Nr. 26/2020 vom 25.06.2020

Die perfide Logik des Lockdowns

Untersuchungen aus der feministischen Wissenschaft lassen die Alarmglocken läuten: In der Coronapandemie droht ein gleichstellungspolitischer Rückfall – mit sozialen, beruflichen und wirtschaftlichen Nachteilen für viele Frauen.

Von Ulrike Baureithel

Homeoffice im Lockdown: In Deutschland hat die Frau in der Hälfte der Fälle die Kinderbetreuung ganz alleine übernommen. Foto: Thomas Trutschel, Getty

Hebt Corona alle sozialen Unterschiede auf? Trifft es alle in gleichem Ausmass? Für kurze Zeit wurde Covid-19 als der «grosse Gleichmacher» gehandelt, doch spätestens die Bilder aus Südeuropa oder den USA haben gezeigt, dass das Virus durch spanische Altenheime, die Strassen New Yorks oder die Favelas Brasiliens verheerendere Schneisen schlägt als durch die Wohlstandsviertel der Industriegesellschaften. Und wenn Schulen und Kindergärten geschlossen sind, die Kids vor den Bildschirm des allgegenwärtigen Homeoffice grätschen und betreut werden wollen und das Heer des weiblichen Pflegepersonals an der risikoreichen «Coronafront» kämpft, scheint es offensichtlich, welches Geschlecht in dieser Krise den Kürzeren zieht.

Um dreissig Jahre zurück

Anfang Mai schlug Jutta Allmendinger, die Leiterin des Berliner Wissenschaftszentrums für Sozialforschung, zur besten Sonntagabendsendezeit bei Anne Will auf ARD Alarm. Im Zuge der Massnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie würden vor allem Frauen ihre Lohnarbeitszeit reduzieren müssen, sie seien es in erster Linie, die in Ermangelung anderer Unterstützungsmöglichkeiten für die Betreuung und das Homeschooling der Kinder zuständig seien – mit schwerwiegenden Folgen für ihre Karrieren und Lebensplanungen. Alte Rollenmuster, gab die Soziologin und Arbeitsmarktforscherin zu Protokoll, würden reaktiviert und die Gleichstellung von Mann und Frau um dreissig Jahre zurückgeworfen.

Dass die Pandemie die patriarchalen Strukturen «wie in einem Brennglas» freilege und verstärke, davon sind auch viele andere WissenschaftlerInnen überzeugt. Das betrifft einerseits die Frauen, die im Beruf zurückstecken müssen, um in den Familien noch mehr Aufgaben zu übernehmen – und andererseits die vorwiegend weiblichen Beschäftigten in den nun «systemrelevant» genannten Bereichen (Gesundheitssystem, Lebensmittelhandel et cetera), von denen Mehrarbeit unter hochriskanten Bedingungen erwartet wird. Ganz abgesehen vom Heer jener Erwerbstätigen, die schon vor der Pandemie prekär beschäftigt waren und deren Jobs im Rahmen des Lockdowns einfach weggefallen sind.

Erste empirische Befunde bestärken diese Annahmen. «In normalen Krisen», sagt die Ökonomin Michèle Tertilt von der Universität Mannheim, «verlieren wesentlich mehr Männer ihre Jobs als Frauen, vor allem im Baugewerbe und in der Fertigungsindustrie. Frauen verhalten sich dann eher antizyklisch, häufig springen sie für die Männer ein. In der aktuellen Krise ist das – weltweit gesehen – ganz anders: Jetzt fallen viel mehr Frauen aus dem Arbeitsmarkt, weil andere Sektoren betroffen sind.»

