Nr. 19/2013 vom 09.05.2013

Ein guter Christ ist ein reicher Christ

Heilsversprechungen, aggressives Missionieren und das Anhäufen von Reichtum: Pfingstkirchen breiten sich vorab in Asien, Afrika und Lateinamerika rasant aus. In der Schweiz suchen sie neue AnhängerInnen unter MigrantInnen.

Von Daniel Stern

Es sind eingängige Melodien mit einfachen Texten, die da gesungen werden. Immer geht es um Jesus und Gott. Einzelne Lieder scheinen fast endlos lang. Vorgetragen werden sie von einer Frau und einem Mann vorne auf der Bühne, begleitet von einer fünfköpfigen Band.

Sonntagmittag im Christlichen Zentrum Buchegg (CZB) in Zürich: Einer von heute vier Gottesdiensten beginnt soeben, mehrere Hundert Gläubige nehmen daran teil. Das CZB ist eine sogenannte Pfingstgemeinde und gehört zur Schweizerischen Pfingstmission (SPM). Pfingstkirchen zeichnen sich vor allem in Afrika, Lateinamerika und Asien durch ein starkes Wachstum aus. Mehrere Hundert Millionen Menschen sollen ihnen weltweit inzwischen angehören. Der katholischen Kirche ist dadurch eine starke Konkurrenz erwachsen.

Die verschiedenen Pfingstkirchen sind allerdings, ganz im Gegensatz zur katholischen Kirche, völlig uneinheitlich organisiert. Sie vertreten teils sehr widersprüchliche Auffassungen und sind in mehreren Wellen unter ganz unterschiedlichen Vorzeichen entstanden. Gemeinsam ist allen Pfingstkirchen jedoch, dass sie die Bibel wortgetreu auslegen und die Rolle des Heiligen Geistes stark betonen, der sich in Wundern, Heilungen oder etwa auch im sogenannten Zungenreden von Gläubigen zeigen soll. Deshalb die Bezugnahme auf Pfingsten, den christlichen Feiertag, an dem der Entsendung des Heiligen Geistes gedacht wird. Pfingstkirchen sind in gesellschaftspolitischen Fragen extrem konservativ und kaum an der Veränderung ungerechter sozialer Strukturen interessiert. Zudem zeigen Pfingstkirchen einen starken Willen zur Missionierung.

In der Schweiz bekennen sich laut Volkszählung vom Jahr 2000 gerade mal 20 000 Menschen zu einem pfingstlichen Glauben. Von Wachstum ist hier nur wenig zu spüren. In den zwei grösseren Schweizer Pfingstkirchen, der Bewegung Plus und der SPM, sind rund hundert Kirchgemeinden zusammengeschlossen. Die beiden Kirchen sind mit anderen evangelikalen Strömungen im Verband Freikirchen Schweiz organisiert. Dieser agiert etwa gegen Abtreibung sowie Sterbehilfe und lehnt Sex vor der Ehe ab.

Der Gottesdienst im CZB dauert fast zwei Stunden. Immer wieder werden Lieder gesungen. Der Pastor der Gemeinde, Matthias Theis, predigt eine Dreiviertelstunde auf Englisch, eine Frau übersetzt Satz für Satz ins Deutsche. Das CZB ist die mit Abstand mitgliederstärkste Gemeinde innerhalb der SPM. Das CZB passte sich früh an die Verhältnisse einer Global City an und fand eine Marktnische. Die Gemeinde richtet sich besonders auf unterschiedliche MigrantInnengruppen aus. 600 der 2000 CZB-Mitglieder stammen ursprünglich aus Lateinamerika.

Reich gewordene Wunderprediger

Am meisten AnhängerInnen haben die Pfingstkirchen heute in Brasilien, gefolgt von den USA und Nigeria. Wurden pfingstliche Missionare früher vor allem von Europa und den USA in die Dritte Welt entsandt, ist heute das umgekehrte Phänomen zu beobachten: Pfingstliche Kirchen aus Südamerika und Afrika breiten sich im Westen aus.

Die grösste Pfingstkirche Brasiliens ist die Igreja Universal do Reino de Deus (IURD) − die Universale Kirche vom Reich Gottes. Ursprünglich in Brasilien von Edir Macedo gegründet, hat sie inzwischen in über hundert Ländern Ableger, auch in der Schweiz. Die IURD steht beispielhaft für eine Vielzahl von Pfingstkirchen, bei der einige wenige Oberhäupter grosse Reichtümer anhäufen. Edir Macedo ist mit seiner Pfingstkirche zu einem der reichsten Unternehmer Brasiliens aufgestiegen. Von den Mitgliedern seiner Kirche verlangt er zehn Prozent ihres Einkommens als Kirchenabgabe.

