Nr. 44/2014 vom 30.10.2014

Vorgetäuschte Freiwilligkeit

Die Ecopop-Initiative ist sexistisch und frauenfeindlich. Wird sie angenommen, stehen Frauen sowohl in den sogenannten Entwicklungsländern als auch in der Schweiz vermehrt unter Druck.

Von Noëmi LandoltMail an Autor:in

Achtzig Millionen ungewollte Schwangerschaften jedes Jahr weltweit: Dagegen will Ecopop vorgehen. Wird die Initiative «Stopp der Überbevölkerung» am 30. November angenommen, soll die Schweiz zehn Prozent der Entwicklungshilfe in die freiwillige Familienplanung investieren. Familienplanung bedeutet laut Ecopop Aufklärungsunterricht sowie das Angebot von Verhütungsmitteln und Sterilisation.

Dass es mit der Freiwilligkeit in Familienplanungsprogrammen oft nicht weit her ist, legt das Grundlagenpapier «Frauen sagen Nein zur Ecopop-Initiative» ausführlich dar. Verfasst wurde es von den feministischen «Frauenstimmen gegen den Krieg».

Die Autorinnen berichten beispielsweise über ein 1983 von der Regierung in Bangladesch auf Geheiss der Weltbank, der US-amerikanischen Entwicklungsorganisation USAid sowie des UN-Bevölkerungsfonds lanciertes Geburtenkontrollprogramm. Frauen, die sich zur Sterilisation bereit erklärten, erhielten im Gegenzug Kleidung und eine finanzielle Entschädigung in der Höhe mehrerer Monatslöhne.

Gefährliche Implantate

Die Bevölkerung Bangladeschs war von Hunger geplagt und fand sich wegen mehrerer Flutkatastrophen in einer Situation extremer Armut. «Von Freiwilligkeit kann mit dem Anreizsystem keine Rede sein», sagt Regula Flury, Koautorin des Grundlagenpapiers. In der Entwicklungshilfe sei es heute üblich, mit Leistungsvorgaben und Anreizen zu arbeiten, was dazu geführt habe, dass dies auch in Familienplanungsprogrammen wieder zunehmend gemacht werde. Und dies, obwohl sich bereits der Aktionsplan der Weltbevölkerungskonferenz in Kairo 1994 gegen Zwang und Anreize oder Bestrafungen in Familienplanungsprogrammen ausgesprochen hat. Neben den betroffenen Frauen würden dabei auch die MitarbeiterInnen von Entwicklungsorganisationen unter Druck gesetzt, deren Lohn von bestimmten Quoten abhängig sei, etwa einer Anzahl Impfungen oder eben Sterilisationen. «Unter solchen Bedingungen ist eine objektive Beratung nicht wirklich möglich», sagt Flury. «Dies ist auch gar nicht die Absicht der Ecopop-Initiative. Sie transportiert vielmehr das rassistische und sexistische Stereotyp der dunkelhäutigen, ungebildeten Frau, die nicht fähig ist, selbst über die Zahl ihrer Kinder zu entscheiden.»

Nicht die Entscheidungsfreiheit der einzelnen Frauen steht im Vordergrund, sondern die Kontrolle der Geburtenzahlen. Gerade bei Frauen, die in medizinisch schlecht erschlossenen Gebieten leben würden, verlasse man sich jedoch gerne auf Langzeitkontrazeptiva, sagt Flury. Dies kann beispielsweise eine Hormonspritze sein, die drei Monate lang wirkt, oder auch ein Verhütungsimplantat. Im Gegensatz zur Pille, die frau einfach absetzen kann, wirkt ein Verhütungsimplantat bis zu sechs Jahre lang und kann nur unter ärztlicher Aufsicht entfernt werden. Besonders problematisch sind zudem die Nebenwirkungen, die von Kopfschmerzen über Depressionen bis zu Bauchhöhlenschwangerschaften reichen. Häufig sind auch unregelmässige oder starke und lang andauernde Regelblutungen, was insbesondere für mangelernährte Frauen ohne Zugang zu einer Gesundheitsversorgung gefährlich werden kann.

Vor zwei Jahren lancierte der deutsche Pharmakonzern Bayer zusammen mit der Bill-&-Melinda-Gates-Stiftung sowie den Regierungen verschiedener Industrienationen eine Kampagne zur Abgabe eines Verhütungsimplantats in den fünfzig ärmsten Ländern. Absicht ist es, 27 Millionen Stück des Implantats Jadelle über sechs Jahren zum reduzierten Preis (8,50 statt 18 US-Dollar) zur Verfügung zu stellen. So sollen, wie Bayer verkündete, 30 Millionen ungewollte Schwangerschaften verhindert, die Säuglingssterblichkeit um 280 000 Fälle, die Müttersterblichkeit um 30 000 Fälle gesenkt und nicht zuletzt 250 Millionen US-Dollar an globalen Gesundheitskosten gespart werden. Gleichzeitig profitiert der Pharmakonzern von Geldern, die für die Entwicklungshilfe gesprochen werden.

