Nr. 28/2018 vom 12.07.2018

Im Rausch der Höhenkurven

Jetzt wandern sie wieder. Und merken vor lauter Bergblick gar nicht mehr, was für ein grafisches Kunstwerk sie hoffentlich eingepackt haben. Eine Hymne auf die Wanderkarte.

Von Florian Keller

Zweidimensionaler Kosmos zum Eintauchen: Meistergrafik aus Wabern bei Bern (Auszug). Foto: Bundesamt für Landestopografie, Swisstopo

Lasst sie nur wandern, die andern. In ihren atmungsaktiven Outdooruniformen, stramm geschnürt auf profilierten Trekkingsohlen. Sollen sie doch Berge schauen, auf dass sie ergriffen werden vom Schauer des Erhabenen.

Im Gebirge weitet sich der Blick, sagt man, und also buchstäblich der Horizont. Das mag sein, aber die Fantasie bleibt dabei arg unterfordert. Nichts ist so geheimnislos wie ein Bergpanorama bei klarem Wetter: Alles liegt offen da. Ganz anders beim Studium der Wanderkarte, dem sogenannten Trockenwandern.

Für die meisten, die zu Berg gehen, sind die Wanderkarten des Bundesamts für Landestopografie, genannt Swisstopo, nichts als Prothesen aus Papier, Hilfsorgane zwecks Orientierung in der Landschaft. Nur wenige wissen eine Wanderkarte als das zu schätzen, was sie auch ist: ein Meisterwerk der geografischen Abstraktion, ein semiotisches Abenteuer, ein zweidimensionaler Kosmos, in den man eintauchen kann.

Milchblätz. Faltlig. Robutzli. Brüelchälen. Hüttlisgütsch. Chläbdächer. Bartschiisser. Hinderschluchen. Mummelgschwänd. Oberschottenloch. Chabissen. Zung. Gusöteli. Melbengocht. Stüblinecker. Fächtleren. Sönderli. Zäpfli. Büsmig. Gschläpft.

Nur hat die Kulturtechnik des Kartenlesens leider nicht den allerbesten Ruf. Im Feld draussen ist sie ein knallhartes Machtinstrument, in dem die Ursprünge des Kartenwesens in der Kriegsführung bis heute nachwirken: Wer des Kartenlesens nicht mächtig ist, sieht sich auf Gedeih und Verderb dem Geheimwissen der Nerds ausgeliefert, jeder von ihnen ein kleiner Feldherr.

Beim Trockenwandern dagegen wird das Kartenstudium zum schweissbefreiten Freizeitsport für die ganz Bequemen: Da muss man keinen Fuss vor die Tür setzen, man holt sich keine verdreckten Sohlen und schon gar keinen Muskelkater. Oder wie eine leidenschaftliche Kartenleserin einst verkündete, zur Karikatur überzeichnet von der Kabarettistin Sibylle Birkenmeier: «Kartenlesen macht keinen Lärm und stinkt nicht.»

Ein kleiner Alpenporno

Hüsli, Bächli, Wägli studieren: So gesehen ist Trockenwandern natürlich das spiessigste Hobby, das man sich denken kann, eine Passion für unheimliche PatriotInnen, Heimatliebe im Massstab 1 : 25 000. Zudem sind Wanderkarten bis zu einem gewissen Grad immer auch entpolitisierte Landschaft. Aber wer im Kartenstudium nur einen Rückzug ins Private und eine Abschottung vor der wirklichen Welt sieht, ignoriert das Wesentliche: Kartenlesen entfacht die Fantasie. Die genauen Rohdaten flach vor uns ausgebreitet, imaginieren wir die Landschaft in der dritten Dimension.

Eine exakte Welt, gebaut aus dem feinen Schwung der Höhenlinien und gesprenkelt mit der fremdartigen Poesie der Flurnamen, die das Land überziehen wie Zauberwörter. Wenn Berge sich erheben wie Bretter vor dem Kopf, wie es bei Niklaus Meienberg heisst, brauchen wir nur den Kopf zu senken, und da entfalten sich Karten wie Literatur in unseren Händen. Und diese Literatur ist in den Flurnamen selten so spröde, wie uns die amtliche Exaktheit der Kartenzeichnung vorspiegelt.

Spitzi. Gaila. Füdlenplangge. Schnäbeli. Läckistock. Rappenschnabel. Schöpfsack. Schmatzeren. Schluchbüel. Rappenloch. Stutzloch. Löchli. Schlipfloch. Möser. Stinki. Bäbi. Schärtler. Chnodenwald. Gimmermee.

In der Bergluft krepieren die Gedanken, heisst es in einem Film von Peter Liechti: «Der Berg macht blöd.» Das ist natürlich ein wenig überzogen. Der Berg macht nicht gleich blöd, aber schlau macht nur das Kartenlesen. Und dieses topografische Wissen geht zusehends verloren, je mehr wir unsere Orientierung an das sogenannte Global Positioning System (GPS) delegieren. GPS heisst: Wir navigieren immer präziser durch unser Koordinatensystem, aber die Landschaft wissen wir dabei immer weniger zu lesen.

Im Zeitalter von Google Maps erleben wir ohnehin eine Verkümmerung der kartografischen Kultur. Das ist keine Frage von Papier oder digital, auch das Kartenwerk von Swisstopo ist ja längst umfassend digitalisiert. Die Verkümmerung besteht darin, dass die Allerweltskarte, mit der Google Maps das Netz kolonisiert, ab einem bestimmten Massstab nur zwei Darstellungsraster bereithält: die dumme Fläche aus Graustufen, die lediglich über Gewässer, Naturreservate und elementare Verkehrswege Bescheid weiss; und das Luftbild der Satellitenaufnahme, das aber auch nur Spekulationen über die genauere Beschaffenheit der Landschaft erlaubt. Rudimentäre Fläche oder fotorealistische 3D-Aufsicht: Das sind die einzigen kartografischen Register, die Google Maps kennt.

Wurmloch nach Ostafrika

Sehen wir uns zum Beispiel den geografischen Mittelpunkt der Schweiz an: die Älggialp oberhalb von Sachseln. Auf der Wanderkarte von Swisstopo entfaltet sie ihren ganzen landschaftlichen Charakter. Da sind die vielen horizontalen blauen Strichlein, wo sich Sumpfland erstreckt. Die hellbraunen Höhenlinien, die sich rund um die Hochebene eng aneinanderschmiegen. An der Südflanke dann die Schraffuren samt Schattenwurf, der jedes Felsband plastisch macht, und weiter bergauf die feinen Pünktchen, wo der Fels in Geröll übergeht. Das Netz aus Alpsträsschen und Fahrwegen, denen entlang einige Häuser in Form von schwarzen Rechtecken hingewürfelt sind. Schliesslich die gestrichelte Linie der Fusspfade, die hinab nach Giswil oder bergwärts zum Gschwantenboden im kleinen Melchtal führen.

Und Google Maps? Zeigt die Älggialp einfach als hellgraue Fläche, durchzogen nur von einer weissen und einer blauen Schlangenlinie, das sind die Zufahrtsstrasse und der Älggibach. Und in der Geländeansicht sieht es aus, als wären wir auf dem Mond. Dazu noch zwei Gasthäuser – aber was ist das denn? Das eine der beiden, Villa Tunda mit Namen, entpuppt sich beim Anklicken als Strandhotel in Sansibar. Ein profaner Datenfehler, aber immerhin versteckt sich darin eine hübsche postkoloniale Pointe: Im Mittelpunkt der Schweiz versteckt sich ein Wurmloch nach Ostafrika. Auf den amtlichen Karten von Swisstopo ist für so schlaue Irrtümer natürlich kein Platz.

Lusitschuggen. Plandafanatsch. Mumblut. Pligugg. Pafäder. Grappalazär. Ingglasür. Plandagorz. Promisaun. Pardätsch. Verlüls. Zerstruis. Ärägäll. Amadang. Impertätsch.

Wie sieht es dort aus, am Schlussbach, der von den sumpfigen Höhen der Summerweid abfällt? Wir wissen es genau und müssen es uns doch vorstellen. Drum lasst sie nur wandern, die andern. Im Kopf sind wir immer schon weiter.

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