Frauen arbeiten insbesondere im Dienstleistungssektor, in der Gastronomie oder in Tourismus und Handel. In diesen Segmenten ist die Arbeitslosigkeit in Ländern, die keine Kurzarbeitsregelung wie Deutschland oder die Schweiz kennen, in die Höhe geschossen. «In den USA», erklärt Tertilt, die mit US-amerikanischen KollegInnen einschlägige internationale Untersuchungen ausgewertet und dabei speziell auf Heteropaare fokussiert hat, «lag die Arbeitslosigkeit bei Männern um drei Prozent höher als bei Frauen, Anfang April waren wir schon bei 16,2 Prozent für Frauen im Vergleich zu 13,5 Prozent bei Männern».

Doch selbst wenn Frauen nicht arbeitslos werden oder in Kurzarbeit gehen müssen, erleiden sie Nachteile. Nach dem fast völligen Wegfall von Grosseltern oder anderen UnterstützerInnen lag die Kinderbetreuung in den ersten Wochen nach dem Lockdown zu 93 Prozent ausschliesslich bei den Eltern. Vor allem Mütter, so das Institut der deutschen Wirtschaft, müssen ihre Lohnarbeitszeit reduzieren, um Haushalt und Familie zu schmeissen. Eine am 20. März gestartete tägliche repräsentative Befragung der Universität Mannheim belegt, dass in der Hälfte der Fälle die Frau alleine die Kinderbetreuung übernimmt. Das gewerkschaftsnahe Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut in Düsseldorf hat nachgewiesen, dass 60 Prozent der Paare, die sich vor der Krise die Haus- und die Erziehungsarbeit geteilt haben, dieser Abmachung nicht mehr folgen können. Ähnliche Erhebungen gibt es in anderen Industrienationen.

Doch die Verlegung des Arbeitsplatzes ins häusliche Arbeitszimmer, so Tertilt, könnte zumindest für Männer auch stimulierende Wirkung haben. In Deutschland ist der Umfang des Homeoffice ab Ende März von rund 12 auf über 26 Prozent im Mai gestiegen, Ähnliches gilt für die Schweiz, wobei vor allem Personen mit höherem Bildungsabschluss in homeworkingaffinen Bereichen arbeiten. Unter den gegebenen Umständen bedeutet das zwar erheblich mehr Zeitaufwand für die Eltern; aktuellen Studien zufolge sind Frauen gut 6 Stunden am Tag zusätzlich damit beschäftigt, auf Kinder aufzupassen und Lehrerin zu spielen, bei Männern sind es 4,7 Stunden. Nur, sagt Tertilt, «die machen das normalerweise ja gar nicht».

Deshalb könnten die Begleiterscheinungen der Krise – trotz aktuell negativer Folgen für die Frauen – auch einen langfristigen gesellschaftlichen Wandel hervorrufen, gerade in solchen Familien, in denen die Frau in einem «systemrelevanten» Beruf arbeitet und der Mann den Haushalt übernehmen musste. In den USA etwa liegt der Anteil der Paare mit Kindern, bei denen der Partner eine homeofficetaugliche Berufstätigkeit ausübt, die Partnerin dagegen in einem Sektor arbeitet, der nicht in die eigene Wohnung verlegt werden kann, bei immerhin zwölf Prozent. Die AutorInnen der Studie, an der Tertilt beteiligt ist, erwarten deshalb, dass in solchen Fällen zumindest vorübergehend mehr Männer als Frauen die Hauptverantwortung für Haushalt und Kinder übernehmen. In Deutschland geben derzeit zwanzig Prozent der Männer an, allein verantwortlich zu sein.

Chance für «moderne» Paare?

Ob dieser Trend am Ende tatsächlich durchschlägt, wenn die Krise abgeebbt ist? Oder doch das von Soziologin Allmendinger ausgemalte Negativszenario? In einem ist sich Michèle Tertilt sicher: dass die Einkommensschere zwischen Männern und Frauen erst einmal zunehmen wird und weibliche Karrieren abbrechen oder stocken, mit allen Folgen für deren künftige soziale Absicherung. Andererseits, gibt sie zu bedenken, habe die Krise nicht nur die Telearbeit hoffähig gemacht, sondern auch in vielen Unternehmen das Bewusstsein geschärft, dass auch Männer Kinder haben, für die sie gegebenenfalls zuständig sind. «Und Männer machen neue Erfahrungen als Väter, sie haben plötzlich Vorbildfunktion und könnten in den Köpfen anderer Männer etwas anstossen.» In Zukunft gebe es deshalb wohl mehr «moderne» Paare als bisher.

