Nr. 05/2019 vom 31.01.2019

Ulalala, die Goldies helfen dir!

Auf ihrem neuen Album «More than a Feeling» überprüfen die Goldenen Zitronen einmal mehr die Gegenwart. Nach 35 Jahren als Band: Wie bleibt man so neugierig? Ein Gespräch über ihre Methode.

Von Kaspar SurberMail an AutorIn (Text) und Georg Gatsas (Foto)

«Es geht um das Offenhalten des Instrumentenkastens, in jederlei Hinsicht»: Ted Gaier und Schorsch Kamerun zu Besuch in Basel.

Auf der einen Seite die Roboterrüstungen, auf der anderen die Kapuzenpullover: Die G20-Tage im Juni 2017 in Hamburg waren von Uniformität geprägt. Umso mehr fielen die Goldenen Zitronen auf, als sie im Vorprogramm der «Welcome to Hell»-Demo auf dem Fischmarkt spielten. Wie immer an ihren Konzerten trugen sie glitzernde Mäntel, in denen sie wie ein psychedelisches Hippiekollektiv oder eine abgehalfterte Truppe von Superhelden aussahen. Auf die glänzende Irritation folgte die erwartete Konfrontation. Kurz nach dem Beginn der Kundgebung war der Fischmarkt in Tränengas gehüllt.

Ein Wiedersehen eineinhalb Jahre später, im Oktober 2018: Schorsch Kamerun und Ted Gaier, die beiden Texter der Zitronen, sitzen in der lärmigen Kantine des Basler Theaters. Kamerun inszeniert hier gerade zwei Stücke von Peter Handke, Gaier ist öfter für Arbeiten mit der Zürcher Digitalbühne in der Schweiz.

Hamburg gehe es ganz gut, meinen die beiden, auf die Folgen des G20-Gipfels für die innovative politkulturelle Szene angesprochen. «Keiner soll denken, dass etwas zerschlagen wurde», sagt Kamerun. Vielmehr hätten sich Leute neu kennengelernt und vernetzt. «Die Flora hat eher an Akzeptanz gewonnen», meint Gaier mit Blick auf das autonome Kulturzentrum, dessen Räumung von PolitikerInnen nach dem Gipfel gefordert wurde. «Die Austragung des G20 mitten in Hamburg bleibt ein autoritärer, aggressiver Akt», sagt Kamerun. «Vollkommener Wahnsinn!»

Alle vom Fach

Doch die beiden wären nicht Mitglieder der Goldenen Zitronen, wenn sie nicht noch einiges auszudiskutieren hätten. «More than a Feeling» heisst ihr neues Album, das Anfang Februar erscheint; darauf findet sich auch ein siebenminütiges Schlussstück zum G20. «Die alte Kaufmannsstadt, Juni 2017», schon der Titel schafft historische Distanz. Es gibt mittlerweile Bücher, Filme und sogar ein Musical über die Gipfelproteste, aber dieser Song ist die wohl dichteste und präziseste Beschreibung der Ereignisse.

Er beginnt mit verlockenden Glockenklängen, als würde zu einer Prozession geläutet. Ein nervöser Bass erklingt, dem Rotorenlärm von Hubschraubern nicht unähnlich. Im wechselnden Sprechgesang wird die Ausgangslage des Gipfels geschildert. «Es waren Tage ausserhalb der Kontrolle», beginnt Gaier. «Wer vom Fach war, wusste, was passieren würde», ergänzt Kamerun. «Und es kam, wie es kommen musste. Schliesslich kannten alle ihre Rolle.» Die Polizei, die ihren Knüppeln freien Lauf lassen konnte. Die DemonstrantInnen, die für die Verdammten dieser Erde zu sprechen glaubten. Und die Medien, «wie immer geifernd nach dem ultimativen Bürgerkriegszenario». Der G20-Gipfel: ein Rollenfestspiel.

So eindeutig die Rollen verteilt waren, so absehbar die Kundgebungen verliefen, war in diesen Tagen in Hamburg aber auch etwas Neues spürbar. «Was in der Erzählung fehlt, ist das schwer Benennbare jenseits der Logik der Schützengräben», so Gaier im Song weiter. In den Tagen der abwesenden Routinen habe er gestaunt, wie sich Leute den öffentlichen Raum aneigneten. Über einen spontanen Rave etwa, der wie ein utopischer Moment aufblitzte, während ein paar Häuserzüge weiter Strassenschlachten tobten.

Sich an der Geschichte reiben

Seit ihrer Gründung vor 35 Jahren suchen die Goldenen Zitronen nach solchen Momenten, in denen sie etwas Neues entdecken. Als sie 1984 loslegten, hatte sich der direkte Impetus des Punk schon abgenutzt. «Wir waren Punk im Punk», erinnert sich Kamerun an die Gründung. Die Band sei dialektisch gestartet. «Bis heute sind wir daran, den eigenen Auftritt und unser Umfeld ständig zu überprüfen.» Das heisst auch: sich an der eigenen Geschichte zu reiben, sie zu überarbeiten, sich auch einmal davon zu distanzieren.

