Nr. 21/2013 vom 23.05.2013

Die Angst vor dem eigenen Erdöl

Der Basler Historiker Daniele Ganser hat eine erste, profunde Geschichte der Schweizer Erdölsuche und Erdölpolitik geschrieben.

Von Susan Boos

Erdöl macht Politik – auch in der Schweiz. Der Historiker Daniele Ganser, der in Basel das Swiss Institute for Peace and Energy Research (SIPER) leitet, stellt in seinem neuen Buch «Europa im Erdölrausch» dar, welche Folgen die Abhängigkeit vom Öl hat. Der Titel ist irreführend. Ganser beschäftigt sich nicht nur mit Europa, sondern mit dem fossilen Rausch des gesamten Westens. Darüber wurden allerdings schon viele Bücher geschrieben. Gansers Leistung ist jedoch, eine erste umfassende Geschichte des Schweizer Erdölrauschs geschrieben zu haben.

Wärmestuben für die Armen

Dieser mündete früh in einen ersten Kater. Während des Zweiten Weltkriegs bekam die Schweiz die Erdölabhängigkeit heftig zu spüren. Ganser schreibt: «Der normale Konsum der Schweiz zu Friedenszeiten von rund 430 000  Tonnen Erdölprodukten pro Jahr konnte im schwierigen Umfeld des Zweiten Weltkrieges nicht aufrechterhalten werden. (…) Es war nicht möglich, den stetigen Rückgang der Importe zu verhindern, da man sich am Schluss einer langen und vielfach gefährdeten Lieferkette befand.» 1944 gelangten noch 25 000  Tonnen in die Schweiz, was sechs Prozent des normalen Konsums entspricht.

Ab 1940 galt in der Schweiz ein Sonntagsfahrverbot, später wurden Benzin und Brennstoff rigoros rationiert, die meisten Autos, Motorräder, aber auch Traktoren durften nicht mehr fahren. Für die Rationierung war übrigens Robert Grimm zuständig, ein kämpferischer, engagierter Sozialdemokrat, der auch beim Generalstreik 1918 eine wichtige Rolle gespielt hatte. Der Bundesrat hatte ihn 1939 zum Leiter der Sektion Kraft und Wärme (eines Vorläufers des heutigen Energiedepartements) ernannt. Um zu verhindern, dass die ärmsten Bevölkerungsschichten – die ihre Wohnungen nicht mehr heizen konnten – erfrieren, mussten öffentliche Wärmestuben eingerichtet werden.

In jenen Jahren überlegte man sich, in der Schweiz nach Erdöl zu suchen. «Doch da kaum Geld und Material für die Bohrungen zur Verfügung stand, wurden diese Absichten nicht umgesetzt, auch aus Angst, das Erdöl könnte die Gefahr einer Invasion erhöhen», so Ganser.

Diese Angst blieb. Anfang der fünfziger Jahre reichte Shell – der grösste Energiekonzern Europas – ein erstes Konzessionsgesuch ein. Shell hoffte, im Mittelland Öl zu finden.

Für die Konzessionen waren die Kantone zuständig. Der Bundesrat liess sie aber in einem Kreisschreiben wissen, Erdölfunde könnten die Sicherheit und Unabhängigkeit der Schweiz beeinträchtigen, deshalb sei die Erteilung einer solchen Konzession «ein für allemal auszuschliessen».

Der Kanton Fribourg hielt sich nicht daran – was letztlich aber egal war, weil man dort kein Öl fand.

In der Folge begannen sich auch Schweizer Unternehmer zu engagieren. Man müsse verhindern, «dass das einzige Rohmaterial, welches sich potenziell im Boden befindet, an eine übermächtige, ausländische Monopolgesellschaft fällt», liess der St. Galler Industrielle Max Schmidheiny verlauten. Er gründete deshalb das Schweizer Konsortium für Erdölforschung, das später in der Swisspetrol Holding AG aufging, die die Schweizer Erdölsuche kontrollierte und alle Konzessionen hielt. An verschiedenen Stellen wurde gebohrt, doch die grossen Funde blieben aus.

Daniele Ganser zeichnet in seinem Buch erstmals nach, wie sich die Schweizer Erdölsuche entwickelte, aber auch wie die beiden Raffinerien in die Westschweiz kamen. All diese regionalen und nationalen Entwicklungen bettet er gekonnt in die weltweiten Geschehnisse ein.

Erdölverschwörungstheorien

Problematisch wird das Buch bei den ganz grossen Bogen, wenn es plötzlich um Verschwörungen geht und um die Frage, ob die Anschläge vom 11. September 2001 von den USA mitverschuldet worden seien. Ganser zitiert Autoren, die sagen: «In Wahrheit gehe es um Energie. Die USA wollten Zugang zum Erdöl und Erdgas von Zentralasien. Die Kriege seien von langer Hand geplant gewesen. Sie brauchten nur einen Vorwand, und der 11. September war dieser Vorwand.»

Das gibt dem Buch eine Tonlage, die nicht nötig wäre. Denn bezüglich Schweiz ist es ein unaufgeregtes, profundes Standardwerk.

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