Nr. 10/2013 vom 07.03.2013

Von der Arbeit zur Hochzeit – und zurück?

Frauen sind die grossen Verliererinnen in Japan, denn sie tragen die Nachteile einer Zweiklassengesellschaft auf dem Arbeitsmarkt. Japans Gleichstellungspolitik kommt kaum vom Fleck.

Von Igor Kusar, Yokohama

Die ganze Welt blickte nach Japan, als der Inselstaat in den achtziger Jahren zur führenden Wirtschaftsmacht aufstieg. Dabei wurde eine entscheidende Stütze des japanischen Erfolgs kaum beachtet: die Ehefrau. In der damaligen Familienstruktur übernahm sie die alleinige Verantwortung für Haushalt, Kindererziehung sowie die Pflege der Eltern und Schwiegereltern, wenn diese alt wurden. Der Ehemann konnte sich so ganz auf seine Arbeit – in Form einer garantierten Vollzeitstelle – konzentrieren. Diese Konstellation sicherte der Familie den Lebensunterhalt und dem Staat tiefe Sozialkosten. Sobald der Zeitaufwand für die Kinderbetreuung nachliess, kehrte ein Teil der Frauen als Teilzeitarbeiterinnen und billige, aber gebildete Arbeitskräfte auf den Arbeitsmarkt zurück – eine willkommene Manövriermasse.

Anfang der neunziger Jahre verstärkte sich der Druck auf die weiblichen Arbeitskräfte. Die Wirtschaftsverbände drängten nach dem Platzen der Spekulationsblase 1991 auf eine weitere Liberalisierung des Arbeitsmarkts. Als Vorwand diente ihnen der härter werdende globale Wettbewerb, der Kostensenkungen, vor allem im Lohnbereich, erfordern würde. Gleichzeitig sollte der drohende Rückgang der Arbeitskräfte – bereits 1990 lag die durchschnittliche Anzahl Kinder pro Frau bei nur 1,54 – durch eine stärkere Einbindung der Frauen aufgefangen werden.

«Diese Forderungen haben den grössten gewerkschaftlichen Dachverband Japans, Rengo, aufgeschreckt, der um die Jobsicherheit seiner Mitglieder, vorwiegend männliche Vollzeitbeschäftigte, fürchtete», sagt Japans wohl bekannteste Feministin, Frauen- und Familienforscherin, Chizuko Ueno: «Rengo ging deshalb einen Pakt mit den Wirtschaftsverbänden ein und liess zu, dass ausserhalb seiner Einflusssphäre ein Niedriglohnsektor von Zeit-, Leih- und VertragsarbeiterInnen entstand.» In Japan gibt es eine Sammelbezeichnung dafür: die «nicht reguläre Anstellung», die heute fast vierzig Prozent aller Arbeitsverhältnisse ausmacht. Und darin sind, wen wundert es, Frauen stark übervertreten. «Hier werden Löhne bezahlt, die bis zu fünfzig Prozent oder mehr unter dem regulären Standard liegen», sagt Ueno. Seit Jahren kämpft sie mit spitzer Feder gegen die Diskriminierung ihres Geschlechts – ohne richtig gehört zu werden. Die Medien sind nach wie vor in Männerhand.

Neue Armutsfalle

Die offizielle Politik habe lange versucht, die offensichtliche Diskriminierung der Frau zu verschleiern, sagt Ueno weiter. Bereits 1986 wurde zwar ein Gesetz zur Gleichstellung der Geschlechter verabschiedet, das Frauen gleiche Chancen im Beruf zugesichert hätte. Doch das Gesetz erwies sich als Papiertiger. Die Unternehmen haben immer wieder neue, teilweise gesetzeswidrige Tricks erfunden, um die Karrierechancen der Frauen zu begrenzen: etwa wenn sie überhaupt wenige Frauen regulär anstellen oder wenn sie die Belegschaft in zwei Karrierepfade einteilen, wobei die Frauen meistens in der Gruppe ohne Aufstiegschancen landen und in der Sachbearbeitung eingesetzt werden. Auch der 2001 eingerichtete MinisterInnenposten für die Gleichstellung der Geschlechter brachte bislang keine grosse Veränderung.

