Nr. 34/2008 vom 21.08.2008

Deutsche Mädel in der Stadt

Eigentlich hatte Juan Alberto Cedillo die Ermordung des vor Stalin nach Mexiko geflüchteten Leo Trotzki recherchiert. Gestossen ist er auf etwas ganz anderes: Nazis.

Von Wolf-Dieter Vogel

Wenn heute von der Rolle Mexikos während der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland die Rede ist, kommt der lateinamerikanische Staat meist sehr gut weg. Er gilt als Exilheimat deutscher NazigegnerInnen und Hort antifaschistischer Politik. Schriftstellerinnen wie Anna Seghers oder Reporter wie Egon Erwin Kisch suchten dort Schutz, zudem war Mexiko das einzige Land, das offiziell gegen den Anschluss Österreichs an Nazideutschland 1938 protestiert hatte. Doch darüber hinaus hat das Thema bis heute in der mexikanischen Öffentlichkeit keine Bedeutung. Nur wenige meist in den USA veröffentlichte Arbeiten beschäftigen sich mit dem Einfluss des Nationalsozialismus in Mexiko.

Zwischen den Fronten

Die deutschen FaschistInnen waren dort aber sehr präsent: Nazis verkehrten in hochrangigen Politikerkreisen, Mitglieder der Abwehr und der Gestapo (Geheime Staatspolizei) waren 1942 in einen Putschversuch gegen den Präsidenten Manuel Ávila Camacho verwickelt, der Bund deutscher Mädel (BDM) und die Hitlerjugend (HJ) konnten ungestört deutsche Jugendliche im Ausland mobilisieren. «Man wollte aus politischen Gründen nicht, dass zu viel in diese Richtung recherchiert wird», meint die jüdische Historikerin Daniela Gleizer.

Das Buch «Los Nazis en México» des Autors Juan Alberto Cedillo hat das Thema nun präsent gemacht. Die populärwissenschaftliche Arbeit wurde mit dem «Reportagepreis 2007» prämiert und in Auszügen in der renommierten Wochenzeitung «Proceso» veröffentlicht. Cedillo zeigt auf, wie die Nazis ihren Einfluss im Land ausbauten, um den Nachschub mexikanischen Erdöls und anderer Rohstoffe zu garantieren. Die Wehrmacht brauchte das braune Gold als Treibstoff für den Blitzkrieg.

Mexikos zwischen 1934 und 1940 amtierender linker Präsident Lázaro Cárdenas befand sich damals in einer widersprüchlichen Situation. Als späte Konsequenz der bis 1929 andauernden Revolution nationalisierte er 1938 die Ölressourcen und handelte sich damit einen Boykott der US-amerikanischen und der britischen Regierung ein. Also exportierte man das Öl nach Nazideutschland, Italien und Japan. «Das Erdöl war Mexikos einzige Einnahmequelle», erläutert Historikerin Gleizer. Der Staatschef habe den US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt erfolglos gebeten, den Boykott aufzuheben. Später, nachdem die USA in den Krieg eingetreten waren und Mexiko unter Druck geriet, sorgte ein von Nazis aufgebautes klandestines Netzwerk für den nötigen Ölnachschub.

Dass die Regierung mit den Deutschen Handel betrieb, hat dazu beigetragen, dass sich nazistische Gruppen frei bewegen konnten, obwohl Mexiko zugleich offensiv die spanische Republik verteidigte. «Organisationen wie die HJ agierten völlig straffrei in der Deutschen Schule,» schreibt Cedillo, «sie verprügelten und beleidigten ‹zurückhaltende› Deutsche, die sich nicht den Nazis anschliessen wollten.»

Auch die Deutsch-Mexikanerin Ellen Griffhorn-Koll erinnert sich an diese Zeiten. «In unserem Treffpunkt ‹Deutsches Haus› im Zentrum von Mexiko-Stadt sind die Nazis mit ihren Uniformen, Binden und Stiefeln aufmarschiert. Und die BDM-Röcke hatten wir auch immer an», erzählt die 82-Jährige, die ihr ganzes Leben in der mexikanischen Hauptstadt verbracht hat. Wie ihre in Deutschland lebenden ZeitgenossInnen war sie ganz selbstverständlich in der HJ und im BDM, die auch im Ausland an ihren Ritualen festhielten. Nur durch die Strassen habe man nicht mit der Nazi-Tracht marschieren dürfen. «Es war eine bewegende Zeit, wir haben Theater gespielt und für die deutsche Winterhilfe gesammelt.»

