Nr. 37/2011 vom 15.09.2011

In Bern soll wieder recherchiert werden

Ein Verein will in Bern das lokale Medienmonopol aufweichen. Auf Frühjahr 2012 ist eine Online-Zeitung geplant. Allerdings backen die Berner InitiantInnen kleinere Brötchen als die in Basel.

Von Andreas Fagetti

Mit Ausnahme von Zürich wird die mediale Öffentlichkeit der regionalen Schweizer Zentren inzwischen von Monopolisten beherrscht. Ob in Basel, Bern, St. Gallen, Aarau, Luzern, Winterthur oder Biel – ein Medienhaus gibt den Ton an. Das erzeugt in politischen und kulturellen Kreisen zunehmend Unbehagen. Nach Basel, wo Ende Oktober das Medienprojekt «TagesWoche» startet, tut sich nun auch in Bern etwas: Eine Kerngruppe von rund zehn Frauen und Männern aus Medien, Kultur und Politik lanciert am Erscheinungstag dieser WOZ das Projekt «Berner Online Medien» (BOM). Der gleichnamige Verein ist bereits gegründet. Ihr Antrieb ist der «Mangel an Vielfalt» in der Lokalberichterstattung in der Stadt und der Agglomeration von Bern.

Einer dieser Initianten ist der Berner Anwalt Willi Egloff, der bereits zu den Gründern des alternativen Lokalradios «RaBe» gehörte. «Nicht nur ich habe zunehmend den Eindruck, dass die von Tamedia herausgegebenen ‹Bund› und ‹Berner Zeitung› stark von einer Zürcher Perspektive geprägt sind. Das Niveau in der Lokal- und Kulturberichterstattung über Bern ist gesunken.» Wie «RaBe», das schwarze Zahlen schreibt, soll auch das neue Onlinemedium von Vereinsmitgliedern getragen werden. Dabei streben die InitiantInnen eine breite Trägerschaft an: «Die Lancierung der ‹TagesWoche› hat uns Mut gemacht, wir hatten auch Kontakte nach Basel und sind an einer Zusammenarbeit interessiert», sagt Egloff.

In Basel hatte sich der Unmut über die lokale Mediensituation spektakulär Luft gemacht, als rechtskonservative Kreise die «Basler Zeitung» übernahmen und mit Markus Somm einen SVP-Ideologen als Chefredaktor einsetzten. Das Unbehagen mündete bekanntlich in ein konkretes und in der Schweizer Medienszene bislang einzigartiges Konkurrenzprojekt für einen Monopolisten – und in einen Aderlass auf der «BaZ»-Redaktion. Die «TagesWoche» – eine Onlinezeitung, die einmal in der Woche auch als gedruckte Zeitung erscheinen wird – startet Ende Oktober. Finanziert wird die Konkurrenz zur «BaZ» von der Roche-Erbin und Mäzenin Beatrice Oeri.

Ohne Basis geht nichts

Anders als in Basel liegt in Bern das grosse Geld nicht auf der Strasse. Das Ziel für die nächsten Wochen ist zunächst die Zusage von hundert Personen, die je 500 Franken zusichern. Sobald 50 000 Franken zugesagt sind, packt der Verein die konkrete Projektarbeit an. Bereits vor dieser Aktion haben 28 Persönlichkeit aus Medien, Kultur und Politik ihre Unterstützung zugesichert. Etwa Regula Mader, Ueli Lädrach, Oswald Sigg, Greis, Pedro Lenz, Müslüm oder der WOZ-Autor Fredi Lerch. Noch vor den Berner Stadtwahlen im Herbst 2012 soll die Onlinezeitung ihre Arbeit aufnehmen. Ziel: Frühjahr 2012. Die InitiantInnen rechnen mit einem Budget von 500 000 Franken: 1500 Vereinsmitglieder, die das Projekt mit einem Jahresbeitrag von 250 Franken im Wesentlichen tragen, Sponsoreneinnahmen von 50 000 Franken und Werbeerträge von 75 000 Franken.

Fünf bis sechs Medienprofis werden sich 300 Stellenprozente teilen, in der Berner Medienszene, so die Hoffnung, neue Akzente setzen und hin und wieder mit einem Primeur überraschen. Gleichzeitig soll sich «ein breiter Kreis von politisch und kulturell interessierten Leuten mit eigenen Meinungen an den lokalpolitischen und kulturellen Debatten in Kommentaren, Blogs und sozialen Netzwerken beteiligen». Mit anderen Worten: Die neue Onlinezeitung ist übers linksgrüne Lager hinaus offen für Leute bis weit hinein in liberal-bürgerliche Kreise.

Anhaltende Unzufriedenheit

Die (bescheidene) Rechnung könnte durchaus aufgehen, auch wenn die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Seit Tamedia 2007 nach der «Berner Zeitung» auch den «Bund» unter seine Kontrolle gebracht hat, herrscht in der Bundeshauptstadt in politisch und kulturell interessierten Kreisen eine anhaltende Unzufriedenheit mit der medialen Lage. «Ich lese kaum noch Tageszeitung, Verlautbarungsjournalismus dominiert. Mir fehlen kritisch-einordnende und gut recherchierte Geschichten», sagt etwa der Schriftsteller Pedro Lenz. Und Urs Frieden, Stadtparlamentarier des Grünen Bündnisses, sieht die Debatten und Anliegen der Stadt mit einer klaren linksgrünen Wählerschaft (sechzig Prozent Wähleranteil) kaum in den Lokalteilen gespiegelt. Als Politiker habe er es schwer, über die lokalen Medien einen Dialog mit den StadtbewohnerInnen zu führen. «Die Lokalteile dieser beiden Zeitungen sind für die Diskurspflege auch über Alltagsthemen untauglich. Will ich etwa eine differenzierte Meinung über Fussballfans platzieren, bin ich chancenlos. Die Polizei hingegen kommt ausführlich zu Wort – Fans sind dann in erster Linie gewalttätige Chaoten. Das ist absurd. Ich kann Leserbriefe schreiben, die nicht abgedruckt werden oder auf Facebook ausweichen.» Frieden glaubt daher an ein tragfähiges Onlineprojekt als Ergänzung zu «Berner Zeitung» und «Bund». Unzufrieden sind nicht nur Linke. Das Bedürfnis nach einer akzentuierteren und eigenständigen Berichterstattung ist weit verbreitet.

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