Nr. 42/2018 vom 18.10.2018

Diversität im Stall

Man mag sich über die Hornkuh-Initiative wundern, über die Ende November abgestimmt wird. Doch so abwegig ist die Diskussion nicht; denn die Geschichte der Kühe ist eng mit jener der Menschen verbunden.

Von Werner Baumann

Keine «aus Haut, Knochen und Euter bestehende Milchmaschine»: Die Simmentaler Kuh ist robuster und gibt mehr Fleisch als Hochleistungskühe – dafür weniger Milch. Foto: Florian Bachmann

In der Geschichte der Kuh und ihres Aussehens spiegelt sich die Geschichte der menschlichen Gesellschaft. Ganz besonders gilt dies für die Schweiz. Seit ihre BewohnerInnen im Spätmittelalter von deutschen Adligen als «Kuhschweizer» verspottet wurden, verbindet sich das Bild der Schweiz in vielfältiger Art mit der Kuh. Lange stand diese nur im «Hirtenland» der Alpen und Voralpen im Zentrum der Landwirtschaft und damit der Wirtschaft. Im Zuge der Industrialisierung, als Dampfschiff und Eisenbahn den einheimischen Getreidebau unrentabel machten, wurde die Milchwirtschaft auch im Flachland zum beherrschenden agrarwirtschaftlichen Zweig, dem die anderen Zweige als Nebenproduktion (Schlachtvieh, Schweine zur Verwertung der Molke) oder Rohstofflieferanten (Viehzucht, Ackerbau) untergeordnet wurden. So nahm der Rindviehbestand seit der Mitte des 19. Jahrhunderts stark zu, bis er mit über zwei Millionen in den 1970er Jahren den Höhepunkt erreichte. Wichtiger und interessanter als die Anzahl sind die Veränderungen, die die Tiere und ihre Haltung im Lauf der Zeit durchmachten, oft parallel zur Gesellschaft des Landes.

Nur noch vier Rinderrassen?

In vorindustrieller Zeit waren Kuhrassen lokal, angepasst an die natürlichen Gegebenheiten und die Bedürfnisse der HalterInnen. Während man im Ackerbaugebiet des Flachlands die Kühe vor allem als Zugkräfte – daneben zur Produktion von Dünger und für die Selbstversorgung mit Milch und Fleisch – brauchte und also starke, schwere Tiere bevorzugte, war in den Bergen leichtes Vieh gefragt. Das Rätische Grauvieh ist ein Beispiel für eine kleine, genügsame und anpassungsfähige Rasse, die zudem dank des geringen Gewichts und der relativ grossen Klauen die verletzlichen Böden der Alpen schonte. Diese Vielfalt der lokalen Rassen und Schläge wurde zunehmend verdrängt mit den systematischen Zuchtbemühungen, die Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Umstellung auf Milchwirtschaft einsetzten und sich in Viehzuchtgenossenschaften manifestierten; das Grauvieh etwa verschwand in den 1920er Jahren aus dem Kanton Graubünden. Eine Homogenisierung setzte ein, sodass Ernst Laur, der als Agrarwissenschaftler und Direktor des Schweizerischen Bauernverbands die Deutungshoheit in der Schweizer Landwirtschaft beanspruchte, nach dem Zweiten Weltkrieg feststellen konnte: «Die Schweiz besitzt vier Rinderrassen.» Das erschien so selbstverständlich wie die vier Landessprachen, und wie diese waren die Kuhrassen weitgehend nach Landesteilen verbreitet. Hauptsächlich in der westlichen Hälfte der Schweiz war das rötlich-weiss gefleckte Simmentaler Vieh anzutreffen, das gut die Hälfte des Rindviehbestands ausmachte. Das Braunvieh dominierte die zentralen und östlichen Landesteile und machte etwa vierzig Prozent aus. Nur kleine Bedeutung hatten das Schwarzfleckvieh in Teilen des Kantons Freiburg (es ist in den siebziger Jahren ausgestorben) und das schwarze Eringervieh im Unterwallis, das noch heute mit seinen Kämpfen die Folklore bereichert; unbedeutend waren auch Kreuzungen.

