Nr. 05/2013 vom 31.01.2013

Seltsame Tiere, die flüchtig an uns vorbeiziehen

Barbara Weber spürt in ihrer aktuellen Inszenierung im Zürcher Theater Neumarkt den Expats nach: hoch qualifizierten Spitzenkräften, die von ihren Firmen für befristete Zeit ins Ausland entsandt werden.

Von Bettina Gugger

Bei ihrer Ankunft werden die Expats von zwei Herren eines Relocation-Service begleitet. Aus dem Off ertönt der spitze Schrei einer Kundin, die mit der sanitären Einrichtung kämpft. Später betrachten die Dienstleister, die den Expats die Gepflogenheiten der Schweiz näherbringen, ihre Kundin beim Haareföhnen, als ob sie ein seltsames Tier wäre.

Expats arbeiten als hoch qualifizierte ExpertInnen für wenige Jahre im Ausland. Ihre Arbeitgeber sind meist globale Konzerne, die meist auch für den Umzug, die Wohnung und die Schule der Kinder aufkommen.

Darüber, wie sie leben, ist wenig bekannt. Die Dramaturgin Julia Reichert hat zusammen mit dem Journalisten Thomas Zaugg zwischen Juni und Dezember 2012 mit diversen Expats gesprochen. Die verfremdeten Interviews bilden die Grundlage für die Inszenierung von Barbara Weber, der Kodirektorin am Neumarkt: eine Collage aus Anekdoten, Minidramen, Parolen und Interviewsequenzen.

Brauchen Expats Integrationshilfe? Die Frage wird zunächst im Programmheft aufgeworfen – quasi als Weiterführung dessen, was in vielen Medien suggeriert wird: Ausländische Spitzenkräfte würden in Parallelgesellschaften leben und seien aufgrund von Zeitmangel und fehlenden Sprachkenntnissen schlecht integriert.

Brüchige Identitäten

Webers Inszenierung geht mit gutem Beispiel voran und projiziert die englische Übersetzung auf einen Monitor. Auf der Bühne wird deutsch, englisch, spanisch und französisch gesprochen. Da ist die Kaderfrau, die mit der Zahnbürste im Mund und dem Bügeleisen in der Hand chinesische Wörter eines Audiovokabeltrainers nachspricht. Oder es tritt eine Mutter auf, die ihr eigenes Kind nicht versteht, das beim Klingeln der Tür ausruft: «Ich han Angscht!» Dem Kind wiederum muss erklärt werden, dass Paris (und gewiss auch Zürich) nicht Mexiko-Stadt ist und es also keine Angst zu haben brauche.

Mit der Sprache werden auch Identitäten gewechselt. Klare Rollen sind kaum auszumachen. Die flüchtigen Charaktere suchen niemals einen Ort, an dem sie längerfristig bleiben und also auch Verantwortung übernehmen möchten. Da schläft ein Expat auf einer Luftmatratze – ist die Luft raus, pumpt er sie an einem neuen Ort wieder auf. Womit sich die Integrationsfrage erübrigt.

Dass uns als ZuschauerInnen diese flüchtigen Charaktere dennoch in der Erinnerung bleiben, ist der darstellerischen Leistung des Ensembles zu verdanken (Alicia Aumüller, Thomas Douglas, Katarina Schröter, Alexander Seibt, Jakob Leo Stark und Malte Sundermann). Wenn sich Sundermann etwa in der Schlussszene beim Karaoke verausgabt, wird eine Verzweiflung spürbar, die sich offenbar nur noch mit einem Robbie-Williams-Song ausdrücken lässt.

Sobald die Figuren aber mit der Frage konfrontiert werden, was für sie Heimat bedeute oder wo sie beerdigt werden möchten, verstummen sie. Stattdessen werden Wohnungen eingerichtet, um sie alsbald wieder zu verlassen. Welches Glücksversprechen macht Menschen, die das Abenteuer zum weit günstigeren Preis als dem der Selbstausbeutung haben könnten, zu Nomaden? «The risk is the challenge», so die Expats.

Reich, unglücklich, smart

Gesellschaftspolitische Fragen wie die Verdrängung auf dem Wohnungsmarkt oder die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt umschifft das Stück. Stattdessen werden Expats wie «Einheimische» als Klischees vorgeführt. Dabei lassen sich die Expats als Warhol zitierende Hampelmänner und Dostojewski lesende Barbiepuppen über diverse Kleinkariertheiten der SchweizerInnen aus.

Expats werden also in Webers Inszenierung auf ebenso verallgemeinernde wie distanzmarkierende Art und Weise vorgeführt. Diese Karikierung basiert zwar nicht auf religiösen oder ethnischen Unterschieden – sondern vorwiegend auf ökonomischen. Doch auch dieser Zugang wird dem Schicksal des Einzelnen nicht gerecht. Da erhält etwa der Klischeedeutsche von seinem gereiften Alter Ego Einblick in den Verlauf seiner Karriere. Er wird noch dreimal für die CS und dreimal für die UBS arbeiten. Eine teure Scheidung steht ihm bevor. Das bereitet dem jungen Mann Sorge – doch es ist allein der finanzielle Verlust, nicht etwa der bevorstehende Liebeskummer.

Die globalisierte Gesellschaft produziert emotionale Krüppel, suggeriert die Inszenierung. Gearbeitet wird nur für Geld, andere Werte und Träume bleiben auf der Strecke. So möchten wir uns, die wir nicht zum Kreis der International Community gehören, gerne die Elite vorstellen: reich, aber unglücklich. Doch die Zuschauerin erhält keinen Zutritt zu dieser Parallelwelt. Die Recherche knackt keine gesellschaftlichen Codes. Dazu ist die Inszenierung selbst zu flüchtig – und vermag gerade dadurch kaum die Auswirkungen eines flexibilisierten Arbeitsmarkts zu erhellen. Und schon gar nicht die damit verbundene «Flüchtigkeit» der einzelnen Individuen zu erfassen.

«Expats» in: Zürich, Theater Neumarkt. Nächste Vorstellungen: Mittwoch, 6., Freitag/Samstag, 8./9., und Freitag/Samstag, 15./16. Februar 2013, 
20 Uhr. www.theaterneumarkt.ch

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