Nr. 35/2013 vom 29.08.2013

Wischt mal das Sägemehl auf!

Von Kaspar SurberMail an AutorIn

Wer in diesen Sommermonaten nach Zürich kommt, erhält den Eindruck, auf eine Alp zu gelangen: In den Viaduktbögen, noch im Industriechic renoviert, wartet eine Markthalle: Es riecht penetrant nach Käse aus allen möglichen Seitentälern der Schweiz. In zahlreichen Szenebeizen sind die Holztische auf Hochglanz poliert. Häufig ist die Speisekarte schon auf Schweizerdeutsch übersetzt. Es gibt «Bündner Gerschtesuppe» oder «Murmeliragout».

Am Hauptbahnhof wurde kürzlich eine Einkaufsmeile eröffnet. Sie trägt zwar den Namen Europaallee, als Erstes findet sich darin allerdings ein gelber Wanderwegweiser, der im riesigen Flagshipstore eines Outdoorhändlers Orientierung bietet. Motto: «Raus, aber richtig». Zu kaufen gibt es mitten in der Stadt Zelte, Rucksäcke, Äxte, Gaskocher, Notnahrung, 480 Seiten lang ist der aktuelle Katalog. Von spezieller Ironie ist das Solarpanel «Aton XL 21», mit dem auf der Bergtour das Smartphone aufgeladen werden kann. Raus, aber richtig.

In Zürich wird gerade das Ursprüngliche gesucht, werden wieder einmal die Alpen neu erfunden, es ist zum Davonrennen.

Aus den Fernsehstudios in Leutschenbach erreichen uns derzeit fast nur noch Bilder von Schwingern. Im Sportpanorama: Schwinger. Im Spielfilm: Schwinger. In der Werbung: Schwinger, von einer Kuh durchs Sägemehl gezogen. Eine Detailhandelskette, eine Versicherung, eine Grossbank preisen sich als «Königspartner» des Eidgenössischen Schwing- und Älplerfests an. Es findet dieses Wochenende in Burgdorf in einer Arena mit 52 000 ZuschauerInnen statt, mit einem Rekordbudget von 25 Millionen Franken.

«Imagologische Bastelei» hat der Historiker Guy P. Marchal diesen Vorgang genannt. Aus Überresten der Vergangenheit wird ein nationales Identitätsbild geklebt. In der Schweiz verbinden sich dabei die Geschichte und das Gebirge, angefangen mit dem Gedicht «Die Alpen», das der Berner Schreibtischgelehrte Albrecht von Haller 1729 verfasste: Die Schweiz erscheint in ihrem nationalen Mythos als Land von freien Bauern und Hirten, selbstgenügsam in der Kargheit des Gebirges lebend, fern vom Rauch der grossen Städte. Auch schon im Gedicht wird geschwungen, und in einer Zeile heisst es: «Heut ist wie gestern war und morgen wird wie heut.»

Die Alpenbricolage diente meist der Stabilisierung der Herrschaft: Ende des 19. Jahrhunderts beispielsweise wurden die im Sonderbundskrieg unterlegenen Katholiken in den Bundesstaat integriert, indem eine Schlacht der alten Eidgenossen bei Sempach idealisiert wurde. Die gemeinsame Erinnerung musste vor dem Streit liegen. Kein Wunder, ist das Revolutionsjahr 1848 im öffentlichen Bewusstsein bis heute kein positiver Referenzpunkt der Geschichte.

Zugegeben, diese Geschichte und ihre Geschichte liegen jetzt auch schon mehr als hundert Jahre zurück. Heute wird doch wohl noch jede und jeder aus den historischen Versatzstücken postmodern die eigene Identität basteln dürfen, ob national-konservativ oder ökologisch-nachhaltig, und am Schwingfest sind endlich Stadt und Land vereint. Wenn bloss der Streit um die Wiederansiedlung vom bösen Wolf nicht wäre.

In der Sehnsucht nach dem Ursprünglichen, nach der Erfahrung von Wildnis in diesen krisenhaften, virtuellen Zeiten treffen sich rechte und linke AlpenbastlerInnen. Und doch bleibt das Alpenbild grundsätzlich beschränkt: Die Arbeiter und Ausländerinnen kommen darin höchstens im Tunnelbau und im Tourismus vor. Eine Öffnung des Reduits ist weiterhin nicht nötig – Hauptsache, mit der Biodiversität stimmts. Das Bild ist nicht neutral, es zieht enge Grenzen, mentale und soziale. Vom Reichtum ist sowieso keine Rede.

Ein weitergehendes, fortschrittliches Denken, das sich nicht nur um eine fair und nachhaltig produzierte Ausrüstung kümmert, beginnt deshalb nicht mit der Suche nach dem Ursprung, sondern mit der Gründung von Gesellschaften.

Der Ursprung bringt Abhängigkeiten, eine Gründung ist emanzipativ. Raus, aber richtig! Ursprungsformen sind zum Beispiel Dörfer, Klubs und Seilschaften. Gründungsformen sind dagegen Quartiere, Bündnisse und Netze: Räume mit offenem Ausgang.

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