Eine vielfältige Nutzung stand auch noch lange nach der Ausbreitung der Milchwirtschaft im Zentrum der Zuchtbemühungen: Die Tiere sollten nicht nur Milch liefern, sondern auch Fleisch und überdies stark genug zur Arbeit sein, besass doch noch 1905 nur ein gutes Viertel der Bauernbetriebe Zugpferde. Doch anderswo war die Entwicklung bereits weiter fortgeschritten. In den USA beobachtete der Landwirtschaftslehrer und spätere ETH-Professor Hans Moos bereits 1894, dass dort «einzelne ausschliessliche Leistungen der Tiere» bevorzugt wurden. Die Jersey-Kuh, für die AmerikanerInnen das vollendete Bild einer Milchkuh, schien Moos jedoch «eine aus Haut, Knochen und Euter bestehende Milchmaschine». Diese Tendenz wurde in der Schweiz erst nach dem Zweiten Weltkrieg aufgenommen. Als die Motorisierung der Landwirtschaft die Zugtiere überflüssig machte, zielte die Züchtung zunächst auf die «milchbetonte Zweinutzungskuh», seit den sechziger Jahren zunehmend aber nur auf Milch (oder Fleisch). Erleichtert wurde gezielte Zucht auf bestimmte Eigenschaften hin durch die künstliche Besamung, die seit den sechziger Jahren praktiziert wurde. Der Widerstand gegen diese Methode in gewissen bäuerlichen Kreisen speiste sich aus einem Unbehagen über die Funktionalisierung der Tiere.

Totalitäre Herrschaft im Stall

Der Haupttrend war jedoch diese Funktionalisierung. Ende der sechziger Jahre kam die Brown-Swiss-Kuh auf, eine aus ursprünglich nach Amerika exportiertem Schweizer Braunvieh auf hohe Milchleistung gezüchtete Rasse, die nun vermehrt ins Schweizer Braunvieh eingekreuzt wurde; es folgten schwarz gefleckte Holstein-Rinder und Red Holstein, die als noch leistungsfähiger gelten. Die Kühe wurden – wie Hans Moos beschrieben hatte – magerer, ihre Euter wurden grösser, immer neue Milchleistungsrekorde wurden verzeichnet.

Die Technisierung schritt in den folgenden Jahrzehnten weiter voran: Embryotransfer beschleunigte die forcierte Züchtung, Melkroboter tauchten auf, und die fortgeschrittensten Kuhställe verwandelten sich allmählich in Modelle einer total technisierten Welt. Der österreichische Schriftsteller Bernhard Kathan beschrieb sie 2009 als «schöne neue Kuhstallwelt», in der die Kühe durch ihre Bedürfnisse, nicht mehr durch Stock und Peitsche gelenkt werden. Sie bewegen sich in einem System von Gängen mit Schranken, Zugangssperren, Datenerhebungen und funktionellen Stationen wie Melkrobotern, Kraftfutterausgabe, Besamung und Ruhezonen, gesteuert durch Flussdiagramme, angelockt durch Konsumangebote wie Menschen im Supermarkt. Der computergesteuerte Kuhstall wird bei Kathan zum «Modell totalitärer Herrschaft», es scheint eine Bedrohung auf, der auch die menschliche Gesellschaft ausgesetzt ist. Die Kuh wird in ganz anderem Sinn als in früheren Zeiten zum Zeichen gesellschaftlicher Entwicklung.

Auch wenn man die Parallelen nicht so weit treiben will: Unbestritten ist, dass die Kühe und das Verhältnis Mensch–Tier sich hier fundamental verändert haben. Die Charakterkühe, die vom Bauern mit Namen gerufen werden, sind nummerierten, apathischen, wie sediert wirkenden Tieren mit leeren Blicken gewichen, am Hals tragen sie anstelle einer Glocke einen Transponder, der über einen Computer die Nahrungsaufnahme überwacht. «Das Band zwischen Mensch und Tier», so Kathan, «ist endgültig gerissen.» Die technische Anlage wirkt lebendiger als die Lebewesen. Kathan sieht darin «eine historische Schnittstelle, an der das Maschinelle zunehmend lebendig und das als lebend Verstandene den Gesetzmässigkeiten der Maschine unterworfen wird».

Mittlerweile zeichnet sich jedoch eine weitere technische Pointe ab, die diese «schöne neue Kuhstallwelt» bereits wieder obsolet machen könnte. Die Entwicklung von Milch, Eiweiss und Fleisch aus dem Biotechlabor ist weit fortgeschritten und könnte die Tierhaltung verdrängen. Zwar scheint die Akzeptanz bei KonsumentInnen noch ein Hindernis, aber wer möchte ausschliessen, dass auch diese Technologie die Welt dereinst erobert? So weit sind wir allerdings nicht.

