Nr. 12/2013 vom 21.03.2013

Im Dienst der «Volkswirtschaft»

Ein grosser Teil der Bevölkerung im nationalsozialistischen Deutschland nahm die gezielte Tötung von rund 200 000 psychisch und geistig Behinderten stillschweigend hin. Warum? Der deutsche Historiker Götz Aly geht dieser Frage nach.

Von Ulrike Baureithel

1983 fanden sich im Keller des städtischen Friedhofs von Konstanz 192 Urnen, gekennzeichnet mit Namen von Menschen, die vierzig Jahre zuvor Opfer des nationalsozialistischen «Euthanasie»-Programms geworden waren.

Offenbar hatte niemand nach dem Verbleib der ehemaligen PatientInnen der Heil- und Pflegeanstalten im Umkreis des Bodensees gefragt. Bis sie beigesetzt wurden, dauerte es fast so lange wie bis zur offiziellen Beerdigung der Gehirne der ermordeten, angeblich «geistig toten» Kinder, die vom Hirnforscher Julius Hallervorden wissenschaftlich ausgebeutet worden waren. Die präparierten Hirnschnitte überwinterten in den Katakomben der Max-Planck-Gesellschaft und wurden erst 1990 auf dem Münchner Hauptfriedhof begraben.

«Nutzlose Esser»

Schätzungsweise 200 000 in deutschen und österreichischen Heil- und Pflegeanstalten lebende Menschen – psychisch Kranke und geistig Behinderte, später auch sozial Unangepasste – wurden zwischen 1939 und 1945 als «nutzlose Esser» erfasst, ausgesondert und am Ende «liquidiert». Vorangegangen waren 1939/40 die Massaker an über 13 000 polnischen Geisteskranken, die in eigens dafür konstruierten Gaswagen ermordet worden waren.

Für seine umfassende Darstellung über die NS-«Euthanasie», «Die Belasteten», greift der Berliner Historiker und Journalist Götz Aly auf jahrzehntelange Vorarbeiten zurück. Der Titel meint nicht nur die als «Ballast» empfundenen Opfer und die schuldbelasteten Täter, sondern auch die Angehörigen der Ermordeten. Damit nimmt er eine Denkfigur auf, die er schon in seinem viel diskutierten Buch «Hitlers Volksstaat» (2005) auslegte: Welche korrumpierenden Angebote waren es, die das stillschweigende Einverständnis der Bevölkerung mit der NS-Mordmaschinerie ermöglichten?

Die «Geheime Reichssache Euthanasie» setzte die bis August 1941 andauernde Aktion T4 (genannt nach dem Sitz der Mordbehörde, der Berliner Tiergartenstrasse 4) in Gang, später dann das gezielte Aushungern der PatientInnen in Siech- und Sterbehäusern. Das Programm verfolgte allerdings, wie Aly eindrücklich zeigt, weniger erbbiologische als vielmehr «volkswirtschaftliche» Ziele: Es ging darum, die Anstalten freizuräumen für die «Volksdeutschen» etwa aus den baltischen Gebieten und im Zuge des Kriegs auch für Ausgebombte und Kriegsverletzte.

Wer von den Ärzten, die relativ grossen Ermessensspielraum hatten, als «unnützer Esser» deklariert und auf die Todesliste gesetzt wurde, hatte nur eine Überlebenschance, wenn sich Angehörige oder Bekannte sofort um seinen oder ihren Verbleib kümmerten. Das galt auch für die kranken oder behinderten Kinder, an deren lebendigen oder toten Körpern Ärzte medizinische Studien betrieben. Verweigerten sich die Eltern nachdrücklich einer «Behandlung», blieb das Kind in der Regel verschont.

Und das geistige Erbe?

Doch die Anstaltsdirektoren und Ärzte, oft genug beflügelt vom Bestreben, die Psychiatrie zu reformieren, machten es den Angehörigen leicht, Verantwortung abzuwälzen und wegzusehen. Erst als der Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen in seinen berühmten Kanzelreden im August 1941 das Morden beim Namen nannte, stoppte Adolf Hitler, der Ärger mit den Kirchen und Unruhe in der Bevölkerung vermeiden wollte, offiziell die Aktion T4. Das beschleunigte Sterben in den Anstalten mittels Abspritzen und Aushungern ging jedoch weiter. Im Verlauf des Kriegs nahm die Gleichgültigkeit gegenüber den völlig hilf- und wehrlosen Menschen offenbar zu: Was Aly, selbst Vater einer schwerbehinderten Tochter, an Überlieferungen aus den Tötungs- und Siechstationen, die von der Angst und dem Wissen um das eigene Schicksal zeugen, zusammenträgt, geht unter die Haut.

Deshalb ist es umso unverständlicher, dass er zwar die Kontinuitätslinien zur «Euthanasie»-Debatte der zwanziger Jahre skizziert, aber mit keinem Wort das Erbe benennt, das in die Gegenwart reicht: den selektiven Blick und die utilitaristische Haltung etwa, die die heutigen pränatalen Diagnose- und Auswahlverfahren prägen und auch die Sterbehilfedebatte bestimmen.