Im «Deutschen Haus» erlebte Ellen Griffhorn-Koll die faschistische Kultur aus Übersee zudem via Leinwand: Die Hakenkreuzfahnen, die Aufmärsche, die Hitler-Reden erreichten über die Wochenschauen auch Mexiko. «Klar, als dann all die Filme über Hitlers Erfolge gezeigt wurden, waren wir sehr begeistert.» Die Deutschen seien sehr beliebt gewesen. «Im Gegensatz zu den USA, zu Frankreich oder Spanien hatte Deutschland hier nie militärisch interveniert.» Als Mexiko 1942 aufseiten der Alliierten in den Krieg eingetreten sei, hätten viele MexikanerInnen nicht verstanden, für oder gegen wen man nun kämpfe.

Aktualität bekommt Cedillos Buch durch eine Information, die bislang nie Thema wurde: Nach Angaben der US Navy haben deutsche und japanische Agenten massiv Opium, Heroin und Marihuana aus Mexiko in die USA eingeschmuggelt. «Um die Kampfkraft der Armee zu schwächen, haben die Agenten der Achsenmächte dafür gesorgt, dass die US-Soldaten günstig und massenhaft mit Drogen versorgt werden», erklärt Cedillo. So seien die ersten Drogenkartelle entstanden. Die guten Beziehungen der Geheimdienste der Achsenmächte hätten dafür gesorgt, dass das Geschäft den für Mexiko so typischen Kartellcharakter angenommen habe: jene organisierten Banden von «Capos», Politikern, Unternehmern und Sicherheitskräften, deren interne Kriege und Kämpfe mit dem Staat derzeit jährlich gegen 3000 Tote verursachen.

Goebbels Geliebte

Zu den schillerndsten Figuren, die im nationalsozialistischen Auftrag in Mexiko unterwegs waren, zählt die Schauspielerin Hilda Krüger. Einst Geliebte von Joseph Goebbels, war sie mithilfe des US-amerikanischen Ölmagnaten Jean Paul Getty ins Land gekommen und wurde zur Liebhaberin des Innenministers Miguel Alemán.

«Wenn Krüger nicht sogar direkt die Politik beeinflusste, so hatte sie zumindest Zugang zu vielen Informationen», meint der mexikanische Autor Paco Ignacio Taibo II. Er hat sich in seinem auch auf Deutsch erschienenen Roman «Die Rückkehr der Schatten» mit dem Treiben der Nazis in Mexiko beschäftigt. Auch Krüger spielt dort eine Rolle. Angesichts der engen Kontakte Alemáns zur «Nazidiva» wundert sich Taibo II nicht, dass der Fall nicht juristisch verfolgt wurde. «Alemán hatte einiges zu befürchten», urteilt er über den Politiker, der dann von 1946 bis 1952 Mexikos Präsident war. Krüger blieb nach dem Krieg in Mexiko, 1958 ging sie zurück nach Deutschland, um im Film «Eine Rheinfahrt, die ist lustig» mitzuwirken.

Nur durch Zufall sei er auf die Nazis gestossen, erläutert Cedillo. Eigentlich hatte er US-Archive gewälzt, um die Ermordung des vor Josef Stalin nach Mexiko geflüchteten Leo Trotzki nachzurecherchieren. Dabei habe er Archive gefunden, die belegten, dass Nazi-Organisationen die stalinistischen Schergen beim ersten, gescheiterten Attentat gegen den Russen unterstützt hatten. Darüber hatte der kommunistische Maler Diego Rivera den US-Geheimdienst informiert.

Die Briefe des berühmten Wandmalers brachten Cedillo auf die Spur, und er schrieb die «Geschichte von Intrigen, Spionen, korrupten Politikern, verräterischen Militärs im Dienste des Hitler-Regimes». Angesichts knapper Ressourcen habe er nur einen kleinen Teil des in den USA vorhandenen Materials sichten können. Bald, so hofft der Autor, werde er intensiver die deutschen Quellen untersuchen. Über Mexikos Archive macht er sich keine grossen Hoffnungen: «Hier ist nur noch wenig zu holen.»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch