friedlich. Staatlich unterstützte Bürgerwehren der SiedlerInnen kämpften gegen muslimische Verteidigungseinheiten. Während der Ära von Ferdinand Marcos (1966–1986) wurde Mindanao zur landesweit höchstmilitarisierten Region; Mitte der siebziger Jahre eskalierten die Konflikte zum offenen Bürgerkrieg, der seither etwa 150 000 Menschen das Leben gekostet hat.
Rainer Werning

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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