Nr. 10/2013 vom 07.03.2013

Aus dem Vampirwald zurück auf den Marktplatz

Der Musiker und Theatermacher Schorsch Kamerun sorgt sich um die Burn-out-Gesellschaft und rät von Selbstoptimierung und Eigenpromotion ab. Für sein neues Album macht er dennoch ein bisschen Werbung.

Interview: Maurice Summen

Schorsch Kamerun: «Man hat verstanden, welch Potenzial in familientauglichem ‹Brot und Spiele› steckt.» Foto: Michel Bo Michel

WOZ: Schorsch Kamerun, das Album «Der Mensch lässt nach» versammelt Musikstücke aus Ihren Theaterarbeiten, mit denen Sie nun auch solo unterwegs sind. Sind Sie es leid, mit den Goldenen Zitronen auf grossen Bühnen zu stehen, die von Coca-Cola gesponsert sind?

Schorsch Kamerun: Unsere Band schafft es ganz gut, dem Rockpopbetrieb auszuweichen, auf solchen Bühnen spielen wir eigentlich nicht. Aber es stimmt, die allgegenwärtige Promotion macht es uns nicht gerade leichter.

Jochen Distelmeyer soll auf dem Melt-Festival während eines Blumfeld-Konzerts mal ein Jägermeister-Banner abgerissen haben.

Wir haben ähnliche Erlebnisse. Die Adorno-mässigen Widersprüche nehmen weiter zu, da kann sich schon mal der antikapitalistische Auftrittsinhalt heftig mit der Umgebung anlegen, und es trällert dann gar nichts mehr Richtiges im völlig Falschen.

Eigentlich müsstet ihr vor den Festivaltoren auftreten und agitieren.

Wir empfinden unsere Auftritte auch als Einmischung und wollen diese dann mittendrin sehen und nicht irgendwo davor. Wenn unser Video «Das bisschen Totschlag» bei MTV läuft und die das aushalten, dann ist das okay für uns.

Wer hat heute noch etwas dagegen, wenn Firmen Geld in Projekte fliessen lassen, die einem gefallen?

Ich finde das immer noch schwierig und will das nicht als Selbstverständlichkeit hinnehmen. Deshalb schätze ich das Theater, das ohne Sponsoring auskommt.

Im Theater fliessen die Sponsorengelder eher im Hintergrund.

Zunehmend, leider. Aber die Auftraggeber sind immer noch wir selbst: die Bürgerlein.

Die Funpunkgeneration, der die Goldenen Zitronen anfangs auch angehörten, steht heute an der Spitze der Rockmusik in Deutschland: Die Ärzte und Die Toten Hosen.

Man kann es beiden Bands anrechnen, dass sie bewusst ohne Zusatzwerbung auskommen. Sie haben sich auch von Major-Plattenfirmen gelöst und bringen ihre Musik wieder auf eigenen Labels heraus.

Sie profitieren aber noch von ihrem in den achtziger Jahren erworbenen Image. Letztlich wird doch immer in eine Marke investiert. Einen Bandnamen überhaupt erst zur Marke zu machen – darum geht es natürlich auch noch heute: schneller denn je.

Da kommen wir dem Thema meiner Platte schon näher. Jeder, ob Künstler oder nicht, hat mittlerweile ein subjektives Markengefühl mit eigenem Ranking und schwankendem Status. Das ist nicht mehr nur bei Automarken so, sondern bei jeder Privatperson.

Man kennt heute seinen Marktwert.

Das findet heute auch in einfachen Begegnungen so statt. Überprüfungen des Standings beginnen auf dem Schulhof, und es gibt immer mehr Möglichkeiten und auch Notwendigkeiten, solche Eigenwerte abzubilden. Archaisch gesehen: Der Mensch beurteilt nun mal gern den Menschen und überprüft seine Position in der Gruppe. Diese Vorgänge geben wir gerade aus der Hand. Ob du das willst oder nicht, ich kann jederzeit den Wert deiner Webpage überprüfen, kann leicht herausfinden, wie viele andere dir gerade geneigt sind, welche Menge an «wertvollen» Kontakten du hast, ich begutachte deine Followers, messe deine Aktivitäten, bevor ich dann etwas mit deiner Person zusammenbringe oder besser darauf verzichte.

