Nr. 03/2016 vom 21.01.2016

Auf zum nächsten Biss

Wie sich die Wahrnehmung auf einem Trip durch das nächtliche München verändert: ein Selbstexperiment, sekundiert von Fachwissen aus Biologie, Hirnforschung und Kulturgeschichte.

Von Franziska MeisterMail an AutorIn (Text) und Florian Bachmann (Fotos), München

Nun habe ich ihn doch verpasst. «Englischer Garten» steht auf dem unscheinbaren Wegweiser mitten im Münchner Stadtviertel Schwabing, ein Blick nach rechts lässt im schwindenden Licht der Dämmerung die Konturen einer Baumreihe erkennen. Der Sonnenuntergang ist bereits vorbei. Zu spät komme ich auch an die Tagung «Nacht.Leben», die eigentlich eine Nachtung ist und mit Sonnenuntergang um 16.36 Uhr Lokalzeit begonnen hat.

Selber schuld. Auf der Einladung steht zwar gross «Evangelische Akademie Tutzing», erwartet werde ich aber von der Katholischen Akademie Bayern, und die liegt in München, gleich neben dem Englischen Garten. Bin ich also in vorzeitiger Umnachtung erst an den Starnberger See gereist und dann von dort mit S- und U-Bahn zurück nach München, Extraschlaufe in den Gedärmen unter der Stadt inklusive.

Im Nachhinein muss ich sagen: War eigentlich eine hübsche Einstimmung auf die mir bevorstehenden Aventiuren. Nach Einbruch der Dunkelheit, so heisst es, öffnen sich die Schleusen zu anderen Zeiträumen, aus denen unsere Wahrnehmung Fantastisches zu schöpfen vermag. Nach Einbruch der Dunkelheit schwinden aber auch Klarheit und Sicherheit, alles ist Zweifel. Irrung und Wirrung. Was würde mich erwarten?

Die Biologie warnt: Spiel nicht mit deiner inneren Uhr – sonst öffnest du die Büchse der Pandora!

Mit der inneren Uhr ist der zirkadiane Rhythmus gemeint, seinem Takt sind alle Lebewesen unterworfen. Auch wenn jede Pflanze, jedes Tier, jeder Mensch, jedes Organ, ja sogar jede einzelne Zelle einen eigenen, individuellen Rhythmus besitzt: Stets dauert der Zyklus circa 24 Stunden. Erstmals nachgewiesen hat dies Jürgen Aschoff Mitte der sechziger Jahre mit seinen Bunkerexperimenten am Institut für Verhaltensphysiologie ausserhalb von München. Aschoff steckte Freiwillige für drei bis vier Wochen in einen von der Aussenwelt völlig isolierten Bunker, um herauszufinden, wie sich Zeitlosigkeit körperlich auswirkt. Seither haben zahlreiche weitere Untersuchungen gezeigt: Der zirkadiane Rhythmus steuert nicht nur, wann wir müde werden, er beeinflusst auch unsere geistige Leistungsfähigkeit, unsere Stimmung und unser Verhalten.

Im Alltag dient das Sonnenlicht als Impulsgeber: Es synchronisiert uns mit dem Tag-Nacht-Rhythmus, der entsteht, weil sich die Erde innerhalb von 24 Stunden einmal um ihre eigene Achse dreht. Fiete Stolte, damals noch Kunststudent in Berlin, flog 2007 innerhalb von sieben Tagen ostwärts einmal rund um die Welt und fotografierte dabei jeweils den Aufgang wie den Untergang der Sonne. Als er wieder in Berlin landete, hatte er acht Sonnenaufgänge und acht Sonnenuntergänge in der Kamera – worauf er beschloss, fortan nach einer eigenen Zeitrechnung zu leben: Seine Woche sollte acht Tage à 21 Stunden haben. Fiete Stolte hat die Büchse der Pandora geöffnet. Seitdem lebt er asynchron zum Rest seiner Umwelt. Daraus entstanden sind Helligkeitsmaschinen, Verdunkelungsgeräte und andere Kunstinstallationen. Darüber, was physisch, psychisch und sozial mit ihm passiert, schweigt er sich aus.

