Nr. 32/2013 vom 08.08.2013

Sich dem Fremden nähern ist ein politischer Akt

Die Israelin Chaya Czernowin ist dieses Jahr Composer in Residence beim Lucerne Festival – eine Musikerin, die mit ihren Klängen das Fremde vertraut machen möchte.

Von Thomas Meyer

Als «Holocaust-Stück» wurde ihre Kammeroper «Pnima … Ins Innere» im Jahr 2000 bei der Münchner Biennale für neues Musiktheater angekündigt, aber eigentlich, so sagt die 1957 in Haifa geborene Chaya Czernowin, ging es ihr dabei nicht in erster Linie um die Judenvernichtung im «Dritten Reich», sondern um «die unmögliche Kommunikation, die ich in meiner Kindheit erlebt habe». Ihre Eltern hatten etwas erlebt, «das ich hoffentlich nie erleben werde», aber sie konnten nicht darüber sprechen. «Ich habe immer diese Ahnung gehabt, dass es da noch etwas ganz Furchtbares gibt, an das ich nie rühren dürfte», schreibt sie dazu. Nicht nur die TäterInnen in Deutschland, sondern auch die Opfer in Israel, die den Holocaust überlebt hatten, sprachen nicht über die schreckliche Vergangenheit. Für die nachfolgende Generation, in Israel als «Erinnerungs-» oder «Gedenkkerzengeneration» bezeichnet, war es schwierig, ja fast unmöglich, dieses Schweigen zu durchbrechen. Und insofern handle es sich bei «Pnima» um ein «autobiografisches Stück nicht nur für mich, sondern für eine ganze Generation in Israel» – so die Komponistin in einem Radiogespräch mit SRF-Redaktor Thomas Adank. Ja, die Erfahrung reicht darüber hinaus: «Es ist ein universales Erlebnis.»

Im Musiktheater «Pnima … Ins Innere», das ab 4. September im Luzerner Theater zu sehen ist, begegnen sich ein alter Mann, der den Holocaust überlebte, und ein Junge, der dessen Erinnerungen nachempfinden möchte: Zwei Menschen nähern sich einander über die Generationen hinweg an, tauschen sich aus, geben Erfahrung weiter. Czernowins Stück spricht, worüber man nicht sprechen kann – indem es nicht spricht. Die beiden Protagonisten singen rein phonetische «Texte» – keine Literatur, keine Protokolle. Ihre Worte sind Klang. «Pnima» bedeutet «ins Innere», und ins Innere will auch die Musik führen. «Ich glaube, das Schönste, was es gibt, ist: in die innere Dunkelheit zu sehen», schreibt Czernowin.

Das Leben schreitet weiter

Und diese Dunkelheit ist auch die des Schweigens. Aber Czernowin wollte nicht einfach dieses Schweigen brechen; es ging nicht ums Ziel, sondern um den Weg. Das Stück zeigt uns Hoffnungslosigkeit, aber auch, dass das Leben weiterschreitet. «Es ist ein Versuch, etwas zu sehen, wie es ist.» Auch das Komponieren sei für sie nicht etwa der Versuch, das Rätsel zu lösen, sagt sie, «sondern etwas Unberührbares zu berühren, sich ihm zu nähern». Deshalb bediente sie sich keines vertrauten musikalischen Stils, wie er zum Beispiel durch die jüdische Musik gegeben wäre. «Nationalität oder Religion oder Kollektivismus sind für mich nicht wichtig.» Ihre Wahrnehmung ist radikal persönlich. «Ich bin der Überzeugung, dass für die meisten von uns aus der zweiten Generation des Holocaust der einzelne Mensch wichtiger geworden ist als das Kollektiv. Wir müssen lernen, auf Phänomene und Individuen zu achten und nicht auf Kategorien oder Kollektivbestimmungen.»