Ich fotografiere meine Pizza und poste sie noch vor dem ersten Bissen im Netz …

Wir rufen ständig und immer mehr von unserem Selbst in die Welt hinein und hoffen auf Resonanz. Obwohl wir unaufhörlich tönen, antwortet die Welt immer leiser, schwächer, wird stiller, hört auf zu singen. Es wird ständig Widerhall erzeugt. Und das hat natürlich sehr viel mit der «erschöpften», der «Burn-out-Gesellschaft» zu tun. Hier lässt «mein Mensch», wie ich ihn in meinen Theaterarbeiten und auf meiner neuen Platte beschreibe, natürlich ordentlich nach. Der kann einfach nicht mehr.

Dieser Mensch hat viele seiner Ideale aufgegeben und macht einfach bei allem stumpf mit, aber er kann gar nicht so richtig mitmachen, weil ihm offensichtlich die Kraft dazu fehlt.

Also muss man dringend die Teilnahmebedingungen überprüfen und sich fragen, was das alles wirklich bringt. Mit welchem Wunsch und welcher Utopie mache ich das heute? Die jetzige Utopie soll mitten in uns drin stecken und somit erreicht sein. Auf der einen Seite dieses James-Bond-hafte: Schnell überall sein zu können, Bildtelefone, Geheimnisse lüften …

… womit wir schon wieder bei den technische Gadgets wären …

… und der noch vor kurzem als unerreichbar empfundenen Insel X. Mit tausend Euro in der Tasche und dem Pass mit dem goldenen Adler darauf ist das leicht machbar, guten Flug. Andere fiktionale Freiräume privatisieren sich vollständig. Deshalb erscheint mir die Renaissance des physischen Sichtreffens bemerkenswert. Ich glaube, diese Begegnung hat letztlich auch der Wutbürger gesucht. Er meinte am Ende nicht nur den blöden Bahnhof. In Nordafrika, Tel Aviv, Madrid, auf der Wall Street und selbst in London eint die Leute die «echte» Begegnung, auch wenn es diesen Titel «Facebook-Revolution» dafür gab.

Es geht also um die Sehnsucht nach der Gemeinschaft?

Ja, auch, und das ist wichtig, dass man das begreift. Als Antwort auf die globalisierte Welt will man sich unbedingt wieder auf der Agora, dem Marktplatz treffen, mit allem Bewusst- und Unterbewusstsein. Sonst bräuchten wir unsere Nasen und Ohren nicht. Und auch die Haut ist ein Organ und nicht nur Fläche.

Aber die Eventkultur weiss auch um dieses dringende Bedürfnis nach Versammlung.

Das stimmt. Der Veranstalter schläft nicht. Zwischen Hamburger «Welt-Astra-Tag» und Guerilla-Marketing-Flashmob wird noch allerlei mehr angeboten.

Die Fussballstadien nicht zu vergessen …

Auch ein flotter Kampfplatzersatz. Man hat verstanden, welch riesiges Potenzial in den familientauglichen Brot-und-Spielen steckt und wie man die Orte zusätzlich nutzen kann. Deshalb heissen Stadien auch nicht mehr «Park Stadion», sondern gleich wie eine Versicherungsgesellschaft. Auch Theater beginnen damit, solche Zugeständnisse zu machen. Da ist es noch nicht ganz so weit, aber es gibt Spielstätten, die eigens gebaut werden, wo dann auch schon mal eine Automarke draufsteht. Da wird es dann problematisch mit der Subvention, wenn die Staatsknete ihre Unabhängigkeit verscherbelt. Argumentiert wird dann oft mit der überschuldeten Stadtkasse. Ich mache gerade Theater in Oberhausen, eine der am höchsten verschuldeten Städte Europas. Da gibt es einfach nichts mehr!

Trotz oder wegen des Centro, Europas grössten Shoppingcenters, das man in den neunziger Jahren in Oberhausen hochgezogen hat.

Dort trifft man sich dann in der «Coca-Cola Oase», während es in der alten Marktstrasse nur noch McGeiz- und 1-Euro-Läden gibt. Im Centro gibt es keinen Ort, wo man sich aufhalten kann, ohne konsumieren zu müssen.

Moderne Marktplätze. In Berlin hängen die Jugendlichen gerne im «Alexa» herum.

Trotzdem gehen in Oberhausen wieder mehr Menschen in die alte Marktstrasse.