Das ganze Kuhleben im Blick

Wenn in der Schweiz die Entwicklung zur voll computergesteuerten Kuhhaltung weniger weit fortgeschritten ist als in andern Ländern, so ist das sicher bedingt durch den klein- und mittelbäuerlichen Charakter der Landwirtschaft, aber auch – damit verbunden – durch Gegenströmungen, die mit ökologischen und kulturellen Argumenten schon seit den sechziger Jahren in eine andere Richtung zielen – von KonsumentInnen- und ProduzentInnenseite. So widersetzten sich manche ZüchterInnen der funktionalen Hochleistungszucht und forderten die Reinerhaltung des Schweizer Braunviehs und des Simmentaler Fleckviehs. Ökologische Argumente der Anpassung des Viehs an die natürliche Umgebung führten auch dazu, dass 1985 das leichte Grauvieh aus dem Tirol, wo es sich erhalten hatte, nach Graubünden rückimportiert wurde und dort immer häufiger anzutreffen ist. Auch die Haltung von schottischen Angus-Rindern auf extensiv genutzten Böden gehört in dieses Kapitel, bis hin zur exotischen Lösung, dass ein Bauer im Unterwallis auf früher drainierten, jetzt abgenutzten und versumpfenden Torfböden Wasserbüffel hält. Das alles führte dazu, dass heute die unterschiedlichsten Kuhherden auf den Schweizer Weiden anzutreffen sind – Diversität ist längst auch im Kuhstall angekommen.

In dasselbe Kapitel des Widerstands gegen die Funktionalisierung der Nutztiere gehört die Hornkuh-Initiative, die nun zur Abstimmung steht. Nicht das Tier soll an die mechanisierten Lebensbedingungen angepasst werden, sondern diese sollen so gestaltet werden, dass das Tier einigermassen naturnah leben kann. Bezeichnend für die weit fortgeschrittene Funktionalisierung ist die zurückhaltende Forderung der Initiative, die Haltung von Hornkühen zu subventionieren, nicht etwa, die Enthornung zu verbieten.

Es gibt auch Bestrebungen, die forcierte Leistungsorientierung in der milchzentrierten Tierzucht zu korrigieren. Die Kritik an unökologischer Landwirtschaft und die Nachfrage der KonsumentInnen nach naturnah und tierfreundlich erzeugten Produkten einerseits, der ökonomische Druck auf die Landwirtschaft andererseits haben 2015 die Gründung der Interessengemeinschaft Neue Schweizer Kuh angestossen. Sie will weg von den «Wegwerfkühen», die nach wenigen Jahren krank und unfruchtbar auf die Schlachtbank kommen, viel importiertes Kraftfutter brauchen und hohe Tierarztrechnungen generieren. Sie strebt eine Kurskorrektur in der Zucht hin zu kleineren, langlebigeren Kühen an, die meist draussen weiden und so weniger Aufwand für Ställe und Futter erfordern. Sie sollen kleiner und robuster sein, nicht immer grössere Ställe und teurere Tierarztleistungen beanspruchen und sich hauptsächlich mit Gras und Heu begnügen; nicht die Milchleistung pro Tag, sondern die während des ganzen Kuhlebens soll das Mass sein. Der Milchertrag würde so etwas kleiner, der Aufwand aber auch, so könnte die Rechnung für die BäuerInnen aufgehen. Die IG spricht von «effizienten Milchkühen». Vielleicht ist das die unspektakuläre schweizerische Kompromisslösung für das Dilemma der Kuhhaltung in einer modernen Gesellschaft. Ob diese neue Kuh wieder vermehrt Hörner trägt, wird auch durch die Abstimmung am 25. November mitbeeinflusst. Für manche Stimmende könnte die Skepsis gegen die zunehmende Funktionalisierung nicht nur der Kühe entscheidend für ein Ja sein.

Werner Baumann ist Historiker. Er promovierte und publizierte zur modernen Agrargeschichte der Schweiz. Er arbeitete als Lehrer und Rektor an einem Gymnasium und lebt in Basel. 2018 erschien von ihm im Chronos-Verlag: «Ein Mann des Volkes. Aufstieg und Fall des Thurgauer Politikers Ulrich Baumann (1851–1904)».

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