In München ist die Nacht noch jung, als ich mich kurz nach neun in eines der beiden Taxis quetsche. Urbane Nachtlandschaften wollen wir erkunden – «citynightscapes». Klingt verheissungsvoll. Als Erstes dann prompt ein Déjà-vu: der Münchner Hauptbahnhof. Und wo man bei Tag noch en passant feststellte, dass auch dieser Bahnhof eine permanente Baustelle ist, steigt jetzt, wo wir neben einer der Gitterabschrankungen etwas abseits vom Gewusel beim Haupteingang stehen, ein zunehmend penetranter Uringeruch in die Nase, durch den die Worte des Exkursionsleiters nur noch bruchstückhaft dringen. Zweite U-Bahn-Röhre … Fertigstellung ungewiss … Geld ausgegangen. Professor Henckel, der keine drei Stunden zuvor darüber klagte, wie künstliche Beleuchtung die Nacht kolonisiert, knipst wild in der Gegend herum.

Ein bisschen klick, klick, klick ist auch in meinem Kopf, wie ich mich kurz vor Mitternacht im Glasbau des «Cafe Ludwig» im Petuelpark mit einer Tasse Glühwein wärme. Irgendwie will aus den vergangenen Stunden kein kontinuierlicher Film entstehen. Es ist eher wie im Experimentalkino: sich wiederholende Sequenzen, in denen ich wie Stanley Kubricks Astronaut in «Space Odyssey» quasi körperlos durch einen farbigen Lichttunnel rase. Dann plötzlich stopp, schwarz. Einzelne Bilder, wie Blitze. Der gleissende Scheinwerfer, auf die gigantische Bavaria-Statue in meinem Rücken gerichtet: Er blendet so sehr, dass die Theresienwiese nurmehr als grosses, schwarzes Rechteck erkennbar ist. Die ausgebleichten Leuchtreklamen an den Wänden der Bushaltestellen auf der Donnersbergerbrücke. Der vermeintlich dunkelste Ort Münchens, im Park von Schloss Nymphenburg – und plötzlich durchschneidet der Strahl einer Velohelmlampe die Nacht, dass es die Augen schmerzt.

Die Hirnforschung sagt: Alle Körpersignale und Sinnesreize laufen in der Insula zusammen – wenn es einen Ort im Gehirn gibt, wo Bewusstsein entsteht, dann hier.

Der US-Mediziner John C. Lilly ging in den sechziger Jahren unkonventionelle Wege, um das Bewusstsein zu erforschen. Unter anderem entwickelte er einen «Isolationstank zur sensorischen Deprivation» – einen mit Salzwasser gefüllten Tank, in dem sämtliche Sinnesreize ausgeschaltet sind: Wer sich darin aufhält, mit Ohrenstöpseln versehen und nackt auf dem Wasser liegend, sieht nichts, hört nichts, riecht nichts und spürt kaum etwas über die Haut, da Luft und Wasser der menschlichen Körpertemperatur entsprechen. Der Psychologe und Humanbiologe Marc Wittmann hat selber ausprobiert, was mit ihm im Isolationstank geschieht. Sein Interesse galt dabei der Frage, was mit dem Zeitgefühl passiert. Für die Wahrnehmung von Zeit existiert nämlich kein Sinnesorgan, weshalb wir Zeit konstruieren über die Wahrnehmung von Bewegung und Veränderung, Signalen aus unserer Umwelt also.

Dabei lässt sich selbst im Isolationstank ein Sinn nicht ausschalten: der Körpersinn. Signale aus Muskeln und Organen, der Rhythmus von Herzschlag und Atmung gelangen weiterhin ins Gehirn. Das führt dazu, dass auch das Zeitgefühl erhalten bleibt. Unsere Wahrnehmung von Zeit, so Wittmanns Erkenntnis aus dem Selbstversuch, ist also eng an den Körper gebunden. Tatsächlich bildet in fast allen Kulturen dieser Welt der eigene Körper den Gegenwartsbezug: Die Vergangenheit liegt hinter uns, die Zukunft vor uns. Erinnerung und Erwartung sind räumlich auf die Körperposition bezogen. Wittmann unterscheidet entsprechend zwischen prospektiver Zeitperspektive, die das Leben im Moment umfasst, und einer retrospektiven, die früher Erlebtes aus dem Gedächtnis abruft.

Wie wir die Zeit dabei erleben – ob sie rast oder ob sie in Zeitlupe verstreicht – und was davon in Erinnerung bleibt, hängt vom Grad der Aufmerksamkeit ab, die wir dem Moment widmen. Tagsüber sind wir prospektiv orientiert, die Zeit rast, wird aber meist nur oberflächlich wahrgenommen, solange wir in den Strukturen und Routinen des Alltags gefangen sind. Retrospektiv fragen wir uns dann, wo bloss die vergangenen Jahre geblieben sind, warum das Leben so kurz scheint. Nachts hingegen, sagt Wittmann, nachts ticken die Uhren anders.