Ein Zeichen für eine neue Begegnungskultur?

Vielleicht. Ich glaube, auch die Occupy-Bewegung ist darin begründet.

Ging es nicht auch um die Schuldenkrise? Befürwortest du David Graebers Forderung nach der Abschaffung der Schulden?

Unbedingt. Aber der komplette Mensch muss unschuldig werden. Auch der, dem es nicht gelingt, die geforderten Alleinstellungsmerkmale abzuliefern!

Bisher waren die Schuld oder das Schuldgefühl aber ein ewiger Begleiter der Menschheit.

Das habe ich in den letzten zwei Jahren bei den unzähligen Interviews für meine Theatertexte erfahren, also die Totalerschöpfung der Leute durch Nichthinterherkommen. Nicht nur der Superkreative, sondern gerade auch die Hausfrau aus Remscheid «lässt nach».

Geht es am Ende nicht vor allem um unbefriedigende Eskapismusangebote?

Aber das ist doch alles kein Eskapismus. Das ist doch im Gegenteil eher der Versuch, irgendwo reinzukommen. Drin sein zu wollen.

Aber eigentlich ist man ja nirgendwo drin.

Soll man aber.

Das Ergebnis lautet: Burn-out.

Interessant ist, dass jeder in diesem Zusammenhang Angst vor Eskapismus hat. Weil du glaubst, auch sozial etwas aufzugeben, wenn du dich dafür entscheidest, dich nicht ständig darzustellen.

Leistungsverweigerung bleibt also das Punkrockigste, was uns weiterhin dazu einfällt?

Nur, dass Punkrock das Nichtmitmachen mitten auf dem Marktplatz zelebriert hatte und nicht im «Second Life» oder im Vampirwald. Was ist dieses Nichtmitmachen heute? Welche Form gibt es gerade dafür? Kompliziert. Auch die Theater, die Kunsthochschulen, alle die gesehen werden wollen, suchen weiter nach einer gewissen Loudness.

War Punkrock nicht eigentlich schon eine eskapistische Traumabewältigung?

Aber mit dem doppelbödigen Spott des «No Future», der Untergangsfeier als «Tanz auf dem Vulkan» sozusagen. Als Strategie bleibt Punk zauberhaft, auch weil Malcolm McLaren als guter Situationist von Anfang an wusste, dass er damit nur die Gesellschaft des Spektakels am Laufen hält.

Welche Strategie verfolgt die Marke «Schorsch Kamerun» denn gerade?

Meine jüngsten Arbeiten waren oft melancholische Zustandsbeschreibungen und dabei möglichst sauber: Versuche von Gedichten!

Im Zeitalter affektierter Postings ist Textgenauigkeit natürlich eine gute Strategie.

Trotzdem schreiben die Leute unendlich bekloppte Tweets. Ich meine: Wenn ich jetzt eine Meldung raushaue, die viele Leute erreicht, dann würde ich mir doch Mühe geben, gerade in dieser Kürze. Nur scheitern die Leute an der Pose, auch noch ein crazy Autor sein zu müssen. Das Wort hat an Kraft trotzdem nichts verloren, das zeigt sogar der von mir nicht sonderlich geschätzte Günter Grass mit seinen «missverständlichen» Versen.

Die Popkultur bedient sich gerne aus dem Reservoir provokanter Zeichen und Bilder.

Es gibt schon den Glauben an Bilder. Lady Gaga hat gerade im Zusammenhang mit der Waffengesetzdebatte in den USA mit Maschinengewehrbrüsten hantiert. Solche Setzungen werden schon verstanden, obwohl sie pure Reklamestrategien sind.

Und ihr Körper ist das ewige Thema ihrer Gruppenarbeit.

Ja, aber das macht eine solche Gruppe natürlich auch unfrei. Wenn sie nur noch den Abbildungsschritt allein sucht. Das haben die Occupy-Camps insofern richtig gemacht, finde ich. Erst mal darüber nachdenken, wie man gemeinsam satt und warm durch die Nacht kommt, draussen vor der Bank. Das kann schon etwas lösen.

Aber wenn man sich heute die Nachrichten anschaut, machen doch wieder die Nachrichten der Rating-Agenturen die Runde und nicht die von irgendwelchen Versammlungen.

Aber die Versammlungen transportieren ein komplexeres Geheimnis als die Zahlen.

