Nr. 38/2013 vom 19.09.2013

Die ungeheure Macht der unscheinbaren Zwiebel

Indiens Wirtschaft befindet sich seit zwei Jahren in einer Krise. Ein korruptes Staatswesen verhindert, dass die notwendigen Massnahmen ergriffen werden. Der Anstieg des Zwiebelpreises lässt darauf schliessen, dass es bald zum Regierungswechsel kommt.

Von Joseph Keve, Cochin

«Zwiebeln kosten 100 Rupien das Kilo, Bohnen 80, und für Kohl verlangen sie schon 60. Der Fischpreis hat sich fast verdoppelt, und sogar einfache Bananen sind teurer geworden.» Die Hausfrau Asmita Ganesh beklagt sich auf dem Rückweg vom Markt in Angamali, einer kleiner Stadt in der Nähe von Cochin im indischen Bundesstaat Kerala, bitter über die Preise. «Mein Mann arbeitet als Busfahrer und verdient im Monat 12 000  Rupien», sagt sie. Nach Abzug des Schulgelds für ihre zwei Töchter und die Kosten für Strom, Kochgas und das Telefon blieben ihr noch 200 Rupien pro Tag übrig. Das sind umgerechnet weniger als drei Franken. «Was kann ich dafür noch zum Essen kaufen? Keinen Fisch, kein Gemüse, keine Früchte. Meine Familie wird einmal mehr lange Gesichter machen.»

«Was tut ihr Linken denn schon?»

Der Zwiebelpreis beschäftig auch zwei ältere Herren, die in einem Teehaus nahe am Markt von Angamali eine hitzige Diskussion führen. «Im Juni hat das Kilo Zwiebeln noch 20 Rupien gekostet. Jetzt sind es 100. Was führt Premierminister Manmohan Singh denn im Schilde?», fragt Kumaran Ashan, ein pensionierter Lehrer und Unterstützer der Indischen Kommunistischen Partei. Sein Gegenüber Devassi Kutty, ein Bauer aus der Region und Anhänger der regierenden Kongresspartei von Singh, kontert: «Und was tut ihr Linken denn je anderes, als auf der Strasse und im Parlament zu protestieren? Wo ist eure alternative Wirtschaftspolitik? Und warum tut ihr selbst nichts gegen den hohen Zwiebelpreis?»

Die Aufregung um den Zwiebelpreis hat ihren Grund. Kaum ein Mensch in Indien kann sich seine Nahrung ohne Zwiebeln vorstellen. Die Zwiebel ist ein fester Bestandteil fast aller indischen Gerichte. Sie wird auch roh und frittiert gereicht. Ohne ihren Geschmack empfinden die InderInnen ihr Essen als fade und langweilig. Sie gilt zudem als wirksame Heilpflanze.

Alle PolitikerInnen wissen, dass ein hoher Zwiebelpreis eine Regierung zu Fall bringen kann. Das war nicht nur 1981 so, als die Regierung der Volkspartei (Janata) stürzte und die Kongresspartei unter Indira Gandhi in den sogenannten «Zwiebelwahlen» wieder an die Macht kam. Auch 1998 verlor die rechtskonservative hindunationalistische Volkspartei (BJP) die Lokalwahlen in den Bundesstaaten Rajasthan und Delhi wegen des hohen Zwiebelpreises.

Gehortete Zwiebeln

Die BJP hofft, in den anstehenden Wahlen im November auch dank der Preiserhöhungen wieder an die Macht zu kommen. Wenig verwunderlich also, dass derzeit führende BJP-PolitikerInnen mit Zwiebelgirlanden um den Hals auf den Strassen von Delhi Zwiebeln für 35 Rupien das Kilo verkaufen, um so für ihre Partei zu werben. Die Ironie am Ganzen: Einer der Gründe für die hohen Preise ist, dass viele HändlerInnen grosse Mengen an Zwiebeln horten. Diese HändlerInnen wiederum gelten traditionell als BJP-WählerInnen.

