Nr. 28/2013 vom 11.07.2013

Plötzlich mutig genug?

Die neue Medienseite des «Tages-Anzeigers».

Von Christian Rentsch

Ab Dezember wird der «Tages-Anzeiger» wieder eine Medienseite haben. Das ist gut so, aber: Wunder sind dabei kaum zu erwarten.

In den neunziger Jahren beschäftigten mehrere Tageszeitungen und Wochenblätter noch MedienredaktorInnen, leisteten sich Medienseiten oder gar einen Medienbund. Heute ist die NZZ die einzige grössere Zeitung der Schweiz mit einer Medienseite.

Das ist natürlich kein Zufall: Kein Medienunternehmer liest gern Kritisches über seine eigene Firma. Sicher kam es der Tamedia-Geschäftsleitung daher nicht ungelegen, als die verängstigte Chefredaktion 2003 das Medienressort auflöste: Es hatte immer wieder für Ärger gesorgt, weil es ab und zu auch kritische Artikel über das eigene Haus publizieren wollte.

Medienthemen sind selten Quotenrenner, und die gleichen Medien, die völlig zu Recht in Politik und Wirtschaft mehr Transparenz fordern und sich überall als «vierte Gewalt», als Kontrollorgan gerieren – ausgerechnet sie werden ganz schmallippig und wortkarg, sobald die eigene Macht zum Thema wird.

Als mächtige Institutionen müssen Medien auch sich und ihre Entwicklung reflektieren: Denn praktisch alles, was wir über das aktuelle Weltgeschehen wissen, haben wir aus den Medien. Information ist ein lebensnotwendiges öffentliches Gut. Niemand weiss, wie die Medienszene in zehn Jahren aussehen wird, welchen Einfluss Facebook, Twitter und all die anderen neuen «sozialen Medien» haben werden, wie sie unser Denken und Handeln verändern.

Darüber muss öffentlich berichtet, aufgeklärt, debattiert und räsoniert werden. Derzeit sind Mediengeschichten nur im Blatt, wenn sie sich zum Skandal zurechtbiegen lassen. Oder wenn sich einige Plaudertaschen eine TV-Serie reinziehen und dann über ihre an- oder abschwellenden Erregungskurven berichten.

Wo aber liest man zum Beispiel darüber, wie die Schweizer Medien den Israel-Palästina-Konflikt behandeln; warum die meisten freien JournalistInnen heute weniger verdienen als vor zwanzig Jahren; was beim Radio und Fernsehen hinter den Kulissen alles schiefläuft beim schlecht durchdachten Konvergenzprogramm; wie erfolgreich die Basler «TagesWoche» und die «Basellandschaftliche Zeitung» sind und was das für die Zukunft der «Basler Zeitung» bedeutet; oder: wem die Tamedia gehört und wie viele Millionen die diversen beteiligten Familien und Sippen jährlich aus dem Unternehmen herausholen?

Es ist weitgehend ungefährlich, über eine eingekaufte amerikanische TV-Serie zu lästern oder sich über die geistige Tiefe eines Sportmoderators zu mokieren. Aber bereits die Themen «Honorare der Freien» oder «Basler Mediensituation» betreffen – bei der Tamedia – das eigene Unternehmen. Erst recht schwierig wird es, wenn man über Sparübungen im eigenen Haus berichten und darlegen will, wie viele Millionen dabei anfallen und wohin diese fliessen.

Mit anderen Worten: Es kommt nicht so sehr darauf an, ob der «Tages-Anzeiger» wieder eine Medienseite hat oder nicht. Es kommt viel mehr darauf an, ob für Medienthemen jemand zuständig ist, der nicht gleich umfällt (oder gefällt werden kann), wenn Sturm angesagt ist. Und ob die Chefredaktion in heiklen Situationen den Mut hat, sich dem Druck zu widersetzen. Letzteres hätte man seit Abschaffung der Medienseite vor zehn Jahren immer wieder mal üben und zeigen können. Gemerkt haben wir davon nichts. Warum sollte sich das im Dezember plötzlich ändern?

Christian Rentsch war Kulturredaktor und 
bis zur Abschaffung des Medienbunds Leiter der Medienredaktion beim «Tages-Anzeiger».

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