Nr. 22/2013 vom 30.05.2013

Aus der Zentralperspektive

Basler Nachtgedanken: Dieter Fortes Reflexionen über «Das Labyrinth der Welt» führen auf verschlungenen Stadtpfaden vorbei an Scharfrichtern, Alchemistinnen und Narren – durch eine ganze Weltgeschichte.

Von Eva Pfister

«In der dunklen Nacht / wenn die Tage vorbei  / das Licht erloschen / das Leben erzählt / bleibt die Geschichte der Menschen / das Wunder des Erschaffenen / ein langes atemloses Schreiben / mit geschlossenen Augen / in der dunklen Nacht.»

Dieses kleine Gedicht stellt Dieter Forte seinem neuen Buch voran. Sein Leben, das er in der Romantrilogie «Das Haus auf meinen Schultern» erzählte, begann 1935 in Düsseldorf und wurde acht Jahre später beinahe wieder ausgelöscht. Bei der Bombardierung der Stadt 1943 wurde er mit seiner Mutter «verschüttet»; sie flohen aus einem getroffenen Haus durch verrauchte Keller und Trümmerstaub. Fortes Lunge ist seither angegriffen, sein Leben ein ständiger Kampf gegen die Krankheit. Erst 1995 begann er darüber zu schreiben, in «Der Junge mit den blutigen Schuhen». Zehn Jahre später war mit dem Roman «Auf der anderen Seite der Welt» seine Tetralogie der Erinnerung vollendet, die ihn berühmt gemacht hat.

Basel als Inspiration

Das war aber schon Dieter Fortes zweite Zeit des Ruhms, denn zuvor hatte er als Dramatiker Furore gemacht. 1970 wurde «Martin Luther & Thomas Münzer oder die Einführung der Buchhaltung» in Basel uraufgeführt. Es wurde zum Skandalstück des Jahres. ZuschauerInnen verliessen den Saal, als mit dem umgeschriebenen «Vaterunser» das Kapital angebetet wurde. Forte war damals Hausautor am Basler Theater – und ist bis heute in der Stadt geblieben. Basel wurde zu seinem Zufluchtsort, «unser Schreiben ist hier in Sicherheit», heisst es in seinem neuen Buch, in dem Basel Schauplatz ist. Nicht Schauplatz einer Handlung, denn diese verweigert der Autor in «Das Labyrinth der Welt». Aber die alte, kulturträchtige Stadt am Grenzfluss inspirierte ihn zu seinem die ganze Weltgeschichte umspannenden Nachdenken darüber, was die Menschen dazu treibt, Bilder zu malen oder Geschichten zu erzählen.

Basel sei der Vergangenheit zugewandt, befindet Dieter Forte: eine Stadt der Bücher und Bildersammlungen, konservativ und voll kaufmännischen Geists. Und doch auch eine Stadt, in der die Narren, die jenseits der Vernunft philosophierten und ohne Nutzen Kunst machten, zu Hause waren. Hier entstanden Sebastian Brants «Narrenschiff» und «Das Lob der Torheit» von Erasmus von Rotterdam, hier baute Jean Tinguely seine Maschinenlabyrinthe. Forte streift die historischen Personen und die Stadtgeschichte, berichtet von fiktiven Scharfrichtern und Alchemistinnen, erzählt Anekdoten im Stile von Chroniken oder als Dialoge, etwa zwischen einem Maler, der über das Bild philosophieren will, das er vom Bürgermeister anfertigen soll, derweil dieser nur darauf besteht, dass die Geldkatze grösser dargestellt werden soll.

Durch nächtliche Nebel

Leitmotiv des Buchs ist die Frage nach der Wahrheit: «Es stellte sich heraus, dass es so viele Wahrheiten gab, wie es Bilder und Bücher gab, getreulich bewahrten sie all die Irrungen und Wirrungen des Menschen …»

Unter diesem Blickwinkel entpuppen sich Glaubenskämpfe als Possen mit tragischen Begleiterscheinungen und die Zentralperspektive als purer Wunsch nach einer geordneten Natur. Immer neu variiert Forte seine Erkenntnisse, das Labyrinth gibt seinem Buch nicht nur den Titel, sondern auch die Form, und es fordert den LeserInnen oft Geduld ab, den verschlungenen Pfaden zu folgen. Dafür entschädigen immer wieder amüsante Geschichten und auch poetische Passagen, wie die Hommage an das alte Basel:

«Die Stadt treibt dunkel und verschlossen wie eine versteinerte Insel durch die nächtlichen Nebel, die vom Fluss aufsteigen. Ein schwarzzerklüfteter Fels aus Türmen und steilen Dächern, engen Gassen und verwitterten Grabsteinen als Ballast treibt durch die Nacht mit sparsamen Positionslichtern, dem Totenlicht eines Verstorbenen, dem flackernden Kerzenlicht eines Kranken, der Öllampe eines Mannes, der noch über den Kontorbüchern sitzt. Treibt durch die Träume ihrer Bürger, gehalten von der Brücke am Fluss als Anker, bewacht von stummen Dohlen auf den Dächern und den still am Ufer vertäuten Kähnen.»

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