Nr. 20/2013 vom 16.05.2013

Der Minister und die essbaren Pflänzchen

Manchmal ist es besser, über Ökologie statt direkt über Politik zu reden. Eine Reise nach Palästina, die den Umweltschäden nachspürt. Von der langen israelischen Mauer, die wie ein Staudamm wirkt, und den wenig umweltfreundlichen Kolonien der SiedlerInnen.

Von Susan Boos

Eine Autobahn wie ein Gefängnis – rechts und links eine unendlich lange Mauer, ausgerollter Stacheldraht liegt sowohl vor wie auf der Mauer, an manchen Stellen sind gleich drei Rollen übereinandergeschichtet. Die Autobahn wirkt wie ein Hochsicherheitstrakt, derweil es nur die Verbindungsstrasse zwischen Tel Aviv und Jerusalem ist, die durch palästinensisch besiedeltes Gebiet führt.

Die Sonne scheint, der Fahrer summt vergnügt, noch ist es Frühling, und alles grünt. Es geht Richtung Ramallah, wo Zoï den Report «Environment & Security in the Occupied Palestinian Territory» vorstellen wird. Zoï ist ein kleines Verlagshaus, das in Genf domiziliert und unter anderem auf Umweltpublikationen spezialisiert ist. Dahinter steht die Idee, dass die Umweltprobleme von heute die Konflikte von morgen bergen. Dabei kann es um stillgelegte Minen gehen oder um Giftmülldeponien, die langfristig das Grundwasser bedrohen. Die Probleme sollten gelöst werden, bevor Menschen ihre Lebensgrundlage verlieren. Abgesehen davon lässt sich manchmal einfacher über Umweltprobleme als über Politik im klassischen Sinn sprechen. Palästina ist dafür ein gutes Beispiel.

700 Kilometer Mauer

Dem Umweltminister der palästinensischen Regierung, Jusef Abu Safieh, hat der Zoï-Report so gut gefallen, dass er die VerlegerInnen gebeten hat, ihn an einer offiziellen Pressekonferenz in Ramallah selber vorzustellen.

Doch vorher treffen die Zoï-Leute in Jerusalem zwei ExpertInnen der israelischen Umweltbehörde. Man kennt sich von einem EU-Projekt. Es geht dabei um die Biodiversität des gesamten Mittelmeerraums, wobei es vorerst simple technische Fragen zu lösen gilt wie zum Beispiel, mit welchem Computerprogramm die Länder die Daten erfassen sollen. Das Projekt kommt nicht voran, und die Meetings sind langweilig, da ist man sich einig. «Aber es ist trotzdem gut», sagt die Frau vom Umweltministerium: «Wir haben ja sonst keinen Kontakt zu unseren Nachbarstaaten. Doch im Rahmen dieses Projekts sitzen wir zusammen, diskutieren und reden miteinander, und da sehen die anderen, dass auf unserer Seite auch gute Wissenschaftler arbeiten, mit denen man ganz normal reden kann.» Über rein technisch anmutende Umweltprobleme bauen libysche WissenschaftlerInnen mit israelischen, syrischen und libanesischen neue Kontakte auf – was vorher undenkbar schien.

Die beiden vom israelischen Umweltministerium haben den Report von Zoï bereits erhalten. Sie sagen, sie fänden ihn gut und wichtig. Ob sie nicht nach Ramallah mitkommen wollten, fragen die Zoï-Leute. Das dann doch lieber nicht, antwortet die Frau vom Ministerium verlegen, das getraue sie sich nicht, und räumt ein, sie sei noch nie in Ramallah gewesen, obwohl die Stadt nur dreizehn Kilometer entfernt ist.

Die Mauer ist da, physisch und in den Köpfen. Über 700 Kilometer lang soll sie werden – die Strecke zwischen Genf und Rorschach misst 300 Kilometer. Der gigantische Wall zerschneidet die Landschaft und sorgt für massive Umweltprobleme, denn die Betonwand wirkt wie ein Damm, der bei starken Regenfällen das Wasser zurückhält.

Die Mauer mäandert durchs Land und sticht an einigen Orten wie ein Zeigefinger tief in palästinensisches Gebiet hinein, weil die dort neu gebauten israelischen Siedlungen hinter der Mauer zu stehen kommen sollen.

Die SiedlerInnen errichten ihre Häuser oben auf den Hügelkuppen. Die palästinensischen Ortschaften liegen unten in den Talsohlen.

An manchen Stellen, wie zum Beispiel in Qalqilija, einem Palästinenserdorf nördlich von Jerusalem, staut die Mauer bei Regen das Wasser. Die Siedlungen und die Felder werden überflutet. Es existiert zwar in der Mauer ein Drainagesystem, bei starken Regenfällen verstopft es jedoch schnell, und das Wasser kann nicht mehr abfliessen.

