Nr. 37/2013 vom 12.09.2013

Die Jugend schockt total

Über Open-Air-Zelte und andere Drecksgeschäfte.

Von Ruedi Widmer

Schon oft wurde das Ende der Gesellschaft ausgerufen. Die Kinder könnten sich nicht mehr gegen ihre liberalen Eltern auflehnen. Provokationen wären nurmehr Zombiedrogen, Mord oder etwas sehr Rechtsextremes. Doch der neue Schocker kommt ganz unerwartet: Zelte stehen lassen.

Der mediale Zorn darüber ist immens, sowohl nach dem Open Air St. Gallen wie nach dem Zürich Open Air. Auch vom Festival im englischen Reading gibt es Empörungsfotos, auf denen das ganze Areal mit Zelten und Müll übersät ist.

Keine Luftaufnahmen existieren vom «Eidgenössischen», weil sich da die Besucher «halt im Werteverständnis gewaltig unterscheiden von den verwöhnten degenerierten Jugendlichen von heute» (Leserkommentar auf tagesanzeiger.ch). Das Schwingfest ist ein Versuch vieler SchweizerInnen, endlich wieder unter sich zu sein. Man ist anständig, freundlich und ordentlich. Am Schwingfest wird alles in Kübel geworfen.

Es ist respektlos gegenüber der Natur, wenn Leute Flaschen und Red-Bull-Dosen in einen Bach werfen. Andere wiederum, die nicht wissen, wie billig diese Zelte sind, erschrecken über den Umgang mit Zelten – einst eine eher teurere Angelegenheit. Es ist aber noch respektloser, wie selbstgerecht über die Jugend hergezogen wird, wie wenn diese aus dem All käme und den ganzen Müll mitgebracht hätte. 

Die Billigzelte werden stehen gelassen, weil die Jugend den Kapitalismus aktueller Prägung lebt und leibt. Sie denkt gleich ökonomisch wie die Hersteller und Vertreiber dieser Zelte made in China (zum Beispiel die Migros). Diese sind so günstig, dass sie kein zweites Mal gebraucht werden. Das Einpacken lohnt sich nicht. Die einmalige Verwendung ist sogar vorgesehen, weil der Kapitalismus bereits wieder neue Zelte ausgestossen hat, die verkauft werden müssen.

Man müsste also den Vertrieb dieser Zelte verbieten.

Global gesehen ist diese Aufregung um verschmutzte Festplätze lächerlich, ein Nebenschauplatz eines riesigen Problems. Wir alle sind Dreckschweine, nicht nur die Kiddies.

Jeder von uns produziert täglich Abfall, ein Grüner vielleicht nicht mal viel weniger als ein Bürgerlicher. Im Bioladen einkaufen ist allenfalls für das eigene Gewissen gut. Die Firmen müssen gesetzlich gezwungen werden, weniger Abfall zu produzieren, und die Grossverteiler, nur noch biologisch einwandfreie Produkte zu verkaufen. Damit könnte vielleicht eine Wirkung erzeugt werden.

Aber darum geht es nicht. Es geht um den sichtbaren Abfall. Das regt die Leute auf. Abfall gehört nicht vermieden, sondern unauffällig entsorgt. Lass dich nicht erwischen beim Abfallentsorgen! Lass dich nicht erwischen beim Steuernhinterziehen! Die Bruno-Zuppiger-Geschichte ist typisch für diese Mentalität: Drecksgeschäfte nur im Hinterstübchen, damit sie das Dorfbild nicht stören.

Da kann Sponsorin Migros noch lange am Schwingfest Swissness und Ordentlichkeit feiern. Ihre Leute sitzen im VIP-Zelt (das nicht weggeworfen wird) und haben rein gar nichts mit der Aufregung ums Zürich Open Air zu tun.

Finito, ich geh jetzt und lass auch einfach alles stehen: Zelt, Zelt, Zelt, Zelt, Zelt, Zelt, Zelt, Zelt, Zelt, Zelt, Zelt, Zelt, Zelt, Zelt, Zelt, Zelt, Zelt, Zelt, Zelt, Zelt, Zelt, Zelt, Zelt, Zelt, Zelt, Zelt, Zelt, Zelt, Zelt, Zelt, Zelt, Zelt.

Ruedi Widmer ist Cartoonist in Winterthur und wirft gebrauchtes Geschirr immer in den Müll, um Wasser zu sparen.

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