Nr. 28/2013 vom 11.07.2013

Sand im Solothurner Literaturgetriebe

Von Adrian RiklinMail an AutorIn

Die Solothurner Literaturtage sind nicht im Sitzungszimmer eines Kulturbeauftragten entstanden – sondern aus der Szene selbst, unter dem Lampenschirm in einer Genossenschaftsbeiz.

Von Anfang an, von 1979 bis 2012, war Veronika Jaeggi als Geschäftsleiterin verantwortlich. Sie hat sich dabei ein immenses Wissen über die Mechanismen eines solchen Betriebs angeeignet – insbesondere über die ungeschriebenen Gesetze einer Kleinstadt, in und aus der die Literaturtage zu ihrem Charakter gefunden haben.

Bettina Spoerri, ihre Nachfolgerin aus Zürich, war als Germanistin die erste Literaturfachfrau als Geschäftsleiterin. Vor allem aber war sie die Erste, die von aussen in diesen Mikrokosmos trat. Ihr Rücktritt nach nur einem Jahr weist auf ein Dilemma hin, in dem sich viele Einrichtungen mit ehrenamtlich-idealistischem Hintergrund befinden – insbesondere solche, in denen die Fäden über Jahre hinweg von ein und derselben Person zusammengehalten wurden. In Solothurn verschmolz Jaeggi fast schon mit den Literaturtagen – unmöglich, von aussen in diese historisch gewachsene Rolle zu schlüpfen.

Spoerris Rücktritt zwingt den Verein und seinen Vorstand, die Strukturen den veränderten Umständen anzupassen. Was nicht heisst, dass dabei auch der idealistische Geist geopfert werden muss. Denn was die Solothurner Literaturtage bis heute so einzigartig macht, ist nicht nur ihre Zentrifugalkraft in der Schweizer Literaturlandschaft, sondern auch ihre noch immer gelebte Widerspenstigkeit gegenüber dem zunehmenden Vermarktungsdenken. Und noch immer sind die Literaturtage nicht primär ein Branchenevent wie die Frankfurter Buchmesse.

Die Strukturen anzupassen, hiesse also nicht, jene Vorstellung aufzugeben, die der Schriftsteller Otto F. Walter 1979 als Gründungsmitglied formulierte: Literaturtage als «republikanisches Bankett», an dem, ausgehend von der Literatur, gesellschaftliche Vorgänge hinterfragt und Utopien angedacht werden. Oder, wie es Bettina Spoerri im Mai noch in der WOZ verkündete: die Literaturtage als ein grosses Publikumsfest – aber immer auch «ein wenig Sand im Getriebe».

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