Es ist interessant, wie diese Komponistin versucht hat, sich von ihrer Vergangenheit zu lösen, sich zu distanzieren. Seit ihrem Kompositionsstudium bei Abel Ehrlich in Tel Aviv ist sie unterwegs, in Deutschland studierte sie bei Dieter Schnebel, in San Diego bei Brian Ferneyhough und danach weiter in den USA bei ihrem Doktorvater Roger Reynolds. Sie lebte zeitweise in Tokio, in Wien, wieder in Kalifornien. Seit 2003 leitet sie die «Internationale Sommerakademie für junge Komponisten» auf Schloss Solitude bei Stuttgart; seit 2009 ist sie Professorin für Komposition an der Harvard University in Boston.

Neugierig machen

Ja, sie sei viel in der Welt unterwegs; das bringe manchmal grosse und schwierige Brüche mit sich, sei aber auch interessant und ein Gewinn. «Man darf und soll sich ändern, denn wir bleiben dieselben, aber man kann dabei sehr breit interessiert sein. Und diese Breite suche ich.» Aufmerksam beobachtet und belauscht sie, was um sie herum geschieht. Sie möchte das Unbekannte entdecken. Chaya Czernowin macht es sich und uns nicht leicht. Sie sucht das, was sie selbst noch nicht kennt. «Ich will nur etwas komponieren, das ich nicht verstehen kann, das mir unbekannt ist», lautet ein viel zitierter Satz von ihr. Sie verlangt übrigens auch vom Publikum nicht, dass es ihre Musik ganz versteht, sie möchte es vielmehr neugierig machen und es neuen Erfahrungen aussetzen, Erfahrungen, die durchaus in die Eingeweide gehen. Deshalb bringt sie Prozesse in Gang, die zu ungewöhnlichen, nicht sofort zugänglichen Klangergebnissen führen – und doch ist ihre Musik nicht kopflastig, sondern aus der Geste, aus einer physisch empfundenen Körperlichkeit heraus entwickelt. Ihre Stücke sind für sie lebendige Geschöpfe.

Keine Kompromisse

Für Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra, das aus jungen MusikerInnen Israels, Palästinas und den umliegenden arabischen Staaten besteht, schrieb sie ein neues Stück, das in Luzern uraufgeführt wird. Der Titel, «At the Fringe of Our Gaze» (Am Rand unseres Blicks, gleichsam, wo das Sehen verschwimmt und ausfranst), verweist darauf, dass wir etwas wie die Staubkörner in der Luft nicht sehen können, obwohl sie unmittelbar vor uns sind. Auf solche Randbezirke der Wahrnehmung möchte sie aufmerksam machen. Ihr geht es darum, «das Fremde vertraut werden zu lassen». Aber auch die vertraute Musik wird einem in der Mitte des Stücks fremd. «Dieser Prozess, sich dem Fremden anzunähern und es von innen zu erfahren, ist etwas, das starke politische Implikationen mit sich bringt.»

Fade Kompromisse macht sie keine. An politischen Fragen ist sie lebhaft interessiert: Als es vor einigen Jahren galt, Mozarts unvollendetes Singspiel «Zaide» um ein modernes Gegenstück zu ergänzen, schuf sie mit «Adama» ein Singspiel, das sich gleichsam zwischen den mozartschen Teilen festhakt, sich zuweilen sogar hineinfrisst und ein düsteres Gegenbild dazu entwirft. Der flexiblen, leuchtenden Tonsprache Mozarts setzt sie darin geräuschhafte, perkussive, oft dunkle oder scharfe, statisch-flächige Klänge entgegen, ja sie mischt sie zunehmend unter die klassischen Klänge. Mozarts Liebesgeschichte wird jene zwischen einem Palästinenser und einer Israelin entgegengestellt. Beide Paare finden am Ende des ersten Akts zueinander, beide werden von der Gesellschaft im zweiten Teil bestraft und gefoltert. Das Ende ist unerbittlich, und die Musik, die Czernowin zu einer Art Steinigungsszene komponiert, geht unter die Haut.

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