Nr. 19/2013 vom 09.05.2013

«Man muss nur viel beten»

Der Religionssoziologe Asonzeh Ukah erklärt, warum der Aufstieg der Pfingstkirchen in Afrika ein Ausdruck der Unterentwicklung ist.

Interview: Daniel Stern

WOZ: Herr Ukah, wie wichtig sind Pfingstkirchen in Afrika?
Asonzeh Ukah: Seit etwa vierzig Jahren werden sie immer populärer. Genaue Zahlen sind schwierig zu bekommen, da die Pfingstkirchen sehr lose organisiert sind. Entscheidend ist, dass sie sehr grossen Einfluss auf die Politik und die Wirtschaft ausüben, anders als andere Kirchen. Sie mischen bei Fragen der Macht und der Ressourcenverteilung mit. Das macht diese Kirchen für viele Leute so attraktiv. Ich sehe Leuten an, ob sie zu einer Pfingstgemeinde gehören.

Wie denn das?
Es ist schon die Art und Weise, wie sie sprechen. Auf «Wie geht es?» antworten sie etwa mit: «Mir geht es sehr gut, ich trage die Liebe mit mir.» Vielen Anhängern sind zudem Reichtum und Erfolg heilig. Die Pastoren sind nicht einfach zufrieden, wenn die Leute in die Kirche strömen. Sie fordern von ihnen, ökonomisch erfolgreich zu sein. Sie tun alles, um eine ökonomische Logik in die Religion zu tragen.

Sind Mitglieder von Pfingstkirchen erfolgreicher als andere?
Nein, sie sind nur ökonomisch aggressiver.

Was verstehen Sie darunter?
Sie kennen keine Abgrenzung zwischen religiöser Praxis und ökonomischem Verhalten. Die Regel ist, dass Christen wohlhabend und erfolgreich sein müssen. Wenn nicht, ist man kein guter Christ.

Das erinnert an den Calvinismus.
Ja, es gibt Parallelen, aber es gibt auch grosse Unterschiede.

Kultureller Art?
Ja. Calvinisten zeigen ihren Reichtum nicht. Sie sind sparsam und legen ihr Geld an, um noch erfolgreicher zu werden. Viele Pfingstkirchen predigen dagegen einen Konsumismus. Ein guter Christ muss seinen Wohlstand zeigen, etwa mit einem teuren Auto, auch wenn es nur auf Kredit gekauft ist. Pfingstkirchen sind letztlich ein Ausdruck der Unterentwicklung in Afrika. Viele Leute denken, wenn wir zu Gott beten, dann kommt auch der Wohlstand. Die Leute investieren ihr Geld in Statussymbole. Zudem machen die Pfingstkirchen eine kleine Schicht von religiösen Führern sehr reich, weil sie von den Mitgliedern immer wieder Spenden verlangen. Dieser Reichtum verschafft ihnen nur noch mehr Status.

Religion wird in der Sozialwissenschaft ja oft in den Kategorien eines Markts beschrieben. Was ist denn in dieser Logik das Alleinstellungsmerkmal der Pfingstkirchen?
Anders als andere Religionen versprechen Pfingstkirchen, eine persönliche Beziehung zwischen den Gläubigen und Gott zu vermitteln. Diese verschafft dem Gläubigen dann auch Zugang zu Gesundheit beziehungsweise die Heilung von Krankheiten. Auf einem Kontinent mit oft schlechter medizinischer Versorgung ist das ein sehr wichtiges Argument. Ausserdem verspricht die Pfingstkirche Wunder: Man kann zu Hause sitzen und muss nur viel beten, und das Wunder kann eintreffen. Wenn es dann nicht klappt, so ist das weder das Problem der Pfingstkirche noch von Gott, sondern des Christen. Dann ist er einfach nicht genug gläubig.

Sind die Pfingstkirchen eine Art Antithese zur Befreiungstheologie?
Ja. Die Idee der Befreiungstheologie ist ja, dass der Wohlstand der Gemeinschaft gehört. Es darf nicht sein, dass er nur auf wenige Hände verteilt ist. Doch bei den Pfingstkirchen bedeutet viel Besitz, dass man in Gottes Auge eine besondere Person ist. Es wird nicht verlangt, den Wohlstand umzuverteilen. Die Ideologie vieler Pfingstkirchen ist sehr kapitalistisch. Es gilt: Die Stärksten werden überleben. Für die Armen setzen sie sich nicht ein. Ganz anders die Befreiungstheologie: Sie benennt die Strukturen, spricht von Ausbeutung, von Ungerechtigkeit. Die Pfingstkirchen reden dagegen von Profit.

Wie konnte sich die Pfingstbewegung in Afrika so stark ausbreiten?
Das pfingstkirchliche Gedankengut verbreitete sich vor allem ab den achtziger Jahren stark dank Videokassetten. Es war eine Zeit, während der es etwa im Erdöl exportierenden Nigeria wirtschaftlich bergab ging, weil der Ölpreis zusammenbrach. Die Menschen suchten nach Orientierung und hofften auf Wohlstand. Man kann das Phänomen Kulturimperialismus nennen: Viele Gründer der neuen Pfingstkirchen wurden in den USA ausgebildet. Sie lernten dort, wie man mit den neuen Medien umgeht, wie man als Showman predigt. So wurden die neuen Kirchen in Afrika mit der Modernität assoziiert, mit der Frage, wie man erfolgreich ist. Je ärmer die Leute wurden, desto erfolgreicher waren die Kirchen, die Wohlstand predigten.

Einige Pfingstkirchen in Afrika betreiben religiöse Camps. Was versteht man darunter?
Ursprünglich waren das Orte, wo die Religion temporär praktiziert wurde. Man glaubte, sie seien speziell gesegnet. In den letzten zwanzig Jahren sind jedoch aus den Camps feste Einrichtungen geworden – Anlageobjekte der immer reicher werdenden Pfingstkirchen. Sie kaufen Land vor den Toren der Städte. So sind neue kleine, von den Pfingstkirchen beherrschte Städte entstanden, in denen auch viele Reiche Häuser kaufen. Korrupte Politiker investieren dort, um die Herkunft von Geldern zu verschleiern. Man kann die neuen Camps als Geschäftsmodell der Pfingstkirchen verstehen, die so zusätzlich Einnahmen generieren. Zwischen den beiden nigerianischen Grossstädten Lagos und Ibadan gibt es mittlerweile 45 solche Camps.

Asonzeh Ukah forscht seit fünfzehn Jahren zum Thema 
«Pfingstkirchen in Afrika». Er arbeitet im Institut 
für Religionswissenschaften der Universität Bayreuth.

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