Allerdings ist Indien längst nicht nur wegen des hohen Zwiebelpreises in der Krise: Diesen Sommer stand der Wert der Rupie so schlecht wie seit zwanzig Jahren nicht mehr. Das Wirtschaftswachstum ist innert zwei Jahren von 9,3 auf 4,4 Prozent gesunken, und die Inflation beträgt derzeit über 5,7 Prozent. Mit einem Leistungsbilanzdefizit von 4,8 Prozent sowie weiter zunehmenden Importen von Erdöl, Kohle und Gold sieht das «leuchtende Wirtschaftswunder Indien» seinem Ende entgegen.

Verlorenes Vertrauen

Die verbreitete Korruption im Land, die Vielzahl politischer und wirtschaftlicher Skandale, eine wechselhafte, unentschlossene Politik sowie Führungsdefizite einer Regierung, die vor der nächsten Runde der Lokalwahlen im November und den nationalen Parlamentswahlen im Mai 2014 nur noch wenig unternimmt, haben zu einer negativen Grundstimmung geführt. Die meisten GeldgeberInnen haben ihr Vertrauen in die indische Wirtschaft verloren. So haben ausländische InvestorInnen seit Juni Aktien im Wert von zwölf Milliarden US-Dollar abgestossen; im Juli hatte der transnationale Stahlkonzern Arcelor Mittal seine Pläne für ein neues Stahlwerk im Bundesstaat Orissa aufgegeben, genauso der koreanische Stahlkonzern Posco, der seine Zusage für ein neues Werk im Bundesstaat Karnataka zurückzog; und auch grosse Versicherungskonzerne wie New York Life sowie Banken wie Morgan Stanley und die Royal Bank of Scotland haben einen Grossteil ihrer Investitionen in Indien reduziert.

Sogar indische InvestorInnen halten das Risiko, im eigenen Land anzulegen, inzwischen für zu hoch und verkaufen ihre Firmenanteile.

Auch wenn es die Regierung vehement bestreitet, so erwarten doch viele WirtschaftsexpertInnen, dass Indien in den nächsten Monaten von den internationalen Ratingagenturen in seiner Kreditwürdigkeit herabgestuft wird. Bereits sind Gerüchte im Umlauf, dass Indien ein internationales Hilfspaket wie 1991 benötigen könnte, als die Devisenreserven so niedrig waren, dass das Land nicht einmal mehr für die Importe der folgenden fünfzehn Tage garantieren konnte. Indien hatte damals seine Goldreserven mit dem Flugzeug nach London transportiert und diese beim Internationalen Währungsfonds (IWF) verpfändet.

Lebensstil überdenken

Indiens Mittelklasse, die sich in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt hat und zu der heute rund zwanzig Prozent der Bevölkerung gezählt werden, ist vom wirtschaftlichen Abschwung am stärksten betroffen. «Als unsere Löhne dank des Wirtschaftswachstums immer höher stiegen, haben wir das Geld mit vollen Händen ausgegeben», sagt der 28-jährige Sameer Das, ein Softwareentwickler aus Cochin. «Wir haben uns daran gewöhnt, in Restaurants zu essen, ins Kino zu gehen, ab und zu ins Ausland zu reisen und uns nur das Beste aus dem Supermarkt zu kaufen.» Es sei ein Schock zu realisieren, «dass die fetten Jahre nun vorbei sind». Inzwischen müssen viele ihren Lebensstil überdenken. So auch der 25-jährige Ajoy Dasgupta, ein Arzt aus Kalkutta, der in einem hoch spezialisierten Herzzentrum in Cochin arbeitet. «Ich bin hierhergezogen und habe mir im Stadtzentrum eine Luxuswohnung genommen, weil mein Lohn fast doppelt so hoch war wie in Kalkutta. Doch im Juni hat man mir im Institut mitgeteilt, dass er nun um ein Drittel gekürzt werde.» Ihm blieb nur die Möglichkeit, alle Ausgaben zu reduzieren oder nach Kalkutta zurückzukehren.

