Nr. 10/2013 vom 07.03.2013

Er hat bewiesen, dass es auch ohne die USA geht

Hugo Chávez gab Lateinamerika neues Selbstbewusstsein. Aber der Caudillo hinterlässt ein Venezuela, in dem sich zwei verfeindete Blöcke gegenseitig belauern und keine konstruktive Debatte mehr möglich scheint.

Von Toni Keppeler

Venezuela hat unruhige Tage vor sich. Die Rede des Vizepräsidenten Nicolás Maduro an die Nation, wenige Stunden nach der Todesnachricht, war kein guter Auftakt für die Ära nach Hugo Chávez. Mit vor Zorn funkelnden Augen gab Maduro die Ausweisung eines US-amerikanischen Militärattachés bekannt, raunte von Konspirationen und verstieg sich danach zur haarsträubenden Theorie, Chávez sei nicht einfach nach zwei Jahren schwerer Krankheit gestorben. Nein, der tödliche Krebs sei ihm eingeimpft worden vom Feind, und der sitze nirgendwo anders als in den USA.

Maduro, der von Chávez designierte Nachfolger, erwies sich als authentischer Erbe seines politischen Ziehvaters. Dazu gehören auch einige der schwierigsten Charakterzüge des verstorbenen Staatschefs: Polarisieren, Öl-ins-Feuer-Giessen, Mobilisieren der Massen mit Gerüchten und puren Emotionen, die keinem Nachdenken standhalten. So regierte Chávez vierzehn Jahre lang: nach dem einfachen Schema von Freund und Feind. Er hinterlässt ein gespaltenes Land, in dem niemand mehr konstruktiv debattiert. Die eine Seite misstraut der anderen, man erwartet jederzeit einen Schlag und sucht die Möglichkeit zum präventiven Gegenschlag.

Wäre Chávez nicht gestorben, er hätte bis 2018 bequem weiterregieren können. Er war erst im Oktober zum dritten Mal wiedergewählt worden, unangefochten. Der Graben verläuft nicht mitten durch Venezuela, die Seite von Chávez ist grösser. Es ist die Seite der Armen. Ihnen zeigte Chávez, dass man mit den Milliarden aus den Erdölexporten anders umgehen kann, als es die Oligarchen in den Jahrzehnten zuvor getan haben. So hat er ÄrztInnen in Armenviertel gebracht, LehrerInnen für Alphabetisierungskampagnen eingesetzt, Lebensmittel subventioniert, Häuser hinstellen lassen. Das war alles ideologisch überfrachtet und wurde nach Gutsherrenart unters Volk gebracht. Reichtum wurde verteilt, aber nicht nachhaltig und produktiv eingesetzt. Manche nannten es «Stimmenkauf», aber es linderte real existierende Not. Und es funktionierte. Das Fressen kommt vor der Moral und auch vor der lupenreinen Demokratie.

Ganz authentisch bei sich selbst

Chávez hat die Figur des «Caudillo» wieder aufleben lassen: eines väterlichen Führers, der dem Volk gibt, was es verlangt, und von diesem per Akklamation auf den Schild gehoben wird. Er hat diese Figur ganz klassisch gespielt, mit feurigen Reden vor grossen Massen und Küsschen für alte Frauen und kleine Kinder. Und er hat es verstanden, dieses Schema für das Zeitalter der elektronischen Medien neu zu erfinden: mit einer wöchentlichen Fernsehshow inklusive singendem Präsidenten, mit über vier Millionen Followern auf Twitter. Für gebildete westeuropäische Augen und Ohren waren diese Darbietungen bisweilen unerträglich plump. Aber Chávez richtete sich nicht an WesteuropäerInnen, sondern an Arme in Venezuela mit wenig oder gar keiner Bildung, die keine Zeitungen lesen, sondern billige Seifenopern konsumieren. Er war der König des Lumpenproletariats, und er spielte diese Rolle sehr gut.

Eigentlich war es gar keine Rolle; Chávez war so, und gerade das verlieh ihm Charisma. Er war ganz authentisch bei sich selbst, sogar in einer Umgebung, die das gar nicht goutierte: Auch international gab er den Rüpel. Den früheren US-Präsidenten George W. Bush nannte er vor der Uno-Vollversammlung einen «Teufel»; den sinistren iranischen Ministerpräsidenten Mahmud Ahmadinedschad umarmte er als Bruder, weil der Feind seines Feindes unhinterfragt sein Freund war. Auch international hat er gespalten. Lateinamerika hat er trotzdem geeint.

Ein Sohn Fidel Castros

Als Ende des Jahrtausends der damalige US-Präsident Bill Clinton den amerikanischen Kontinent in einer kapitalistischen, von den USA dominierten Freihandelszone mit dem spanischen Kürzel Alca zusammenführen wollte, hielt Chávez mit dem bolivarisch-solidarischen Wirtschaftsverband Alba dagegen. Es wurde kein richtiges Erfolgsmodell, aber Alba existiert. Alca dagegen war gestorben. Und die LateinamerikanerInnen haben gelernt: Sie können auch ohne die USA. Heute treffen sie sich selbstverständlich zu kontinentalen PräsidentInnengipfeln – mit Kubas Fidel Castro und ohne Barack Obama. Chávez alleine hätte dieses neue lateinamerikanische Selbstbewusstsein nicht hinbekommen. Er brauchte ein integratives Gegengewicht und hat es im ebenfalls charismatischen brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio «Lula» da Silva gefunden. Der wiederum brauchte einen radikalen Spalter als Wegbereiter. In diesem Sinn ist Chávez ein Sohn seines väterlichen Freundes Fidel Castro: Castro hat gezeigt, dass man aufstehen kann gegen die USA. Chávez hat bewiesen, dass es auch ohne die USA geht. Das ist sicher sein grösstes Verdienst für Lateinamerika.

Und was wird aus Venezuela? Ist ein Chavismo ohne Chávez möglich? Nicolás Maduro jedenfalls hat am Todestag aufleuchten lassen, dass er durchaus in die Fussstapfen seines Vorbilds treten könnte.

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