Dass der Staat hier positive Trends unterstützen kann, zeigt das Beispiel Spanien, wo nur schon die zwei Wochen ausschliesslich den Vätern vorbehaltene bezahlte Elternzeit zu einer messbaren Veränderung in der Verteilung der Sorgearbeit geführt hat. Untersuchungen in Deutschland kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Gespannt darf man sein, wie sich zwei Wochen Vaterschaftsurlaub in der Schweiz auswirken, wenn beim Referendum im September, wie anzunehmen, mehrheitlich dafür gestimmt wird. Wenn häusliche Zuständigkeit für Männer – als Väter oder Arbeitgeber – aber selbstverständlicher wird, fördert das auch das Prestige der zwar beklatschten, aber nach wie vor minderbewerteten bezahlten Care-Arbeit. Wann, wenn nicht jetzt, sollte deutlich werden, dass diese überwiegend von Frauen geleistete Arbeit das ganze kapitalistische System am Laufen hält?

Care-ökonomie in der Schweiz

Schlüsse aus der Coronakrise

Viele Wirtschaftswissenschaftler wollen es noch immer nicht wahrhaben: Rund zwei Drittel der Wirtschaft hierzulande ist Care-Arbeit. Konkreter: 69 Prozent aller Arbeitsstunden in der Schweiz werden in der Sorge- und der Versorgungswirtschaft geleistet – und diese wiederum mehrheitlich von Frauen (rund 63 Prozent im bezahlten und 61 Prozent im unbezahlten Bereich). Zu diesem Ergebnis kommt eine 2019 veröffentlichte Studie der Ökonomin Mascha Madörin.

In der Coronakrise hat sich die hohe Systemrelevanz der Care-Arbeit nochmals verdeutlicht. Und damit auch die eigentlich recht absurde Tatsache: Ausgerechnet jene Dienstleistungen, auf die eine funktionierende Gesellschaft am dringendsten angewiesen ist, werden schlecht oder gar nicht entlöhnt.

Unter dem Titel «Corona-Krise und Care-Arbeit» fordert nun die Schweizer Sektion von Wide, einem internationalen feministischen Debattierklub, vom Bundesrat in einem vergangene Woche veröffentlichten Diskussionsbeitrag dringende Massnahmen: etwa eine nationale «Taskforce Sorge- und Versorgungswirtschaft» mit Einbezug von Fachpersonen aus Bereichen wie Kinderbetreuung, Gesundheitswesen, Bildung, sozialer Arbeit, Hauswirtschaft, Reinigung, Detailhandel und Gastronomie sowie aus der Haus- und Familienarbeit und der feministischen Wissenschaft; zudem ein landesweites «Hilfspaket Care-Arbeit». Alle Kosten der Coronakrise in Bildung, Betreuung und Pflege sollen vom Bund à fonds perdu getragen werden, sowohl in bezahlten wie in unbezahlten Arbeitsverhältnissen – insbesondere «die Zusatzbelastung der vergangenen und möglicherweise zukünftigen Monate in diesen Bereichen» müssten entlöhnt werden. Weitere Punkte aus dem Forderungskatalog: allgemein eine bessere öffentliche Finanzierung und Entlöhnung systemrelevanter Tätigkeiten im Care-Sektor; ein Gender-Budgeting der Coronamassnahmen, das auch die Ressource Zeit berücksichtigt – sowie eine «Demokratisierung des Wissens». 

Adrian Riklin

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