Nr. 12/2013 vom 21.03.2013

Admiräle, Bonzen und Tattoos

Als sich Egon Erwin Kisch 1918 an der Revolution versuchte, war er bereits Starjournalist. Als er 1933 aus Deutschland floh, war er als «rasender Reporter» zur Marke geworden. Seine journalistische Haltung ist weiterhin vorbildlich.

Von Harald Borges

Die k. u. k. (kaiserliche und königliche) Kriegsmarine Österreich-Ungarns ist nicht als Schrecken der Meere in die Geschichte eingegangen, aber sie hat es zumindest versucht: Mit ihren vier grossen Schlachtschiffen und einer Begleitflottille wollte sie im Juni 1918 die Sperre von Otranto in der Adria durchbrechen. Oberleutnant Kisch, nach mehreren Verwundungen mittlerweile im k. u. k. Kriegspressequartier tätig, war als Journalist dabei.

Der Befehlshaber Miklos Horthy (später als ungarischer «Reichsverweser» Verbündeter Hitlers und Mussolinis) und Kisch entdeckten an Bord bald Gemeinsamkeiten. Kisch, der seine erste Tätowierung Jahre zuvor ausgerechnet im Militärarrest von einem Mitinsassen erhalten haben will, pries noch lange Horthys Brusttätowierung als die schönste, die ihm je unterkam. Aber er bat den Admiral auch, dessen Tätowierung an einer «anderen Stelle» – vermutlich einer eher delikaten – sehen zu dürfen. Kisch weiter: Horthy «willfahrte meinem Wunsch. Wenige Stunden später war Alarm – der ‹Szent István›», das grösste österreichische Schlachtschiff, «war torpediert worden, war ein Wrack, das unterging. (…) Horthy unterliess es, der schiffbrüchigen Mannschaft zu Hilfe zu kommen, mit der Begründung, er könne nicht auch das Admiralsschiff der Gefahr einer Torpedierung aussetzen.» Der sichtlich nervöse Admiral trat schliesslich auf Kisch zu: «‹Ich hätte die Zeichnung nicht zeigen sollen, Herr Oberleutnant – immer wenn ich das tue, gibt es ein grosses Unglück.› Das Unglück war tatsächlich gross – die Zahl der Toten ist niemals bekanntgegeben worden, geborgen wurden nur vierzehn Leichen, die wir am übernächsten Tage auf dem Marinefriedhof begruben.»

Der rasende Reporter

Egon Erwin Kisch (1885–1948) verdankt seinen frühen Ruhm neben seiner erzählerischen Brillanz auch seiner Ironie und seinem Schatz an (teils wohl erfundenen) Anekdoten. Er verbindet ganz disparate Eindrücke und eine Fülle scheinbar nebensächlicher Details miteinander, um Atmosphäre zu schaffen und seine LeserInnen zu unterhalten und zu fesseln. So ganz nebenbei darf man sich natürlich auch noch seinen Teil über einen Admiral denken, der seinen Leuten unter einem Vorwand jegliche Hilfe verweigert, um seine eigene – tätowierte – Haut vor den Torpedos der Konkurrenz zu retten.

Kisch hat diese Seite des Reporters, die Jagd nach Sensationen, nie verleugnet und immer wieder genüsslich beschrieben, wie er 1913 den grossen Spionageskandal um Oberst Redl aufdeckte. Aber Kisch eroberte der Zeitung seit seinen journalistischen Anfängen 1906 zunehmend neue Themen und Formen, weit über die sensationslüsterne LeserInnenschaft der Lokalseiten und den Connaisseur des meist sinnfrei dahinplappernden Feuilletons hinaus. Er wurde Schöpfer und Meister einer neuen Gattung, der literarisch anspruchsvollen Reportage. Er entwickelte sie zu einer faszinierenden Form für immer neue Inhalte, von historischen Betrachtungen über die Verbrennung des Jan Hus 1415 bis zu faszinierten Einblicken in die junge Sowjetunion.

Obwohl er selbst 1885 in behüteten Verhältnissen zur Welt kam und in durchaus bürgerlichen Verhältnissen lebte, machte sich Kisch bei seiner Arbeit die Finger schmutzig. Er nächtigte verkleidet in Obdachlosenasylen in Prag und London, arbeitete mit Tagelöhnern bei der Hopfenernte, war Flösser auf der Elbe und Leichtmatrose auf einem Frachter von Baltimore nach San Francisco – aber genauso gut konnte man ihn in Archiven, Salons und Bordellen antreffen. Kisch war ein echter Balzac der Zeitung.

Was Kisch von vielen JournalistInnen unterscheidet, sind sein nimmermüdes soziales Gewissen, seine immense Beobachtungsgabe und seine Bereitschaft, daraus praktische und publizistische Konsequenzen zu ziehen. Ein erstes politisches Aufbäumen markiert 1918 seine führende Rolle bei der Wiener Roten Garde, von publizistischen Angriffen auf die Sozialdemokratie flankiert, die er als eigentliche Revolutionsverhinderin und Kriegsgewinnlerin brandmarkt. Von den SozialdemokratInnen schallt es mit antisemitischen Untertönen zurück, er sei «Anhänger einer mit der Arbeiterschaft nicht in Fühlung befindlichen, sich überaus radikal gebärdenden Gruppe, deren Führer dem Zionismus ebenso nahestehen wie dem Anarchosyndikalismus».