Die Igreja Universal do Reino de Deus verfügt mit dem TV- und Radionetzwerk Rede Record in Brasilien über ein Medienimperium und macht Millionen mit dem Verkauf von geweihten Wundermitteln, zum Beispiel Sand vom See Genezareth. Die Kirche verfügt über AnhängerInnen im nationalen wie in regionalen Parlamenten. Sie betreibt in Brasilien nach eigenen Angaben rund 4500 Gotteshäuser, darunter auch eine gigantische Kathedrale in Rio de Janeiro mit 15 000 Sitzplätzen.

Die IURD breitet sich mit einer Art Franchisesystem aus − «wie die Fastfoodkette McDonald’s», sagt der brasilianische Theologieprofessor Mario de França. Wenn eine Gemeinde nicht genug an die Zentrale überweise, so werde sie geschlossen. In den Kirchen der IURD wird täglich eine Art Wohlstandsevangelium gepredigt: Wer nur genug bete, werde reich und gesund. Die Gottesdienste sind lebendig, mit Tanz, Musik und Gesang − Teufelsaustreibung und Wunderheilung inklusive.

Das nigerianische Pendant zur IURD ist die Winners Church von David Oyedepo, auch sie ist ganz auf Gewinnstreben ausgerichtet. Oyedepos Kirche hat sich inzwischen in rund fünfzig Länder ausgebreitet. In einem Vorort von Lagos wird ein Megagotteshaus mit über 50 000 Sitzplätzen betrieben. Die Winners Church besitzt Schulen und Universitäten sowie umfangreiche Ländereien und predigt nicht nur Heilung durch Gebet, sondern auch, dass man ökonomisch erfolgreich sein muss. Nur wer Geld habe und konsumiere, sei ein guter Christ (vgl. «Man muss nur viel beten»).

Den Teufel aus Europa vertreiben

Eine weitere international ausgerichtete afrikanische Pfingstkirche ist die in Ghana entstandene Lighthouse Chapel International. Ihr Gründer Dag Heward-Mills ist der Sohn eines ghanaischen Anwalts und einer Schweizerin. Der Mann verspricht bei seinen Grossveranstaltungen vor Tausenden von Gläubigen die wundersame Heilung von Blinden, Stummen und Gelähmten. Seine erste Kirchgemeinde in Europa eröffnete er in Genf. Inzwischen gibt es in der Schweiz elf Lighthouse-Chapel-Gemeinden, die vor allem von afrikanischen MigrantInnen besucht werden. Ziel sei es, Europa − das zum Sitz von Satan geworden sei − wieder gläubig zu machen.

Eine Erklärung für den Erfolg der Pfingstkirchen ist ihre Anpassungsfähigkeit und Offenheit gegenüber kulturellen Einflüssen: «Sie haben massiv schamanische Elemente, afrikanische Elemente, indische Elemente, aber auch kapitalistische Werte aufgenommen», schreibt der emeritierte Schweizer Theologieprofessor Walter Hollenweger. In Südkorea zum Beispiel gelang es der US-amerikanischen Assemblies of God, im grossen Stil Fuss zu fassen. Die Nähe des Heiligen-Geist-Glaubens zum Schamanismus habe dabei geholfen, schreibt der koreanische Theologe Man Joon Kim.
 Schamanismus sei «in der koreanischen Gesellschaft und Mentalität fest verankert». Hatten die Pfingstkirchen in Südkorea 1968 gerade mal 8000 AnhängerInnen, sollen es inzwischen über eine Million sein.

Kleingruppen als Instrument der Kundenbindung

An diesem Sonntagmittag im CZB dreht sich die Predigt von Pastor Theis um einige Bibelzitate. Mehrmals kommt er dabei auf die Wichtigkeit der Kleingruppen zu sprechen, die nicht nur beim CZB, sondern bei vielen Pfingstkirchen ein zentrales Instrument der Mitgliederbindung darstellen. Eine Kleingruppe − oder Hauszelle, wie sie früher beim CZB genannt wurde − umfasst sechs bis fünfzehn Personen. An den Treffen der Gruppen werde die sonntägliche Predigt vertieft, sagt Max Schläpfer, Präsident der SPM. Mit dieser Zellenstruktur, die an frühere maoistische Kaderparteien erinnert, gelingt es den Pfingstkirchen, eine starke Kontrolle über ihre Mitglieder zu erlangen. Die jeweiligen GruppenleiterInnen haben gemäss CZB-Website einen «Entwicklungspfad» an Schulungen und Kursen durchlaufen und können so die Gruppenmitglieder in die gewünschte Richtung lenken.