Derweil rutschten – auch wegen wachsender Scheidungszahlen – immer mehr Frauen in eine neue Armut ab. Heute leben 32 Prozent aller Einfrauenhaushalte (der 20- bis 64-jährigen Frauen) in Armut. «Für die Gesellschaft hatten diese Entwicklungen verheerende Folgen», sagt Ueno. «Was wir heute in Japan haben, ist eine Zweiklassengesellschaft, bestehend aus regulär Angestellten und nicht regulär Angestellten.» Und weil die Frauen vorwiegend zur zweiten Gruppe gehörten, würden sie als billige, jederzeit verfügbare Arbeitskräfte die gleiche Rolle spielen wie in Europa die AusländerInnen, sagt Chizuko Ueno.

Zwar ist es für die regulär angestellten Frauen heutzutage nicht mehr ganz so schwierig, die Karriereleiter zu erklimmen, wie noch vor zwanzig Jahren. «Doch richtig ernst genommen werden sie in vielen Wirtschaftsbereichen immer noch nicht», sagt die Wirtschaftsjournalistin Rika Kashiwagi, die über Karriere und Lebensstil der Japanerinnen recherchiert. Dies belegen auch die internationalen Ranglisten zur Geschlechtergerechtigkeit, auf der Japan regelmässig weit hinten platziert ist: Nur knapp neun Prozent aller Kaderpositionen in der Wirtschaft sind mit Frauen besetzt. Ihr Anteil dünnt sich dabei mit jeder Karrierestufe weiter aus.

Für den entscheidenden Knick in der Karriere einer Frau sorgen immer noch Schwangerschaft und Kinder, wobei schon die Möglichkeit, überhaupt schwanger zu werden, die Karrierechancen dämpft. «Zu vieles ist in Japan darauf ausgelegt, dass sich die Frau nach der Entbindung aus dem Berufsleben zurückzieht: angefangen bei der geringen Zahl an Kindertagesstätten bis hin zur hohen zeitlichen Belastung durch den Arbeitsalltag», sagt Kashiwagi. Da Teamwork und Kommunikation die japanische Arbeitskultur bestimmten, seien fixe Arbeitszeiten schwer einzuhalten und Überstunden bei den regulär Angestellten die Regel. Flexible Arbeitszeitmodelle sind nicht sehr verbreitet, und viele Unternehmen wollen keinen Mutterschaftsurlaub gewähren, sodass sie ihre Angestellten aktiv ermuntern, bei Schwangerschaft die Firma zu verlassen. Diese unlauteren Praktiken scheinen zu wirken: Siebzig Prozent der arbeitenden Frauen kündigen vor der Geburt ihres Kindes; und sogar die Sozialwerke fördern diesen Schritt: Hausfrauen und Teilzeitarbeiterinnen sind nämlich bei der Firma ihres Ehemanns beitragsfrei mitversichert. Und ein Wiedereinstieg, den die finanzielle Not vielen aufzwingt, erweist sich in einer Firmenkultur, die das Senioritätsprinzip hochhält, als sehr mühsam.

Angesichts dieses frauenfeindlichen Systems ist es nicht verwunderlich, dass vielen Japanerinnen der Heiratsmarkt lukrativer erscheint als der Arbeitsmarkt. Eine prächtige Hochzeit, Hausfrauendasein, Kinder, soziale Sicherheit – davon träumen heute sogar noch mehr junge Frauen als vor zehn Jahren. Doch auch solche Wünsche prallen in Japan auf eine harte Wirklichkeit. Die Arbeitsmarktliberalisierung hat nämlich auch viele junge Männer in den Billiglohnsektor abgedrängt. Als Alleinernährer einer Familie kommen sie nicht infrage. Und so übertragen sich die Probleme der nicht regulär Angestellten auch auf andere gesellschaftliche Bereiche: zum Beispiel auf dem Heiratsmarkt, wo nicht regulär Angestellte einen deutlichen Nachteil haben. Und da Konkubinate in Japan selten sind, sinken die Geburtenraten noch weiter.

Genau hier hat die Demokratische Partei (DPJ) versucht anzusetzen, als sie 2009 an die Macht kam: Mit höherem Kindergeld und besserer Betreuungshilfe wollte man den Frauen die Vereinbarung von Beruf und Familie erleichtern. Die Oberhausabgeordnete und frühere Ministerin für Geschlechtergerechtigkeit, Renho, ist stolz auf ihre Partei, da sie die Sozialwerke etwas stärker auf die Bedürfnisse der Frauen ausgerichtet habe.

