Nr. 06/2013 vom 07.02.2013

Das Burn-out hat die Kuh erreicht

Von Bettina Dyttrich

Einst hatte Milch viel mit Magie zu tun: Vögel konnten sie verzaubern, Hexen stahlen Milch über grosse Distanzen direkt aus dem Euter, und wenn die Bäuerin in die Milch stach, tat sie der Kuh weh. Heute kommt die Milch vom Grossverteiler, ist homogenisiert und ultrahocherhitzt, und nicht mehr Hexen, sondern Bakterien machen ihr zu schaffen. Die deutsche Agrarwissenschaftlerin Andrea Fink-Kessler hat ein Buch über den langen Weg geschrieben, der dazwischenlag.

Mit Schwerpunkt Deutschland, aber mit vielen Blicken über die Grenzen erzählt sie davon, wie die Lust auf Butter die Reformation förderte, wie Milchprodukte den Fernhandel antrieben und wie die Milch dabei vielerorts von der Frauen- zur Männersache wurde. Sie verfolgt die Entdeckung der Milchinhaltsstoffe und die Auseinandersetzungen über Qualität und Preise. Den Streit, ob Milch überhaupt gesund ist, erwähnt sie nur am Rand – schade, hier wären Details interessant gewesen. Gegen den Vorwurf, Kühe seien «Klimakiller», bringt sie dagegen gute Argumente.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die grosse Zeit der Hochleistungskühe. Sie müssen Kraftfutter fressen, für das ihre Mägen nicht gemacht sind, und sind so empfindlich, dass sie in Deutschland gerade noch zwei oder drei Kälber gebären, bevor sie geschlachtet werden. Das Burn-out, so die Autorin, hat die Kuh erreicht. Im internationalen Vergleich steht die Schweiz relativ gut da: Der Kraftfutterverbrauch ist geringer, und heute dürfen wieder vier von fünf Milchkühen auf die Weide. In Deutschland sind es nicht einmal halb so viele.

Die viele Milch brachte den BäuerInnen kaum Vorteile, sondern tiefe Preise und einen gnadenlosen Konkurrenzkampf. Welcher Weg führt aus dieser Sackgasse? Leider geht Andrea Fink-Kessler nicht ausführlich auf politische Strategien ein. Doch sie denkt in die richtige Richtung: «Es dürfte von allem etwas weniger sein: weniger Milch pro Tier, weniger Tiere in der Herde, weniger Fremdressourcen an Energie und Futtermitteln, weniger Arbeitszeit im Stall, weniger Schulden und Sorgen …»

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