Nr. 11/2014 vom 13.03.2014

Erasmus von Rotterdam

Susi Stühlinger über ein 500 Jahre altes Werk

Von Susi Stühlinger

Ächzend wälzte er sich in seinem Grabe unter dem Basler Münster und konnte nicht anders, als sich wieder einmal selbst zu zitieren: «Es tut halt so sauwohl, keinen Verstand zu haben, dass die Sterblichen um Erlösung von allen möglichen Nöten lieber bitten als um Befreiung von der Torheit», murmelte Erasmus von Rotterdam – Humanist, Theologe, Philosoph und Autor von mehr als 150 Büchern. Viel Grundlegendes hatte sich nicht verändert, seit er vor rund 500 Jahren die Schrift vom «Lob der Torheit» verfasst hatte.

Er war erfreut gewesen, als man das europäische Mobilitätsprogramm für Studierende und Dozenten nach ihm benannt hatte. Doch es war kaum an Torheit zu überbieten, was diese Schweizer fabriziert hatten, mit ihrer Einwanderungsinitiative, die den Ausschluss ihres Landes aus dem genannten Programm nach sich zog. Erasmus war ein Fan der Mobilität; so war er ja auch – über die Pariser Sorbonne und die University of Cambridge – von Rotterdam nach Basel gekommen.

In die entgegengesetzte Richtung war zur selben Zeit ein Journalist der «SonntagsZeitung» unterwegs, der in der Nähe der holländischen Grossstadt erfolglos nach dem durch ein anderes Boulevardblatt bekannt gewordenen «Carlos» suchte. In die Niederlande war «Carlos» auf Geheiss von SVP-Oberjugendstaatsanwalt Marcel Riesen-Kupper gebracht worden, der wiederum von Nationalrat Christoph Blocher diesbezüglich instruiert worden war. Riesen-Kupper hatte das gar nicht gefallen, zumal ihm dämmerte, wer wohl dran wäre, nachdem sein Untergebener Hansueli Gürber bereits abgeschossen war und sein Chef Martin Graf demnächst abgeschossen werden würde.

«Schau, Marcel, wir alle müssen Opfer bringen», hatte Christoph gesagt. «Jetzt schickst du den nach Holland, dann glauben alle: Wenn das für so einen Delinquenten kein Problem ist mit der innereuropäischen Mobilität, dann ist es für die Studenten erst recht ein Kinderspiel – und dann kürze ich nächstes Jahr im Nationalrat das 300-Millionen-Budget zusammen, das der Bundesrat jetzt doch für dieses Erasmus-Zeugs ausgeben möchte.»

Es wäre, so hatte es Christoph erklärt, für die Schweizer Studenten künftig sowieso nicht mehr attraktiv, irgendwo auswärts zu studieren. Denn mit einem Studium am neuen UBS International Center for Economics in Society hätten sie das optimale Rüstzeug, um einen der zahlreichen Praktikumsplätze bei der Ems-Chemie, bei der «Basler Zeitung» oder beim Läckerli-Huus zu ergattern. So wäre allen geholfen, und er bekäme auch keine lästigen Studentenbriefe mehr, von denen er zugeben musste, dass er sie nicht beantworten konnte.

Indessen rotierte Erasmus von Rotterdam weiter im Grab wie das Kandidatenkarussell für die Nachfolge des abtretenden SVP-Nationalrats Hans Kaufmann. Die Torheit fand kein Ende, denn nach der Erasmus-Sache folgte schon der nächste Aufreger: Der CVP-Nationalratspräsident ebnete mit seinem Stichentscheid im Nationalrat dem Waffenexport an Folterstaaten den Weg – gar nicht im Sinne dessen, was Erasmus im Jahre 1516 in der «Erziehung des christlichen Fürsten» gefordert hatte.

Susi Stühlinger wollte nie ein Auslandsemester absolvieren – trotzdem.

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