Doch aus verschiedenen Gründen hatte es auch die DPJ nicht geschafft, die Geschlechtergerechtigkeit entscheidend voranzubringen. Renho nennt an erster Stelle den Widerspruch von Arbeitsmarkt und Familie, der zu komplex sei, um mit einigen Gesetzesänderungen aufgehoben zu werden. Und zweitens das auf konservative Rollenbilder ausgerichtete Denken, das stark mit zwei Kategorien operiert: einerseits der Mann als Arbeiter und Ernährer und andererseits die Frau für das Häusliche und die Erziehung. Bei den Jüngeren findet allerdings ein Umdenken statt. So erfreut sich bei ihnen der Ikumen (Ehemann), der bei der Kinderbetreuung mitmacht, gegenüber dem Ikemen (schönen Mann) – dies ist in Japan ein populäres Wortspiel – immer mehr an Beliebtheit.

Konservative Rollenbilder

Renhos Parteikollegin Yoko Komiyama, ehemalige Ministerin für Gesundheit, Arbeit und Soziales, war die grosse Hoffnung vieler Frauenrechtsorganisationen. Aber auch sie traf als Ministerin auf grossen Widerstand: etwa auf die tief verankerte Praxis, dass die Unternehmens- und AngestelltenvertreterInnen die Arbeitsregelungen unter sich aushandeln und der Staat dies in der Gesetzgebung nur nachvollziehen soll. «Und bei der Frauenarbeit haben die Wirtschaftsvertreter wenig Interesse an gerechteren Bedingungen», sagt Komiyama. Der Lohndruck der letzten zwanzig Jahre hat den grossen Konzernen nämlich satte Gewinne beschert. Viele von Komiyamas Vorhaben wurden aufgeschoben oder verwässert, etwa die Einführung einer betrieblichen Sozialversicherung für alle TeilzeitarbeiterInnen.

Die Gleichstellungspolitik kommt in Japan kaum vom Fleck – sie ist gefangen im Widerspruch von Arbeitsmarkt, Familie und einem hoch verschuldeten Staat. Für die Japanerinnen ist die Situation entmutigend: Der Weg nach vorne zur vollständigen Integration in den Arbeitsmarkt ist lang und steinig, und selbst derjenige zurück zum Hausfrauendasein ist versperrt. Nur schon wegen sinkender Geburtenraten herrscht Handlungsbedarf. Doch zu viele Kräfte – etwa die grossen Konzerne oder die Männer auf dem Karrierepfad – profitieren von den prekären Anstellungsverhältnissen vieler Frauen und stemmen sich gegen Reformen.

So liegt für die Wirtschaft weiterhin viel Potenzial brach, denn über vierzig Prozent der Frauen haben einen Universitätsabschluss. Auch die LiberaldemokratInnen, die im Dezember 2012 das Ruder übernommen haben, werden mit ihrem Familienkonservatismus daran nichts ändern.

Konsum und Karriere

Lifestyle in Frauenhand

Japan fehlen weibliche Vorbilder – Frauen, die Karriere und Kind erfolgreich verbinden. Eine, die es geschafft hat, ist Kahoko Tsunezawa. Mit 26 gründete sie die Marketing- und Lifestyle-Firma Trenders, mit 39 brachte sie es an die Börse, dazwischen wurde sie dreimal Mutter. Sie ist erfolgreiche Autorin und gibt Seminare für Jungunternehmerinnen. «Ich musste oft kämpfen», sagt sie, «doch auch als Frau kann man es schaffen.» Hingegen ist sie überzeugt, dass eine ähnliche Karriere in Branchen wie der Auto- oder Maschinenindustrie um einiges schwieriger gewesen wäre. Tsunezawas Unternehmen mit rund achtzig MitarbeiterInnen ist bei SchulabgängerInnen äusserst beliebt: 20 000  Bewerbungen gehen jährlich bei Trenders ein, davon siebzig Prozent von Frauen.

Die Bereiche Mode und Gourmet sind in Japan fast ganz in Frauenhand. Nach 17 Uhr strömen viele Frauen aus den Büros in die berühmten Einkaufsviertel der Grossstädte mit ihren Boutiquen und französischen Restaurants. Hier sind sie oft unter sich, denn Frauen und Männer leben in Japan in vielerlei Hinsicht in verschiedenen Welten: Die Männer bleiben bis spätabends bei der Arbeit und halten sich gerne an den japanischen Verhaltenskodex, wonach Konsumieren unmännlich ist. Viele Japanerinnen aber spülen den Frust, den sie als zweitklassige Angestellte spüren, in der Welt der Eleganz und des guten Geschmacks herunter. Kahoko Tsunezawa bot die Lifestyle-Industrie eine Chance für beruflichen Erfolg.

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