Ich sitze noch immer vor meiner Tasse Glühwein im «Ludwig» und versuche, mich ganz auf das behagliche Gefühl zu konzentrieren, das sich von meinem Magen langsam weiter im Körper ausbreitet, bis es hinter den Schläfen sanft zu kribbeln beginnt. Ich stelle mir vor: So muss es sich anfühlen, ein Vampir zu sein. Den köstlichen dunkelroten Saft des Lebens in mich aufzunehmen, zu spüren, wie sich seine Kraft im Innern des Körpers entfaltet. Mein verstümmelter Eckzahn wächst endlich in die Dimension seiner Bestimmung: zuzubeissen, wo die nächste Gelegenheit sich bietet, um den Rausch der Sinne zu verstärken. Das Sehen intensiviert sich, als schraube jemand die Leuchtkraft der Farbskala ins Unermessliche. Alles in mir ist lodernde Leidenschaft – auf zum nächsten Biss!

Die abendländische Kulturgeschichte lehrt: Vampire, Werwölfe, Zombies und andere Gespenster der Nacht sind böse.

«Gott sprach: Es werde Licht. Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war.» Die christliche Schöpfungsgeschichte beginnt nicht nur mit der Trennung von Tag und Nacht, sie schreibt mit diesem Akt auch gleich deren oppositionelle Bewertung fest. Wo Dunkelheit herrscht, ist man den Dämonen des Bösen schutzlos ausgeliefert; die Nacht gebiert Angst und Furcht ebenso wie Wahnsinn und Tod. Aus diesem Glauben entstanden Stadtmauern, deren Tore man nachts schliessen konnte – und Strassenlampen, um die Gestalten der Nacht zu bannen. Damit einher ging schon bald die Trennung zwischen «anständigen» Bürgerinnen und Bürgern, die sich nach Anbruch der Dunkelheit in ihre Häuser zurückzogen, und den «sittlich zwielichtigen» Gestalten der Nacht, den Prostituierten, Trinkern, Räubern und Mordgesellen. Selbst «Minecraft», das beliebteste aller Computergames für Kinder, spielt heute noch mit dieser Vorstellung: Wehe dem, der sein Haus bis Anbruch der Dunkelheit nicht gebaut hat – denn mit der Dunkelheit kommen die bösen Zombies.

Spätestens seit Sigmund Freud weiss man auch, dass selbst der Schlaf keine letzte Sicherheit bietet. Denn die Nacht gebiert den Traum, in dem das aus dem Bewusstsein des Tages Verdrängte wieder auftaucht: aus dem Unbewussten, dem dunklen, nächtlichen Teil des Seelenlebens, wo Triebe und Affekte regieren. Das Verdrängte erscheint im Traum dabei so verdichtet und verschoben, dass sich auch die Grenzen zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Dunkel verwischen zugunsten einer subversiven, vielgestaltigen Ambivalenz. Und dieser ist nur mit Spekulation und Fantasie beizukommen.

Dass der Nacht eine schöpferische Potenz innewohnt, ahnten schon die alten Griechen. In ihrer Mythologie ist die formlose Finsternis, das Chaos, nämlich nicht das Böse, sondern schlicht der Ursprung aller Dinge: Sie ist der Ursprung von Ordnung und Struktur, der Ursprung aller moralischen Gesetze (deren Überschreitung die Grenzen tagsüber erst sichtbar macht). In der griechischen Mythologie gebiert die Nacht das Licht im eigentlichen Sinn des Wortes: Der Tag ist das Kind der Nacht.

In der Nacht entfaltet sich eine imaginäre Tätigkeit, die alles mit einem andern Licht ausleuchtet. Das wussten schon Schriftsteller wie William Faulkner, der viele seiner Geschichten während seiner Arbeit als Leuchtturmwächter verfasste, oder Franz Kafka, der die Stunden der Nacht zu seinem ureigensten Inspirationsquell machte. «Das Urteil» soll er im Verlauf einer einzigen Nacht geschrieben haben – um am nächsten Morgen in sein Tagebuch zu notieren: «Wie sich die Geschichte in mir entwickelte … wie alles gewagt werden kann, wie für alle, für die fremdesten Einfälle ein grosses Feuer bereitet ist, in dem sie vergehen und auferstehen … Nur so kann geschrieben werden, nur in einem solchen Zusammenhang, mit solcher vollständigen Öffnung des Leibes und der Seele.»

Genau so will auch ich diese Nacht in mir aufnehmen, mich öffnen für alle Sinneseindrücke – nicht in der behaglichen Wärme der Schreibstube, sondern in der winterlichen Kälte des Englischen Gartens. Mittlerweile ist es halb zwei geworden. Die Hochnebeldecke reflektiert die Lichter der Grossstadt München und taucht den Park in ein orangegraues Zwielicht. Der Weg ist gut erkennbar, ebenso die Umrisse der näheren Bäume und Sträucher. Weiter weg zerfliessen die Grenzen im Raum. Plötzlich erschallt von irgendwo links ein helles Krächzen – im nächsten Augenblick hebt ein heftiges, hektisches Schlagen vieler Flügel an und vermischt sich mit anschwellendem Wasserrauschen. Das, sagt unser nächtlicher Führer und Ornithologe, war der Panikruf einer Reiherente: Sie hat das Rudel vor einer drohenden Gefahr am Ufer gewarnt, einem Fuchs vielleicht, worauf alle Enten sofort Richtung Teichmitte geflattert sind.

Und wieder ist es still im Park. Der Ornithologe, der im Lichtkegel der Strassenlaterne am Eingang zum Englischen Garten noch alt und beinahe gebrechlich gewirkt hat, durchkreuzt nun leichtfüssig und in flottem Tempo die Wege im Park, wir dicht hinterher. Den Ruf eines Käuzchens will er uns vernehmen lassen – mindestens vier leben im Englischen Garten –, doch sosehr ich auch die Ohren spitze: Das penetrante Rascheln einer Skihose hinter mir bleibt das einzige Geräusch weit und breit. Und so erzählt uns der Ornithologe von seinen nächtlichen Exkursionen am Amazonas, wo er einst allen Gefahren zum Trotz die Stirnlampe ausmachte, weil ihm dauernd Nachtfalter auf die schweissnasse Stirn klatschten. Was ihm eine magische Welt aus schillernden Farben offenbarte – die spezielle Irisschicht in den Augen nachtaktiver Insekten, Falter, Frösche und anderer Tiere.

Hier im winterlichen München hingegen: gleichmässiges Orangegrau. Von weither eine Sirene, vereinzelte Stimmen städtischer Nachtschwärmer. Wir machen uns auf den Rückweg, die Skihose übernimmt wieder den Begleitsound. Und ich stelle erstaunt fest, dass nicht eingetreten ist, wovor ich am meisten Angst hatte: ganz erbärmlich zu frieren während dieser zweistündigen nächtlichen Naturexkursion.

Die Chronobiologie besagt: Gegen drei Uhr morgens sinkt die Körpertemperatur auf ihren tiefsten Wert.

Doch nicht alle Menschen ticken gleich. Manche sind «Lerchen», gehen früh zu Bett und sind morgens mit dem ersten Sonnenstrahl hellwach. «Eulen» hingegen blühen zu später Stunde nochmals richtig auf, finden dafür morgens nur mühsam aus den Federn. Das hat Folgen. Experimente im Schlaflabor haben gezeigt: Wer täglich zu wenig schläft, weil ihn der Wecker vorzeitig aus den Träumen holt, entwickelt im Verlauf der Woche ein kumuliertes Schlafdefizit. Und das führt nicht nur zu schlechteren Leistungen in der Schule und am Arbeitsplatz, sondern auch zu einem sogenannten Social Jetlag. Das ist ein Mass für die Zeit, mit der das unter der Woche angehäufte Schlafdefizit am Wochenende kompensiert wird. Experimente zeigen auch: Je grösser der Social Jetlag, desto mehr Nikotin, Alkohol und Koffein wird konsumiert.

Die Ludwig-Maximilians-Universität in München führt seit 2003 eine fortlaufende Studie zur Erfassung des individuellen Chronotyps durch und ermittelt dabei auch den Social Jetlag. Über 50 000 Personen nahmen bislang daran teil. Gefragt wird, wann man normalerweise zu Bett geht, wann man einschläft, wann man am Morgen aufsteht – wochentags und am Wochenende –, wie viele Zigaretten man täglich raucht, wie viele Tassen Kaffee und Gläser Wein man trinkt. Fast identisch lauten die Fragen auch beim Test «Morgen-Abend-Typ» des Zentrums für Chronobiologie der Universität Basel. Bloss, dass hier nicht der Gebrauch von Suchtmitteln interessiert, sondern, kurioserweise, die politische Einstellung.

