Nr. 05/2013 vom 31.01.2013

Globale Literatur?

Von Stefan Howald

Schöne Premiere: Erstmals ist ein Schweizer Schriftsteller für den angesehenen International Man Booker Prize nominiert worden. Die Auszeichnung kommt Peter Stamm zu, der seit etlichen Jahren im englischsprachigen Raum zunehmendes Renommee geniesst.

Der mit 60 000 Pfund dotierte International Man Booker Prize wird seit 2005 alle zwei Jahre an SchriftstellerInnen vergeben, deren Werke auf Englisch erschienen sind. Für den Preis 2013 tritt Stamm gegen neun andere SchriftstellerInnen an, darunter Marie NDiaye aus Frankreich, Wladimir Sorokin aus Russland und U. R. Ananthamurthy aus Indien.

Seit 1998 hat der 1963 im Thurgau geborene und heute in Winterthur lebende Stamm zehn Bücher veröffentlicht. Auf Englisch erhältlich sind mittlerweile die meisten seiner Bücher: «Agnes», «Blitzeis», «Ungefähre Landschaft», «In fremden Gärten», «An einem Tag wie diesem», «Sieben Jahre» und «Seerücken», alle im US-Verlag Other Press. Sein Werk wird durch einen der bekanntesten Übersetzer, Michael Hofmann, übertragen.

In Rezensionen ist Peter Stamm aufgrund seiner Lakonik und seiner zurückhaltenden Präzision schon mit Albert Camus verglichen worden, zum Beispiel im «New Yorker». Auch andere führende Kulturzeitschriften wie die «London Review of Books» oder die «New York Review of Books» haben Stamm ausführliche Besprechungen gewidmet.

Man kann in dieser Wertschätzung vielleicht auch eine gewisse Reaktion auf die ausufernden US-amerikanischen Grossromane feststellen.

Einen besonderen Bewunderer hat Stamm in Tim Parks gefunden, einem englischen Schriftsteller und Übersetzer, der in Italien lebt. Tim Parks entwickelt in einem grossen Essay in der «New York Review of Books» die – positiv gemeinte – These, Stamm habe einen Stil entwickelt, der sich von geografischen Beschränkungen löse und den Bedürfnissen eines globalen Literaturmarkts entspreche, auf dem ein schneller Austausch zwischen den verschiedensten Nationalkulturen stattfinde. «Die ständige Desorientierung seiner Figuren, ihr Gefühl, dass ihr Leben mit unzähligen anderen Leben austauschbar sei, scheint unserer Epoche der Globalisierung besonders angemessen», schreibt er.

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