Wie damals, Anfang der Neunziger, als sich die Zitronen endgültig vom Funpunk verabschiedeten. Der Schritt gelang nicht nur mit der Loslösung von simplen Parolen, sondern kam auch in einer immer spezielleren, besseren Musik zum Ausdruck. Seit dem Album «Schafott zum Fahrstuhl» (2001) entwickelten die Zitronen krautige Soundcollagen, die als Untergrund für ihre Gegenwartsanalysen dienen. Prägend dabei war nicht zuletzt der Zuzug des elektronisch affinen Mense Reents, unter anderem Produzent von Sophia Kennedy.

Vor der Arbeit an der neuen Platte kamen die fünf Bandmitglieder erst einmal zusammen, um über aktuelle Musik zu sprechen, die sie hören: viel Hip-Hop, von den Young Fathers etwa, dazu kongolesische Beats, empfohlen von ivorischen Musikerkollegen, Minimal Techno aus den Clubs und moderne Klassik aus Theaterprojekten. «Es geht um das Offenhalten des Instrumentenkastens, in jederlei Hinsicht», meint Gaier.

Über die Jahre hat sich eine Art Goldies-Methode entwickelt. Die Band ist im Grunde eine ständige Intervention, um Widersprüchen eine Form zu geben, ob in der Musik, den Texten oder eben in Glitzermänteln. Dabei gelingt den Zitronen immer wieder das Kunststück, unerwartete Sprechpositionen zu finden. So etwa im neuen Song «Nützliche Katastrophen», in dem Schorsch Kamerun mit seinem koboldhaften Gesang eine Katastrophe mimt. Da spricht nicht Trump, und doch spricht Trump, ohne dass das Wort Trump vorkommt: «Ulalala, sehe ich Dunkles hinter deiner Tür!», singt die Katastrophe. «Lalalala, ich bin stark, ich helfe dir!» Die Goldies-Methode, sie ist bei allem Ernst häufig auch einfach sehr lustig.

Nationale Heimsuchung

Ted Gaier blickt jetzt aber gerade ernst im Gespräch. Denn vor den Aufnahmen zum neuen Album fand er es nicht ganz so einfach, noch einmal die Jungsgruppe zu geben, im Alter von über fünfzig Jahren. «Ich hatte eine leichte Krise: Für wen kann ich noch sprechen?» Gleichzeitig sei ja nicht dadurch Platz geschaffen, dass man die Band einfach auflöse. Der Platz werde dann nicht automatisch von anderen besetzt, sondern könne auch einfach verloren gehen. Der Ausweg, den die Band schon auf den letzten Alben beschritten hatte: sich selbst als Plattform zu verstehen, auf der andere Leerstellen ausfüllen.

So tritt auf dem neuen Album beispielsweise LaToya Manly-Spain auf, die im Flüchtlingskollektiv Arrivati aktiv ist. Im Song «Es nerft» kritisiert sie die Sprache von AsylaktivistInnen, die häufig nur der moralischen Überlegenheit diene: «Die Sprache des verständnisvollen Nichtverstehens, des steifen Grinsens, des eifrigen Nickens täuscht nicht über den Graben, die Hecke, den Zaun. Jaja, no borders. Aber in der Sprache jede Menge borders.»

Überhaupt werden auf «More than a Feeling» der Bau von Mauern und die ihm zugrunde liegende Angst aus allen möglichen Perspektiven beleuchtet. In «Katakombe» quengelt ein Kleinbürger über angebliche Übergriffe in seiner Nachbarschaft, in «Heimsuchung» marschiert der nationale Volkskörper zu einem flotten Discostampfer zurück in die Arena. «Ich dachte eigentlich, wir sind jetzt mal durch mit dem Thema Deutschland und Nationalismus», sagt Gaier. Doch als sie sich im Probenraum mit ihren Texten getroffen hätten, sei es nun einmal bestimmend gewesen.

Im Zweifel eine Idee

Auf die rassistischen Pogrome in der Zeit nach der deutschen Wende hatten die Zitronen mit ihrem Album «Das bisschen Totschlag» (1994) reagiert. Es wandte sich gegen Neonazis ebenso wie gegen die schweigende Mehrheit. «Heute ist der Stammtisch noch formierter, lauter, deutlicher geworden», sagt Kamerun. Im Vergleich zu den Neunzigern würden die rassistischen Gebärden von einer Partei instrumentalisiert. «Umgekehrt benennt die bürgerliche Mitte den Rassismus auch einmal als Problem», meint Gaier. «Früher waren wir Nestbeschmutzer, wenn wir das sagten.»

Bis die Sache gewonnen ist, werden die Zitronen weiterhin intervenieren. Schliesslich werden sie im Zweifel noch immer eine Idee haben. Oder wie es in einem Song als Absage an die NationalistInnen heisst: «Baut doch eure Mauern, quer übers Land, mit Schiessbefehl wie früher, mit allem drum und dran. Gebt doch endlich zu, euch fällt sonst nichts mehr ein, zu euren fucking Privilegien, eurem Unwohlsein.»

«More than a Feeling» erscheint am 8. Februar bei Buback. Die Goldenen Zitronen spielen am 10. April 2019 im «Bogen F» in Zürich und am 11. April 2019 im «Palace» in St. Gallen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch