Nr. 28/2013 vom 11.07.2013

Die ArchivarInnen der Landschaft

Swisstopo produziert die schönsten Landkarten der Welt. Seit 175 Jahren vermisst das Bundesamt für Landestopografie die Schweiz und dokumentiert, wie sich die Landschaft verändert – durch neue Siedlungen und den Klimawandel.

Von Susan Boos

Eine der Schichten des Landesblatts 1170 «Alpnach 1:25 000»: Das von Hand gespritzte Schwarz-Weiss-Relief lässt das Pilatusmassiv (oben links) aus dem Papier wachsen. Karte: Swiss topo

Man sieht Rudolf Morf den Künstler nicht an. Das Werk, das er geschaffen hat, halten viele in Händen, ohne es zu wissen. Morf ist Kartograf und arbeitet bei Swisstopo, dem Bundesamt für Landestopografie in Wabern bei Bern. Eines seiner Bilder hängt in seinem Büro an der Wand, ein Landschaftsrelief in Schwarz-Weiss. Die Berge und Hügel wachsen aus dem Papier heraus, man glaubt, sie anfassen zu können. Das Bild misst 81 auf 48 Zentimeter, das Mass eines typischen Kartenblatts von Swisstopo.

«Das Relief ist von Nordwestlicht beschienen», sagt Morf. Weltweit hätten alle topografischen Karten eine Nordwestbeleuchtung. «Sehen Sie, was passiert, wenn es nicht so ist?», fragt Morf und nimmt eine Luftaufnahme hervor. Man sieht eine karge Hochebene, umgeben von Tälern. Morf stellt das Bild auf den Kopf, womit das Licht nun von Südosten auf die Landschaft fällt. Doch jetzt sieht man plötzlich die Täler als Hügelketten, und die Hochebene wird zur Tiefebene. Wenn das Licht von der anderen Seite komme, bewirke das in unserem Gehirn einen Umkehreffekt, sagt Morf.

Morfs Schwarz-Weiss-Relief zeigt den Pilatus und den Alpnachersee. Vor mehreren Jahren hat Morf dieses Relief mit einer feinen Spritzpistole auf Papier gebracht. «Je höher eine Bergspitze ist, desto schärfer sind die Konturen und die Schwarz-Weiss-Kontraste», erklärt er. Ohne Höhenangaben zu kennen, sieht man deswegen intuitiv, welche Bergspitzen höher liegen.

Auf jeder gedruckten Alpnach-Landeskarte im Massstab 1:25 000 ist dieses Relief hinterlegt, allerdings in einer sehr abgedämpften Form. Von jedem einzelnen Schweizer Kartenblatt in den unterschiedlichen Massstäben – das sind insgesamt rund 350 Stück – existiert ein solches handgemaltes Relieforiginal.

Um die Jahrtausendwende hat Swisstopo die Kartenproduktion digitalisiert. Die handgefertigten Reliefs wurden eingescannt und leben auf den neuen Karten weiter. Die Karten werden alle sechs Jahre revidiert. Rutscht ein Hang ab, muss das Relief angepasst werden. Man könnte dies von einem Computerprogramm erledigen lassen, sagt Morf, «da ginge aber die Harmonie verloren». Deshalb zeichnen die KartografInnen die Reliefveränderung in aufwendiger Handarbeit mit der Maus nach.

Morf hat etwa 300 Stunden für das Original eines Kartenblatts gebraucht. Um ein Blatt nachzuführen, braucht man heute noch etwa eine Woche. Das Relief ist aber nur eine der Schichten, die bearbeitet werden wollen. Es gibt noch die blaue Ebene mit den Flüssen und Seen, die Ebene mit den gestrichelten Felsen und Moränen, die grüne Ebene der Wälder oder die Ebenen mit den braunen Höhenkurven und die mit den schwarzen Linien von Strassen, Häusern, Stromleitungen, Bahnen. Mit dem Computer ist es einfacher geworden, jede Ebene einzeln zu bearbeiten. Noch in den neunziger Jahren musste man sie mühselig in Glasplatten kratzen.

Die ersten Dufour-Karten

Die Franzosen hatten unter Napoleon schon eine grosse Kunstfertigkeit in Kartografie entwickelt. Krieg und Kartografie gehen von jeher Hand in Hand, Armeen brauchen Karten, um Länder zu erobern.

Die Geschichte von Swisstopo beginnt offiziell vor 175 Jahren. Ein Grossteil des Landes war damals noch nicht kartiert. Es war General Guillaume-Henri Dufour, der das Eidgenössische Topographische Bureau gründete, das Karten im Massstab 1:100 000 publizierte. Es sind schöne Karten und überraschend genaue, auch wenn darauf die Berge noch schraffiert sind und keine Höhenkurven aufweisen. Dufour hat es mit seinen Karten geschafft, eine einigende geografische Vorstellung der Schweiz zu vermitteln – und das zu einer Zeit, als das Land noch ein diffuser Bundesstaat war, dessen Teile nicht einmal über eine gemeinsame Währung verfügten.

Dufour legte ein Vermessungsnetz übers Land, das sich nur an der Topografie und nicht an der Politik orientierte, wie das bei früheren Karten oft der Fall war. Er unterteilte die Schweiz in 23 Kartenblätter und deckte damit das ganze Land ab.

«Die Blatteinteilung ist bis heute gleich geblieben», sagt Olaf Forte, der heute bei Swisstopo den Bereich Kartografie leitet. Forte wuchs in Norddeutschland auf, lernte Kartograf, arbeitete später in der Schweiz in der Druckbranche und kam vor fünf Jahren zu Swisstopo. Er sagt, für ihn sei es der absolute Traumjob – auch ein Job, den es kein zweites Mal mehr gebe.

Swisstopo ist altmodisch und topmodern zugleich. Man pflegt seit vielen Jahren dieselbe Nomenklatur. Selbst die Nummerierung wird nicht verändert, auch wenn es praktisch wäre. Manche Kartenblätter, die am Ostrand liegen, tragen den Zusatz «bis» (die Karte vom Piz Lad zum Beispiel heisst «1199bis»), weil sonst die Nummerierung nicht aufgegangen wäre. Heute würde man 1199.1 sagen, damit es sich digital leichter sortieren lässt. Doch am «bis» rührt man nicht, «die Nomenklatur ist heilig», sagt Forte.

Die Kartentitel werden auch nur selten verändert, immerhin gibt es inzwischen Untertitel, damit man zum Beispiel die Karte mit dem Simplonpass trotzdem im Internet findet, auch wenn man nicht weiss, dass man nach «Visp» suchen müsste.

Die Neugestaltung des Deckblatts ist jeweils ein grosses Thema. «Einmal pro Amtszeit darf der Leiter Kartografie das Layout ein bisschen auffrischen», sagt Forte und lacht. Er durfte es zum Jubiläum bereits tun. Den meisten dürfte die sanfte Neugestaltung kaum auffallen, aber sie ist schlicht und übersichtlich.

An den Farben der Deckblätter darf Forte übrigens überhaupt nicht rütteln: Die Karte im Massstab 1:25 000 muss braun sein und bleiben, die Karte 1:50 000 grün und die Wanderkarten gelb.

Ganz besondere Anforderungen gelten fürs Papier: «Wir haben von der Armee eine Falzvorgabe: Man muss eine Karte 1500-mal auf- und zufalten können, bevor sie auseinanderfällt.» Swisstopo ist übrigens immer noch Teil des Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS). Swisstopo stellt fürs Militär Spezialkarten her, mit Waffenplätzen oder Logistikstandorten. Die Armee ist bundesintern einer ihrer besten Kunden.

Noch produziert Swisstopo keine wasserfesten Karten, doch beschäftige man sich damit, weil die KundInnen das zunehmend wünschten, sagt Forte. Inzwischen gebe es Kunststoffpapier, das relativ umweltfreundlich sei: «Wir wollen ein umweltverträgliches Papier, und wir müssen es hier im Haus bedrucken können.» Das Papier, das heute zum Einsatz kommt, wird jeweils in grossen Mengen eingekauft. Am besten sei es, wenn das Papier nach dem Transport noch ein Jahr lang im Haus ruhen könne, damit es sich nicht verziehe. Das Papier darf sich in der Druckmaschine keinen Millimeter dehnen, weil sonst der Druck nicht präzise wird. Zum Beispiel werden einzeln stehende Bäume mit einem kleinen dunkelgrünen Ring markiert. Der Ring ist innen hellgrün bedruckt. Verzieht sich das Papier, kommt das hellgrüne Pünktchen neben den Ring zu liegen – und das darf nicht sein.

Degradierte Dreitausender

Vor hundert Jahren mussten die Kartografen noch bergsteigen, um das Gebirge zu vermessen. Aus den Messdaten zeichneten sie Karten mit Höhenkurven und formten daraus ein Landschaftsmodell. Damit konnten dann Reliefs geformt werden.

Heute verläuft der Prozess umgekehrt. PilotInnen der Luftwaffe fliegen die Landschaft in engen Korridoren ab, dabei wird jeder Zentimeter Boden abgelichtet. Aus den sich überlappenden Bildern lassen sich dreidimensionale Bilder erstellen, aus denen sich präzise die Höhenangaben errechnen lassen. Man hat also zuerst das Landschaftsmodell und macht dann daraus die Karten.

Die exakten Höhenmessungen waren in den Anfangsjahren der Kartografie eine Plage, weil es aufwendig war, überhaupt zu erfassen, wie hoch die Schweiz über Meer liegt. Manche Höhenangaben mussten in den letzten Jahren korrigiert werden, was manchen stolzen Dreitausendergipfel zum Zweitausender degradierte. «Insgesamt ist es aber erstaunlich, wie genau wir früher schon waren. In der Lagegenauigkeit waren wir immer sehr gut, bei der Höhengenauigkeit über 2000 Meter ist uns erst jetzt eine Verbesserung gelungen», sagt Forte.

Wenn die ArmeepilotInnen losfliegen, muss das Wetter perfekt sein. Es darf nicht mehr viel Schnee liegen, und die Bäume sollten kein Laub tragen, um die Sicht nicht zu behindern. «Wir haben nur drei bis fünf gute Flugtage im Jahr», sagt Forte. Dann muss geflogen werden, auch am Sonntag. Die TopografInnen werten die Flugbilder aus, die KartografInnen führen anschliessend die bestehenden Karten nach. Es ist eine Geduldsarbeit.

Alle Bauwerke müssen so vereinfacht, platziert und beschriftet werden, dass man sich doch noch zurechtfindet. Grosse Häuserblocks müssen sich von Reihenhaussiedlungen unterscheiden. Eine kleine Strasse darf nicht mit Häusern verschmelzen, sonst entsteht eine undefinierbare schwarze Sauce. Jede Ecke muss wiedererkennbar erscheinen, auch wenn die Häuser und Strassen nicht mehr exakt da sind, wo sie sich in Realität befinden. Die KartografInnen sprechen von «Generalisieren».

Die hohe Kunst der Kartografie ist es, auf wenig Platz genau das zu zeigen, was einem intuitiv hilft, sich zu orientieren. Und diese Kunst pflegt Swisstopo bis zur Perfektion. Das merkt man erst, wenn man ausländische Karten liest und nichts da ist, wo es hingehört.

Weniger Geld, weniger Qualität

Vor einigen Jahren gab es politischen Druck, Swisstopo zu privatisieren. Olaf Forte sagt, man habe in verschiedenen Ländern versucht, bei den Landesvermessungen die Kosten zu drücken: «Das geht auf Kosten der Qualität, das sieht man sofort.» Swisstopos Aufgabe sei es, Randgebiete genau gleich zu behandeln wie die Zentren: «Das unterscheidet uns von anderen Anbietern. Deren Karten sind in den grossen Städten recht gut – in den Randgebieten ist man aber schnell verloren. Unser Markenzeichen ist es, dass wir eine nationale Organisation ohne kommerzielle Interessen sind.» Das Amt mit seinen 330 MitarbeiterInnen hat einen Umsatz von sechzig Millionen Franken. Elf Millionen kommen über die Kartenverkäufe wieder rein, dreizehn Millionen erwirtschaftet es bundesintern. Der Kostendeckungsgrad ist allerdings in den vergangenen fünf Jahren von 51 auf 32 Prozent gesunken.

Das hat damit zu tun, dass Swisstopo seine Kartensätze in verschiedenen Formaten kostenlos auf dem Geodatenportal des Bundes zur Verfügung stellt (http://map.geo.admin.ch). Forte sagt, man bereite die Kartendaten ja mit Steuergeldern auf, da sei es auch richtig, dass sie der Bevölkerung gratis zur Verfügung stünden. Dass die gedruckten Karten verschwinden, glaubt er nicht: «Sie geben den besseren Überblick, sind sinnlicher. Zudem kann ein elektronisches Gerät in den Bergen aussteigen, deshalb sollte man zur Sicherheit immer eine gedruckte Karte dabeihaben. Zur Not kann man damit sogar ein Feuer machen.»

Rudolf Signer sitzt im gleichen Büro wie Rudolf Morf. Er bearbeitet am Computer die Karte von Visp. In einer Ecke hat sich in den vergangenen acht Jahren die Gletscherzunge um mehrere Meter zurückgezogen. Signer ist daran, Felsen und Geröll, die unter dem Eis hervorgekommen sind, neu einzuzeichnen. «Das ist eine Spezialität der Schweizer Karten», sagt er, «jedes Strichlein, das eine Felskante symbolisiert, jeder Punkt auf einer Moräne ist von Hand gezeichnet.» Auf der Karte sehen die Felslandschaften beinahe so aus wie im Gelände. Manchmal unternimmt Signer mit Swisstopo-KollegInnen Exkursionen, um Felsformationen zu begutachten, damit sie später auf der Karte richtig nachempfunden werden können. Niemand auf der Welt zeichnet Felslandschaften mit so viel Geduld und Leidenschaft wie die KartografInnen von Swisstopo. Sie durften deshalb auch schon Karten vom Mount Everest und vom Mount McKinley zeichnen.

«Unsere Landeskarten sind ein Kulturgut», sagt Signer, «sie zeigen kommenden Generationen, wie die Landschaft einmal war.» Swisstopo hat vor wenigen Tagen auf seiner Website eine Zeitreise aufgeschaltet, die nachvollziehbar macht, wie sich die Schweiz in den letzten 175 Jahren verändert hat. Die Karten wurden so aufbereitet, dass man zusehen kann, wie die Gletscher schmelzen oder wie Siedlungen die Landschaften überwuchern. Und da wird das unpolitischste aller Bundesämter plötzlich ungewollt hochpolitisch.

Seltsame Leidenschaft

Karten von Orten, die es nicht gibt

Langsam wurde es dunkel zwischen den Bäumen. Ich merkte, dass ich mich überschätzt hatte. Der Wald, den ich durchqueren wollte, war zu gross. Ich schaute auf die Karte, sah die Dörfer, durch die ich gekommen war. Am besten zurück zur Strasse, die laut Karte dem Waldrand entlang verlief. Ich kehrte um.

Regelmässig träume ich von Karten. Manchmal sehe ich grosse Gebiete, ganze Gebirge, und beim Aufwachen tut es mir leid, dass ich dort nicht wandern kann. Diese Träume sind nicht erstaunlich, schliesslich schaue ich tagsüber auch oft auf Karten. Nicht nur wenn ich konkret eine Wanderung plane, sondern auch einfach aus Freude am Schauen. Es ist ein bisschen wie Fliegen, je nach Massstab in unterschiedlicher Höhe. Ich sammle die seltsamsten Alpnamen im Greyerz – Petsernetse, les Drudzes, Tsuatsaux – oder suche die unzugänglichsten Täler in der Tessiner Riviera. Oder einsame Seen in Ostsibirien. Immer wieder finde ich dabei Orte, die ich wirklich sehen möchte. Den Forêt du Lapé zum Beispiel, am Rand der Landeskarte «1245 Château d’Oex, 1:25 000». Ihn besuchte ich tatsächlich, weil er auf der Karte so spannend aussah: ein Wald in einem Bergsturzgebiet an der Sprachgrenze. Dort kletterte ich zwischen Tannen, Vogelbeersträuchern und gefährlichen Löchern auf moosigen Felsen herum. Ein Pass ganz in der Nähe hat den magischen Namen «Wolfs Ort». Aber ein Gewitter vertrieb mich bald.

Alte Karten anzuschauen, ist besonders spannend: Zur Raum- kommt die Zeitreise. Ich sammle sie nicht systematisch, aber freue mich immer, wenn ich im Brockenhaus etwas finde: das Alpsteingebiet aus dem legendären Siegfriedatlas, gestochen scharf, auf dem die Schwägalpstrasse noch ein Trampelpfad ist. Das Blatt «Castasegna, 1:50 000», von 1924, die Bergeller Alpen mit riesigen Gletschern. Die Karte «Zürich- und Adlisberg bis Forch» von 1927 im grosszügigen Massstab 1:12 500, auf der jedes Sitzbänkli eingezeichnet, Schwamendingen noch ein Dorf und Stettbach ein winziger Weiler mit zehn Häusern ist.

Alles ist kartiert, alles ist erfasst: Natürlich hat das auch Nachteile. Manchmal würde ich gerne Orte besuchen, die auf keiner Karte sind. Zum Beispiel jenen Urwald, den es gemäss einer Sage im Alpstein geben soll und der allen Wildtieren Schutz bietet. Jäger können ihn nicht betreten, weil er mit einem Bann belegt ist. Aber die meisten Leute finden ihn schon gar nicht. Etwas einfacher zu finden als Orte, die nicht auf der Karte sind, sind Karten von Orten, die es nicht gibt: JedeR kann sie zeichnen. Oder davon träumen.

Bettina Dyttrich

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