Regina Spiess, Mitarbeiterin der Beratungsorganisation Infosekta in Zürich, beurteilt die Hauszellen der Pfingstkirchen als ambivalent. Einerseits seien sie durchaus Orte, an denen konkrete Solidarität zwischen den Mitgliedern stattfinde, andererseits seien sie auch «Überwachungsgremien». Zudem würden immer wieder psychisch kranke Personen von Pfingstkirchen angezogen. In den Hauszellen würde man dann gelegentlich versuchen, die Person durch den Heiligen Geist zu heilen, anstatt der Person zu raten, sich an eine Psychiaterin oder einen Psychologen zu wenden.

Max Schläpfer räumt ein, dass es «vorkommen kann, dass sich eine Kleingruppe überschätzt». Man habe jedoch alle GemeindevorsteherInnen angewiesen, Leute mit psychischen Problemen zum Arzt zu schicken. Schläpfer betont, dass man bei der SPM an übernatürliche Heilungen glaubt. Tatsächlich finden sich in Publikationen der SPM «Zeugnisse» von Kirchenmitgliedern, die etwa behaupten, nach dem ersten Gottesdienstbesuch beim CZB von einem «schlimmen Nervenleiden» geheilt worden zu sein oder auch von einer «Diabetes schwersten Grades».

Das Maschinengewehr Gottes

Pfingstkirchen sind eine relativ neue Erscheinung. In einer Art Gründungsmythos wird als Geburtsort der Glaubensrichtung eine alte Methodistenkirche an der Azusa Street 312 in Los Angeles genannt. In diesem armseligen Gotteshaus, das vor allem von AfroamerikanerInnen besucht wurde, soll der Prediger William J. Seymour 1906 die Gläubigen zu enthusiastischen und ekstatischen Reaktionen gebracht haben. Allerdings gab es in dieser Zeit auch an anderen Orten der Welt sogenannte Erweckungserlebnisse, wie der deutsche Theologieprofessor Michael Bergunder schreibt. Die Pfingstbewegung sei aufgrund verschiedener Erneuerungsbewegungen innerhalb bestehender Kirchen entstanden. Geholfen habe zudem ein «transnationales Netzwerk» von MissionarInnen, die die angeblichen Erscheinungen des Heiligen Geistes schnell weiterverbreiten konnten. So wurden auch in der Schweiz bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts erste Pfingstgemeinden gegründet.

Bis nach dem Zweiten Weltkrieg blieb die Pfingstbewegung allerdings eine relativ marginale Erscheinung. Erst eine breite Evangelisationsbewegung mit Zentrum in den USA brachte Schub. Dahinter stand nicht zuletzt der charismatische Prediger Billy Graham (selber kein Pfingstler), der «das Maschinengewehr Gottes» genannt wurde. Graham wurde zum Vorbild vieler Prediger. Er zeigte, wie die Massen auf Grossveranstaltungen in den Bann gezogen und beeinflusst werden können. Auch gelang es ihm mit Radio- und später TV-Sendungen, seine Popularität weiter auszubauen.

Immer wieder neue Anläufe in der Schweiz

Auch in der Schweiz passten sich die Pfingstkirchen den Trends aus den USA an. Doch nach einem ersten Schub unter dem Namen «Jesus-People» wuchs die Bewegung nur noch langsam. SPM-Präsident Schläpfer macht dafür einen generellen Bedeutungsverlust des Christentums in der Schweiz verantwortlich. Zwar liege Spiritualität nach wie vor im Trend, doch gebe es diese auch in der Esoterik und etwa in östlichen Religionen.

Dabei scheint etwa das CZB nichts unversucht zu lassen, um mit immer neuen Missionierungsmethoden Mitglieder zu gewinnen. So fischen mehrere Internetseiten der Kirche mehrsprachig nach neuen Seelen, Kleingruppen werden für alle Altersklassen und in den verschiedensten Sprachen angeboten, Interessierten bietet man Einsteigerkurse, Mitgliedern Beratungen bei Eheproblemen, Pensionierungsfragen und zum Versicherungsrecht.

Mit diesem grossen Einsatz hat es das CZB zwar geschafft zu wachsen, doch ein Ort der religiösen Massenerweckung ist es deswegen nicht geworden. Der fast zweistündige Gottesdienst an diesem Sonntagmittag wirkt weder besonders enthusiastisch, noch löst er irgendwelche Ekstasen aus. In ihrer Biederkeit erinnert die Veranstaltung vielmehr an eine ganz normale Messe, wie sie in ähnlicher Form auch die Staatskirchen bieten.

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