Alternatives Wirtschaften : Kapital mit Geist und Seele

Nr.  29 –

Zu einem dem Gemeinwohl verpflichteten Bankwesen gehört weit mehr als der Verzicht auf möglichst hohe Renditen. Das zeigt sich bei einer internationalen Sommerschule der Alternativen Bank Schweiz.

Der Baselbieter SP-Nationalrat Eric Nussbaumer sitzt entspannt auf der Terrasse des Seminarhotels Lihn im glarnerischen Filzbach: Weit unten leuchtet gletscherwasserblau der Walensee in der Julisonne, in Nussbaumers Rücken erheben sich die wilden Spitzen des Mürtschenstocks, und an den Hängen ob Amden gegenüber erstrahlen die Alpweiden im satten Sommergrün. Nussbaumer, Verwaltungsratspräsident der Alternativen Bank Schweiz (ABS), ist einer von 55 TeilnehmerInnen der Summer School des im deutschen Witten angesiedelten Institute for Social Banking. Seit 2006 treffen sich MitarbeiterInnen europäischer Alternativbanken, ökologischer Stiftungen und Nichtregierungsorganisationen in diesem Forum an wechselnden Orten, um über ein anderes Wirtschaften und ein sozialeres Bankwesen nachzudenken. Dieses Jahr ist die ABS Gastgeberin und hat ins Glarnerland geladen, wo man sich dem Thema «Social Banking & The Commons» widmen will. Gemäss dem Slogan des Seminarhotels soll der Aufenthalt hier oben «Geist und Sinne beflügeln». Die Szenerie passt tatsächlich nicht schlecht zur Auseinandersetzung mit Gemeingütern und der Frage, wie ein Wirtschaften aussehen könnte, das sich in den Dienst der Allgemeinheit stellt und dem Leben dient, wie das Nussbaumer formuliert. Walensee, Mürtschenstock und die Alpweiden ob Amden – sie alle sind sogenannte Commons: Im Walensee kann jede und jeder baden, sein Wasser teilen sich viele Haushalte; auf die Spitzen des Mürtschenstocks können alle klettern, die fit genug sind; auf den Amdener Alpweiden schliesslich sömmern die Kühe vieler verschiedener Höfe und teilen sich das Gras und die Ställe.

Gemeinsame Traktoren reichen nicht

Eric Nussbaumer, der zwanzig Jahre lang Geschäftsleiter einer Energiegenossenschaft war, will die traditionelle Schweizer Alpgenossenschaft allerdings nicht romantisch verklären. Für ein Wirtschaften, bei dem es um mehr geht als nur um möglichst viel Profit, reicht die gemeinsame Benützung von ein paar Traktoren nicht, findet der SP-Nationalrat: «Klar kommt das unter Umständen schlicht billiger. Aber ein Bauer, der nur teilt, um die Kosten zu reduzieren, bewegt sich immer noch in den Widerwärtigkeiten des Markts.» Das sei eine Reduktion des Bauernstands auf eine rein ökonomische Existenz. «Aber unser Erdendasein lässt sich ja nicht nur auf reine Ökonomie reduzieren. Es geht für mich auch um die Sinnhaftigkeit des Arbeitens.»

Mit am Mittagstisch sitzt auch Silke Helfrich aus Deutschland. Sie ist Autorin verschiedener Bücher zum Thema «Gemeingüter» und Aktivistin in Sachen Commons. Für sie geht es in einem sozialen Bankwesen, dem sich die ABS seit ihrer Geschäftsaufnahme 1990 verschrieben hat, auch darum, Freiräume für alternatives Wirtschaften zu schaffen. Für ein Wirtschaften, das natürliche Ressourcen nicht ausbeutet und privatisiert, sondern in nachhaltiger Weise möglichst vielen zugänglich macht und so Zusammenarbeit und gemeinschaftliches Handeln ermöglicht: «Die Aufteilung der Allmende bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts ging nicht zufällig mit dem sich entwickelnden Industriekapitalismus einher. Der Kapitalismus schöpfte für seine Entfaltung schon immer aus dem Reservoir der Gemeingüter.» Während es damals vor allem um Landnahme gegangen sei, stehe heute die Privatisierung und Einhegung von Wissen und technischen Innovationen auf dem Spiel. So sieht Helfrich in sogenannter freier Software die Logik der Commons am Werk: Alle, die wollen und können, dürfen diese benützen, analysieren und verändern. Das macht die aktive Teilhabe vieler an der Weiterentwicklung solcher Produkte möglich. Diese werden dadurch besser, was wieder allen zugutekommt, die sie benützen. Voraussetzung für einen solchen qualitativen Fortschritt, der nicht ein rein ökonomisches Wachstum um jeden Preis zum Ziel hat, sind allerdings auch KreditgeberInnen, die solchen Projekten auf die Sprünge helfen: «Für gewisse Ideen und Projekte kann es in dieser Welt, wie sie gerade gedacht wird, gar keinen Markt geben», findet Silke Helfrich. «Dafür braucht es soziale Banken wie die ABS, denen es nicht um den Profit geht.» So werden an diesem Sommertag vor der Kulisse der Glarner Alpen ungewöhnliche politische Koalitionen denkbar: etwa die zwischen den IT-TüftlerInnen in einem jungen Start-up-Unternehmen im Zürcher Kreis 4, die Open-Source-Produkte entwickeln, und den BäuerInnen einer Glarner Alpgenossenschaft, die unter Kooperation mehr verstehen als nur das Teilen des Traktors.