Die Reduktion der Kinder- und Müttersterblichkeit ist Teil der von der Uno aufgestellten Millenniumsziele, an denen sich die Entwicklungszusammenarbeit heute weitgehend orientiert. So verwundert es nicht, dass bei Familienplanungsprogrammen Verhütungsmethoden bevorzugt werden, die «provider controlled» sind, bei denen die Behandlung, wie im Fall von Jadelle, also nicht durch die Nutzerinnen selbst abgebrochen werden kann.

Bildung ist kein Verhütungsmittel

«Wenn Ecopop also behauptet, die Initiative fördere die Selbstbestimmung von Frauen, so ist das mehr als heuchlerisch», sagt Regula Flury. «Frauen entscheiden nämlich zumeist rational über die Anzahl Kinder und haben laut WHO in den meisten Regionen der Welt bereits Zugang zu Verhütungsmitteln. Viel bestimmender ist die soziale Einbettung, das religiöse, politische oder gesellschaftliche Umfeld.»

Zudem bedeuteten zahlreiche Kinder vielerorts schlicht eine gesicherte Altersvorsorge.

Entwicklungsorganisationen, wie auch Alliance Sud in ihrer Stellungnahme gegen Ecopop, betonen immer wieder, dass nicht der Zugang zu Verhütungsmitteln ungewollte Schwangerschaften verhindere, sondern der Zugang zu Bildung, politische Partizipation und eine ökonomisch gesicherte Situation. Es ist jedoch heikel, Bildung als effektiveres Verhütungsmittel anzupreisen, solange die Grundaussage ist, dass Geburtenraten im Globalen Süden zu senken seien. Bildung bedeutet in erster Linie ein Recht auf Entwicklung menschlicher Fähigkeiten und ist kein Verhütungsmittel.

Fit für die Marktwirtschaft

«Man geht davon aus, dass gebildete Frauen weniger Kinder haben, weil sie einerseits weniger Zeit für ihren Nachwuchs haben und andererseits aufgrund ihres Verdienstes zur finanziellen Absicherung nicht auf ihre Kinder angewiesen sind», sagt Annemarie Sancar, Genderexpertin beim Kompetenzzentrum Friedensförderung von Swisspeace und kantonale Delegierte der Grünen Partei der Schweiz. Doch dieser Gedanke entspringe «einem durch und durch neoliberalen Denkschema». Denn die Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt sage noch nichts über die Arbeitsbedingungen oder die Auswirkungen auf den sozialen Zusammenhalt aus. Die Grundfrage sei: Warum gibt es Armut? Armut werde generell als individuelles Problem angesehen. So müsse man auch nicht von Umverteilung sprechen. Familienplanung werde weniger als Menschenrecht denn als Instrument verstanden, um sich im Markt zu positionieren. «Familienplanung wird zur individuellen Empowermentstrategie für den Markt», so Sancar. «Es ist ähnlich wie bei der Geschlechtergerechtigkeit. Im gegenwärtigen Diskurs wird sie nicht als Menschenrecht, sondern vielmehr unter dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit verhandelt.» Nicht zuletzt auch in der Schweiz bei der Diskussion über Auswirkungen von Frauenquoten in den Chefetagen.

«Wird die Ecopop-Initiative angenommen, nimmt der Druck auch auf Frauen in der Schweiz zu», sagt Barbara Müller, ebenfalls Koautorin des Grundlagenpapiers «Frauen gegen Ecopop». «Die verhinderte Einwanderung führt einerseits zu einer stärkeren Einbindung von Frauen in den Arbeitsmarkt, um die nun fehlenden Arbeitskräfte zu ersetzen, andererseits zu Einschränkungen der staatlichen Sozialleistungen. Der ganze reproduktive Bereich, die unbezahlte Care-Arbeit werden noch mehr auf die Frauen abgewälzt.» In der Folge nehme auch der Druck auf Frauen in der Schweiz zu, mehr Kinder zu gebären, um die Sozialwerke und insbesondere die AHV zu retten.

www.cfd-ch.org/pdf_temp/Frauen_gegen_Ecopop_Grundlagenpapier.pdf

Kundgebung für eine solidarische Schweiz: Samstag, 1. November 2014, 14.30 Uhr, Bundesplatz Bern.

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