Wasser ist ohnehin das grosse Thema. Entweder ist zu viel oder zu wenig da. Als Folge der Klimaerwärmung wird erwartet, dass die Temperatur in dieser Gegend bis Ende des Jahrhunderts um 2,2 bis 4,8 Grad ansteigen wird. Dadurch steigt der Wasserbedarf, und es verdampft wegen der Hitze mehr Wasser. Deshalb dürfte, verglichen mit heute, Ende des Jahrhunderts nur noch etwa die Hälfte des Wassers zur Verfügung stehen.

In Israel werden pro Person und Tag 242 Liter Wasser verbraucht, in den israelischen Siedlungen in den besetzten Gebieten sind es gar 400 Liter, im Gazastreifen konsumiert einE PalästinenserIn pro Tag 91 Liter, im Westjordanland gar nur 72 Liter – die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt jedoch 100 Liter. Übrigens reichen 70 Liter kaum, um ein Klo mit Wasserspülung zu betreiben, weil pro Spülung schon 14 Liter draufgehen würden. In der Schweiz verbrauchen wir durchschnittlich pro Kopf und Tag 325 Liter. Rechnet man allerdings das Wasser hinzu, das im Ausland für die Produktion der importierten Güter eingesetzt wird, kommt die Schweiz pro Kopf auf über 4000 Liter. Und es gibt diverse Frischprodukte in den hiesigen Regalen, die aus Israel/Palästina stammen – zum Beispiel der im Winter angebotene frische Basilikum, der laut Deklaration aus «Israel» stammt, aber im Westjordanland angebaut wird.

Ein weiteres grosses Problem ist, dass viele Abwässer ungereinigt abgelassen werden. Das führt unter anderem dazu, dass im Gazastreifen der Meeresstrand stark mit Fäkalien und Chemikalien verschmutzt ist und es gesundheitsgefährdend ist, sich dort aufzuhalten.

Auch in das Tote Meer fliessen jährlich 500 bis 700 Millionen Kubikmeter ungereinigtes Wasser.

Kein Land, zwei Regierungen

Die Pressekonferenz geht nüchtern über die Bühne, es sind ein knappes Dutzend palästinensische JournalistInnen gekommen. Jusef Abu Safieh scheint es zu geniessen. Als Umweltminister hat er nicht sehr oft Gelegenheit, mit einer ausländischen Delegation vor die Kameras zu treten. Wer nach Palästina reist, interessiert sich für gewöhnlich für Menschenrechte, Bildung oder Gesundheit. Das Thema «Umwelt» wirkt auf den ersten Blick zu harmlos.

Jusef Abu Safieh ist nicht der klassische palästinensische Politiker, von ihm hört man keine flammenden Politreden. Nach der Pressekonferenz erzählt er, wie er zum Umweltminister wurde. Er sei im Gazastreifen in einem Flüchtlingslager aufgewachsen. Sein Vater habe die Natur geliebt und ihn all die Namen der vielen wilden Pflanzen gelehrt. Abu Safieh sagt, er könnte sich von den wilden Pflanzen ernähren, wenn es sein müsste, bückt sich und reisst am Strassenrand ein Pflänzchen ab. Man solle mal kosten, sagt er: «Schmeckt etwas bitter, ist aber geniessbar und ganz gesund.» So geht es weiter. Wo immer er steht, sucht er nach Pflänzchen, die man essen könnte oder die sonst interessant sind.

Abu Safieh war gut in der Schule, studierte im Libanon Chemie, erhielt ein Stipendium für die USA und doktorierte in Umweltwissenschaften. Er ist immer noch mehr Professor als Politiker. Mitte der neunziger Jahre wurde er ins palästinensische Parlament gewählt, seit vierzehn Jahren ist er Mitglied der Regierung.

Vermutlich macht ihm kaum jemand sein wenig prestigeträchtiges Amt streitig. Er hat allerdings auch schon interne Zwists überstehen müssen, wie er vergnügt erzählt. Die Hamas habe ihn – nachdem sie in Gaza an die Macht gekommen war – während Monaten in seinem Haus in Gaza unter Arrest gestellt. Vor einigen Monaten sei er dann mit einem Krankenwagen heimlich über Ägypten ins Westjordanland geflohen.

Was für Aussenstehende kompliziert klingt, ist in Palästina normal geworden. Ein Palästinenser hatte es tags zuvor auf den Punkt gebracht: «Wir sind ein Staat ohne Land, aber mit zwei Regierungen.» Das Land ist zu einem grossen Teil unter israelischer Kontrolle. Die besetzten Gebiete umfassen den Gazastreifen im Süden und das Westjordanland im Osten. Die beiden Gebiete sind nicht miteinander verbunden. Das Westjordanland hat eine Regierung, die von der gemässigten Fatah geführt wird – Gaza hat ebenfalls eine eigene Regierung unter der islamistischen Hamas. Zwischen den beiden Territorien gibt es praktisch keine Verbindung, weil sich die PalästinenserInnen ohne Bewilligung der israelischen Behörden nicht zwischen Gaza und Westjordanland bewegen dürfen.