Eine finanzielle Erfolgsgeschichte

Die Alternative Bank Schweiz, die sich gemäss ihrem Leitbild «dem Gemeinwohl, Mensch, Natur und der weltverträglichen Lebensqualität» verschrieben hat und Renditen erzielen will, «die eine solidarische Entwicklung ermöglichen», ist dabei auch eine finanzielle Erfolgsgeschichte: Während sie nach ihrem ersten Geschäftsjahr 1991 eine Bilanzsumme von 58 Millionen Franken aufwies, ist diese seit 2008 von 840 Millionen auf 1,2 Milliarden gestiegen. Die Bankenkrise hat offenbar doch bei einigen Schweizer Vermögenden und KreditnehmerInnen zu einem ökonomischen Umdenken geführt.

Diese Geschäftszahlen machen die ABS im Verhältnis zur Grösse ihres Schweizer Heimmarkts zu einer der grössten alternativen Banken überhaupt. Steht da nicht die soziale Geschäftsphilosophie der ABS auf dem Spiel? Anruf bei Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann in Berlin, der als Chef der Ethikkontrollstelle der ABS auch ein wenig deren Gewissen ist. Thielemann ist mittlerweile Direktor der «MeM – Menschliche Marktwirtschaft, Denkfabrik für Wirtschaftsethik» in der deutschen Hauptstadt und gerade mit Kind und Kegel am Umziehen (WOZ: «Sie kommen aber nicht zurück in die Schweiz, oder?» Thielemann scherzhaft: «Nein! Wo denken Sie hin?!»). Er räumt ein, dass der Erfolg der ABS in den letzten Jahren auch Schattenseiten hat: «Dieses jährliche Wachstum von zehn Prozent stellt die ABS vor ein Problem, das heute die ganze Finanzbranche kennt: Das Kapital findet nicht genügend Anlagemöglichkeiten.» Offenbar ist der gesellschaftliche Wille, Geld solidarisch anzulegen, grösser als jener, dem Gemeinwohl dienende Projekte zu starten – jedenfalls gemessen an dessen Kapitalvolumen. Die ABS begegnet diesem Kapitalüberschuss zurzeit, indem sie unter anderem ihr Eigenkapital erhöht und Mittel daraus für ihren Innovationsfonds zur Verfügung stellt. Dieser beteiligte sich im letzten Jahr beispielsweise an einem ökosozialen Mikrokreditprojekt in Georgien oder an der Alpkäserei Urnerboden.

Ein Barfussbarde

Im Seminarhotel Lihn in Filzbach ist es mittlerweile Nachmittag geworden. Der britische Barfussbarde Jed Milroy, der die Sommerschule am Morgen noch mit der Liedzeile «Love has wings – so do you» beglückt hatte, bittet jetzt zur Polka auf der grünen Wiese. «Es geht hier sehr holistisch zu und her», sagt Commons-Aktivistin Silke Helfrich. Manchen etwas zu holistisch: Für den nächsten Tag hat der Barfussbarde ein kollektives stündiges Schweigen auf einer Alp angekündigt. Verwaltungsratspräsident Nussbaumer macht das etwas skeptisch: «Ich muss mir noch überlegen, worüber ich eine Stunde lang schweigen soll.» Er könnte sich vielleicht über das «göttliche Bewusstsein» Gedanken machen, das Sommerschule-Teilnehmer Lyle Jaffe aus dem südindischen Grossaschram Auroville in der Glarner Bergwelt am Werk sieht: «Der Wille zum Leben, diese Intensionalität, die hier alles durchdringt.» Ob Reflexionen dieser Art allerdings auch der weltlich-strategischen Arbeit des Verwaltungsrats der Alternativen Bank Schweiz zugutekommen würden, bliebe abzuwarten.