Kisch, seit 1919 Mitglied der Kommunistischen Partei Österreichs, später dann der KP Deutschlands, beginnt, «in einer Welt, die von der Lüge unermesslich überschwemmt ist», über seine Rolle als Journalist zu reflektieren. Schreibt er 1925 noch: «Der Reporter hat keine Tendenz, hat nichts zu rechtfertigen und hat keinen Standpunkt. Er hat unbefangen Zeuge zu sein und unbefangene Zeugenschaft zu liefern», so geht er wenig später einen Schritt weiter und fordert vom Berichterstatter die «Absicht, den Unterdrückten und Entrechteten durch seine ungeschminkte Zeugenaussage zu nützen und zu helfen». Im November 1928 schliesslich bekennt er sich endgültig zur proletarischen Kunst: «Jede wirkliche Kunst ist Opposition, Rebellion oder Revolution. Jede wirkliche Kunst muss wahrhaft sein und sich daher gegen die Lügen richten, mit denen die herrschenden Klassen die Unterdrückung der anderen Klassen motivieren.»

Der Antifaschist

«Zaren, Popen, Bolschewiken», 1927 erschienen, ist ein Wendepunkt. Diese Reportagen haben einen neuen Atem – Kisch hat eine sechsmonatige Reise durch die Sowjetunion sichtlich genossen und fühlt sich literarisch wie neugeboren. Er konnte nach seinem Zeugnis erst dort «den politischen Sinn der wahrheitsgetreuen Berichterstattung, die Tendenz einer wahrhaft tendenzlosen Darstellung erfassen: Während im kapitalistischen Kosmos fast nichts als Elend, Unterdrückung, Lächerlichkeit oder Stagnation die Modelle des Reporters sind, ist die sich aufbauende sozialistische Welt für ihn der Anlass, positiv zu sein.»

Neben der Begeisterung vieler Sowjetmenschen und im Westen ungeahnten sozialen Fortschritten steht hier auch der von Kinderkrankheiten wie Wohnungsnot und Geschäftemacherei geprägte Alltag. Kisch entdämonisiert die Sowjetunion, ohne sie zu vergöttern – und schafft so ein wirkungsmächtiges Panorama einer neuen Gesellschaft, das bis heute beeindruckt, weil es daran erinnert, dass auch unsere Gegenwart nicht der Wahrheit letzter Schluss ist.

Egon Erwin Kisch ist kein Salonkommunist: Direkt nach dem Reichstagsbrand wird er verhaftet und vierzehn Tage lang Zeuge der Folterungen in den Kasematten von Spandau, ehe er dank seines tschechoslowakischen Passes abgeschoben wird. Im Exil setzt er den Kampf gegen den Faschismus fort. Den gibt es nur ganz oder gar nicht – als ihm die australischen Behörden die Einreise verweigern, springt er von Bord des Dampfers und bleibt mit gebrochenem Bein auf dem Quai liegen, anschliessend prozessiert er sich den Weg ins Land frei. Er spricht bei Kundgebungen auf drei Kontinenten – sofern diese nicht wie in Zürich im Juni 1933 umgehend verboten werden. Nach einer improvisierten Kisch-Rede schicken australische Hafenarbeiter gar spontan ein Telegramm an die deutsche Regierung und fordern die sofortige Freilassung Ernst Thälmanns, des kurz nach Adolf Hitlers Machtübernahme inhaftierten ehemaligen Vorsitzenden der KP Deutschlands.

Kischs Irrtum über den Fussball

Wenn es gilt, publizistisch Gräben aufzureissen, die Besitz- und Produktionsverhältnisse und deren Folgen beim Namen zu nennen, nimmt Kisch erst recht kein Blatt mehr vor den Mund. Für ihn heisst Politik seit dem Ersten Weltkrieg nicht mehr, schön sozial zu schreiben, sondern aktiv am Klassenkampf teilzunehmen. Denn letztlich ist für Kisch, den weltreisenden Reporter, nichts «verblüffender als die einfache Wahrheit, nichts ist exotischer als unsere Umwelt, nichts ist phantasievoller als die Sachlichkeit. Und nichts Sensationelleres gibt es in der Welt als die Zeit, in der man lebt!»

Natürlich hat sich auch Kisch gelegentlich grob verschätzt. 1912 etwa bemerkte er, Fussballfanatiker und selbst Mitgründer eines Klubs, entsetzt: «Die Regierungszeit des Fussballs ist beendet. Le roi est mort.»

Was war geschehen? Kisch hatte erfahren, dass den Gymnasiasten der bisher streng geahndete Eintritt in einen Fussballverein erlaubt worden sei. Für Kisch bricht eine Welt zusammen. Nachdem er wehmütig an den Vorschlag eines Pädagogen erinnert, «man möge, um Füsse und Hände in gleichem Masse auszubilden, mitten im Fussballwettspiel nach jedem Goal Hantelübungen einführen», beschwört er den früheren «monomanen Fanatismus der Jugend» für den Fussball. Und nun dieser Schlag der Obrigkeit! «Gerade jetzt, da der fussballspielenden Jugend auch der letzte Hauch des Märtyrertums genommen ist, (…) gerade jetzt wird die Jugend aufhören, mit ungeteilter Begeisterung bei der Sache zu sein.» Keine seiner Einschätzungen erwies sich als irriger! Aber in religiösen Fragen darf selbst ein Kisch irren, und schliesslich ist Fussball, wie der uruguayische Schriftsteller Eduardo Galeano scharfsinnig notierte, «die einzige Religion, die keine Atheisten kennt».

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