Ich finde die Rating-Noten viel geheimnisvoller. Wer versteht schon genau, nach welchen Kriterien die Noten zustande kommen?

Gut. Trotzdem gerät ein ganzer Weltmarkt in Panik, und als Hobbyneurologe weiss ich, dass Angst dem immer vorgeschaltet ist und nach Reaktion verlangt.

Ich kann nur sagen, dass meine Begegnungen mit den vielen Menschen in den letzten zwei Jahren für mich etwas sehr Befreiendes hatten. Also mehr jetzt als die Idee des solistisch herumreisenden Künstlers. Und dann bin ich froh, dass ich das jetzt auf dieser Platte festgehalten habe, denn im Theater verschwinden die Dinge sonst im reinen Livemoment. Ausserdem funktioniert der Theaterbetrieb recht lokal. Man hat auf der einen Seite einen Artikel über seine kleine Aufführung auf der Bühne X im grossen Feuilleton und trotzdem haben das nur ein paar Hundert Leute in München oder Leipzig gesehen.

Das Theater erzieht sich seine eigene Kritik, die dann ihre Kontroversen innerhalb eines in sich abgeschlossenen Theaterdiskurses öffentlich führt. Ist das der Sinn und Zweck deiner Arbeit, da ständig auf einen Panikknopf zu drücken?

Man kennt das von sich selbst. Man sitzt in irgendeinem Stück und findet das Ergebnis gelungen oder scheisse. Aber der Nachbar sieht das ganz anders. Wenn du hingegen bei einem Rockkonzert bist, gehst du halt mal an die Bar und trinkst ein Bier, wenn dir ein Stück nicht so gefällt und das verwischt dann nach und nach. Im Theater geht es immer um die Vollbehauptung: Meinung, Meinung, Meinung. Man kann beim Pop irgendwie besser schummeln.

Aber beim Pop hat die Musik ja auch einen wesentlichen Anteil: die Sprache der Emotionen, Gefühle.

Die Frage nach der Authentizität wird im Pop gar nicht so vehement gestellt. Beim Theater versucht man, das immer hinzubekommen. Deshalb tut sich das Theater da auch immer so schwer. Wenn Schauspieler vor ihrem Auftritt sagen: «Heute rocken wir die Bühne», dann ist das ein glattes Missverständnis. Ich finde Schauspieler interessant, die etwas Aufgewühltes haben, aber dies nicht ständig ausspielen. Bei grossen Popmomenten ist das ja ähnlich. David Bowie musste nicht schwitzen, der Abstand war wichtig – und Zentrum des Geheimnisses!

Sind denn Künstler nicht einfach immer dann am besten, wenn sie sich selbst am besten gefallen?

Narzissmus und seine Überwindung haben Kraft und Deutlichkeit. Das muss dann aber gekonnt vernebelt werden, sonst ist es voll schnarchig. Trotzdem gut, dass mit dem Supernarziss Klaus Kinski ein Genreheld gefallen ist. Also mit der Biografie seiner Tochter Pola Kinski, die ich ganz gut kenne, in der sie von dem jahrelangen Missbrauch durch ihren Vater spricht. Jetzt lässt sich nüchtern sagen, dass Klaus Kinski einfach nur ein Schwein war, und diese Rolle des abgefahrenen Exzentrikers war für ihn immer auch feiges Versteck, auf das viele dann gerne reingefallen sind. Interessant, wie man sich zu solchen Leuten hingezogen fühlen kann, weil natürlich auch die eigene Geschichte oft verwandte Störungen aufweist, man irgendwelche Verletzungen mit sich herumträgt.

Mit geringem Selbstwertgefühl fällt man nur allzu gerne auf Arschlöcher rein, oder?

Das hat seine Logik. Egal, ob die Egozentrik durch Selbstverletzung oder durch was auch immer zustande gekommen ist. Künstler nennen ihre Gebärden gern «Angstüberwindung». Gute Kunst hat immer mit einer Überschreitung zu tun, das unterscheidet sie von handwerklich guter Kunst, mit der ich mich jetzt nicht so gut auskenne. Michelangelo war vermutlich solch ein guter Künstler. Sehr wahrscheinlich sogar.

Das Interview mit Kamerun erschien zuerst in «Jungle World» Nr. 7 vom 14. Februar 2013.

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