Umweltminister Abu Safieh erklärt, sie würden gerne Kläranlagen bauen, die israelische Regierung lasse das aber nicht zu. Israel hat schon in den sechziger Jahren Wasser zur strategischen Ressource erklärt, weshalb die PalästinenserInnen ohne ausdrückliche israelische Bewilligung keine Wasserinstallationen bauen oder besitzen dürfen. Das Abwasser sollte deshalb in israelischen Abwasserreinigungsanlagen gereinigt werden. Wo aber die nötigen Installationen fehlen, wird es eben gar nicht gereinigt.

Abu Safieh berichtet zudem, Israel habe Fabriken, die die Umwelt stark belasteten, bewusst auf palästinensisches Gebiet umgesiedelt, weil in Israel die Proteste dagegen zu stark gewesen seien. Die Zeit reicht nicht, um die Fabriken zu besuchen. Und im Zoï-Report werden sie nicht erwähnt.

Gift kennt keine Grenzen

Verfasst wurde der Report von Muhammad Z. Hassuna. Er wäre gerne mitgekommen, um sein Werk in Ramallah persönlich vorzustellen. Doch das war nicht möglich. Er lebt zurzeit in Frankreich. Auch er wuchs in Gaza auf, wo seine Familie heute noch lebt. Hassuna studierte an der Birseit-Universität Biologie, erhielt ein Stipendium für Frankreich und machte dort seinen Doktor in Umweltchemie. Danach arbeitete er einige Jahre in der Westschweiz, seine Arbeitserlaubnis wurde aber nicht verlängert, und er musste das Land verlassen. Seither lebt er wieder in Frankreich, berät Nichtregierungsorganisationen und schreibt Gutachten.

Nach Ramallah konnte er nicht kommen, weil er ein Palästinenser aus dem Gazastreifen ist. Israel habe sich geweigert, ihm eine Einreiseerlaubnis für Ramallah zu geben, erklärt er per E-Mail.

Er schreibt ferner, es sei relativ einfach gewesen, das Datenmaterial zusammenzutragen, da es viele gute Studien gebe. Betroffen mache ihn aber, dass die internationalen Organisationen (er meint unter anderem die WHO oder das Uno-Umweltprogramm Unep) zwar viele tolle Reports schrieben, «konkret aber kaum etwas unternehmen, um die Palästinenser davor zu schützen, dass ihre Umwelt systematisch zerstört wird – trotz der vielen alarmierenden Berichte».

Zum Beispiel bezüglich der Wasserfrage: «Es gibt theoretisch in den besetzten Gebieten genug Wasser für alle. Doch seit die Israelis das Wasser kontrollieren, müssen in einigen palästinensischen Gemeinden die Leute mit siebzehn Litern pro Tag auskommen. Das Wasser gehört eigentlich ihnen. Gemäss israelischer Regierung ist die heutige Situation aufgrund des Osloer Abkommens rechtens. Wir gehen jedoch davon aus, dass diese Vereinbarungen überholt sind, weil sie 1995 unterzeichnet wurden und ursprünglich nur fünf Jahre gelten sollten. Unserer Ansicht nach verhält sich Israel illegal, weil keine Besatzungsmacht das Recht hat, die Ressourcen eines besetzten Gebiets auszubeuten. Die Vereinbarungen sind aber auch unfair, weil die PalästinenserInnen keinen Zugang zu Quellen haben, die auf ihrem eigenen Land gefunden wurden.»

Hassuna erwähnt auch die israelischen SiedlerInnen im Westjordanland, die heute fast sechzig Prozent des Lands kontrollierten. Die Kolonien der SiedlerInnen seien weit davon entfernt, umweltfreundlich zu sein: «Die Siedler zerstören Olivenhaine der Palästinenser, sie lassen ihre Abwässer ungereinigt in die Täler und deponieren toxische Abfälle in der Nähe von palästinensischen Dörfern.»

Damit stiegen der politische Druck und die Instabilität. Aber letztlich untergraben die SiedlerInnen damit nicht nur die Existenzgrundlage der PalästinenserInnen, sondern auch ihre eigene. Verseuchtes Grundwasser kennt keine Grenzen.

Susan Boos sitzt im Vorstand von Zoï. Der Verlag ist als Verein organisiert und arbeitet nicht profitorientiert (www.zoinet.org). Die Palästinabilder 
von Meinrad Schade sind im April entstanden und stellen ein weiteres Kapitel seines Langzeitprojekts «Vor, nach und neben dem Krieg. Spurensuche an den Rändern der Konflikte» dar. Frühere Bilder aus Schades Langzeitprojekt sind zurzeit in der Fotoausstellung 
der EWZ selection in Zürich zu sehen (www.ewzselection.ch).