Ich habe beide Fragebögen online ausgefüllt: Zu Bett erst nach ein Uhr früh, einschlafen nie vor halb zwei, und morgens nach Möglichkeit nicht vor acht aus den Decken schälen. Die Antwort aus Basel kam postwendend: extreme «Eule»! (Von politisch extremen Tendenzen stand nichts.) München hingegen beschied mir einen völlig durchschnittlichen, normalen Chronotyp, mit einem täglichen Jetlag von exakt 31 Minuten. Irgendwo in dieser Diskrepanz liegt wahrscheinlich auch die biologische Ursache dafür begraben, dass ich um drei Uhr morgens nicht gefroren habe.

Zugegeben, ich hab mich auch schnurstracks vom Englischen Garten ins Kino geflüchtet. Und schon wieder ein Déjà-vu – nicht weil ich «Night on Earth» von Jim Jarmusch bereits mehrmals gesehen habe, sondern weil mir plötzlich bewusst wird, dass ich das immer tue, wenn ich mir in einer fremden Stadt die Nacht um die Ohren schlage. Damals in New York zum Beispiel, Anfang zwanzig und ohne Geld fürs Hotel, landeten wir irgendwann zwischen Mitternacht und Morgengrauen in der Komödie «Quick Change». Ich erinnere mich genau: an das unregelmässige Schnarchen und den strengen Geruch von Obdachlosen, die irgendwo im dunklen Saal unter uns sassen; an Bill Murrays zunehmende Verzweiflung angesichts der Tatsache, dass er und seine Kumpane zwar erfolgreich eine Bank ausgeraubt hatten, nun aber partout nicht mehr aus dem Strassenlabyrinth Brooklyns herausfanden. Genau wie in «Night on Earth»: Armin Müller-Stahl, der den osteuropäischen Taxifahrer in New York mimt, ist eben schon wieder falsch abgebogen.

Die Kulturgeschichte zeigt: Kino ist das Medium der Nacht schlechthin.

Wenn im Kinosaal das Licht erlischt, setzt eine andere Zeitrechnung ein. Sie beginnt mit einer Art Rites de Passage im Moment absoluter Dunkelheit, die uns in einen anderen, traumähnlichen Zustand überführen sollen, während wir all unsere Sinne bündeln und nach vorne richten. Auf der Leinwand erscheint die Welt dann in ein anderes Licht getaucht. Das rationale Raum-Zeit-Gefüge wird brüchig, die Grenzen zwischen Vernunft und Wahn, Schuld und Unschuld, Tugend und Laster verschwimmen. Alles wird Emotion: Lust, Angst, Verwirrung.

Kein Wunder, dient die Nacht selbst im Kino oft nicht nur als Plattform, sondern wird gar zur heimlichen Protagonistin. Ganze Genres sind um Nachtgestalten wie Vampire, Zombies, Aliens und andere amoklaufende Bestien entstanden, wo der Off-Screen-Raum ausserhalb des Kameraausschnitts zur permanenten Bedrohung mutiert. Die Nacht im Film stürzt Figuren in emotionale und moralische Abgründe, hält sie in albtraumhaften Verstrickungen gefangen – beispielhaft im Film noir der vierziger und fünfziger Jahre, der seither als Neo-Noir schon mehrmals wiedergeboren worden ist. Erlösung bringen einzig der Tod oder das Morgengrauen.

In München ist es jetzt genau 7.37 Uhr: Sonnenaufgang. Wir stehen am Ufer des Kleinhesseloher Sees im Englischen Garten. Eine Joggerin – bestimmt eine «Lerche» – zieht bereits ihre ersten Runden. Der Park scheint wie verwandelt, die zunehmend scharfen Konturen der Bäume, Wiesen und Wege rufen kein vertrautes Wiedererkennen hervor. Dabei bin ich nur Stunden zuvor schon einmal hier gewesen. Die NachtungsleiterInnen sprechen erhaben klingende Grussworte, doch irgendwie verflüchtigt sich ihre Bedeutung, bevor sie mein Ohr erreichen. Meine Wahrnehmung ist geschrumpft auf dieses eine durchdringende Körpergefühl: Ich friere, friere so sehr, dass alles an mir nur noch unkontrolliert schlottert.

Einen letzten Versuch will ich aber noch unternehmen und mir, zumindest im Nachhinein, einen Überblick verschaffen über die Stationen der Nacht. Das Münchner Stadtmuseum ist nicht weit, dort soll ein grossartiges Relief der Millionenmetropole ausgestellt sein. Doch die freundlichen Wegbeschreibungen helfen nicht. Als ich bereits zum dritten Mal den Viktualienmarkt überquere und es auch noch zu schneien beginnt, bin ich bereit zur Kapitulation. Ab in die U-Bahn.

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