Gemüse bis 300 Prozent teurer

Aufgrund der stark gestiegenen Preise für Grundnahrungsmittel haben laut einer kürzlich veröffentlichten Studie inzwischen über die Hälfte der Menschen aus den mittleren und unteren Einkommensschichten ein sehr knappes Küchenbudget. Zwar seien die Löhne um durchschnittlich 10 bis 15 Prozent gestiegen. Doch im selben Zeitraum seien die Preise etwa für frisches Gemüse um 250 bis 300 Prozent in die Höhe geschossen. Und nun auch noch die drastisch gestiegenen Kosten für Zwiebeln – verursacht unter anderem durch schlechte Anbaubedingungen: So haben vergangenes Jahr eine lange Trockenperiode und dieses Jahr heftige Regenfälle zu grossen Ernteausfällen geführt. Die Regierung versucht derweil, die Situation mit verschiedenen Massnahmen zu entschärfen. Sie geht etwa gegen Hamsterkäufe vor, stoppte den Zwiebelexport, hob Einfuhrzölle auf und lässt an ausgewählten Verkaufsstellen verbilligte Zwiebeln abgeben. Doch bislang zeigen die Massnahmen kaum Erfolg.

Erbe der Wirtschaftsreformen

Die indische Wirtschaftskrise ist nicht über Nacht entstanden. Die ökonomische Liberalisierung, angestossen 1991 durch die Regierung von Ministerpräsident P. V. Narasimha Rao, wurde  von den indischen KapitalistInnen als «das Ende des sozialistischen Wohlfahrtsregime von Nehru» gefeiert. Ministerpräsident Jawaharlal Nehru, der das Land von 1947 bis zu seinem Tod 1964 regierte und prägte, führte während seiner Amtszeit Gesetze zur Landverteilung ein, mit denen er die wirtschaftliche Benachteiligung der indischen Landlosen verringern wollte. In Fünfjahresplänen stellte er zudem grosse Summen für die Sozialhilfe sowie die Förderung der Landwirtschaft und des Bildungssektors zur Verfügung, trieb die Baumwollindustrie voran und hielt als Verfechter einer starken staatlichen Kontrolle stets ein wachsames Auge auf ausländische Investitionen.

Durch die Reformen der neunziger Jahre sollten dann aber uneingeschränkte Marktkräfte und mit ihnen der animalische Geist des freien Unternehmertums entfesselt werden. Mit kurzfristig geliehenem Geld von nationalen und westlichen Finanzinstituten, darunter viele europäische Banken, gründeten viele indische UnternehmerInnen zwielichtige Firmen, um Lagerbestände anzuhäufen, die Preise in die Höhe zu treiben und sich Ressourcen wie Land und Rohstoffe unter den Nagel zu reissen. Ihre Lobbygruppen übten auf allen Regierungsebenen Druck aus, damit sie Privilegien wie Darlehen zu niedrigen Zinssätzen, billiges, oft von der armen Bevölkerung gestohlenes Land sowie Wasser und Strom zu stark subventionierten Preisen erhielten.

Unter dem Deckmantel der Industrialisierung konnten diese Firmen zudem für wenig bis keine Steuern alle möglichen Bauteile und Komponenten einführen und dann billig zusammensetzen lassen. Dabei wurden kaum echte Investitionen in die Produktion getätigt. So hat die Konkurrenzfähigkeit der indischen Wirtschaft im Vergleich zu anderen Industriestaaten in den letzten Jahren abgenommen.

Viele der seit den neunziger Jahren entstandenen Firmen befinden sich heute in einer Schuldenfalle und müssen Konkurs anmelden. Zusammengenommen stellen die ausländischen Anleihen dieser Firmen eine Belastung von knapp 200 Milliarden US-Dollar dar. Dies sei eine direkte Folge dessen, «dass Indien dem Entwicklungsmodell, das nur auf das Wachstum des BIPs setzte, freien Lauf gelassen hat», sagt der Ökonom Jayati Ghosh. Was Indien nun brauche, sei «ein Wachstum, das auf mehr Jobs und höheren Löhnen» beruhe.

Der Bevölkerung bleibt die Hoffnung

Dass Ministerpräsident Manmohan Singh willens ist, die dafür notwendigen Massnahmen zu ergreifen und ausreichenden politischen Konsens zu finden, um die Wirtschaft in diesem Sinn umzustrukturieren, ist unwahrscheinlich. Immerhin war Singh 1991 als Finanzminister unter Ministerpräsident Rao massgeblich beteiligt an der Deregulierung und den Wirtschaftsreformen, die den indischen Markt für ausländische Investitionen geöffnet hatten. Und selbst wenn Singh dies rückgängig machen wollte, so zeigt sich derzeit keine der Parteien, weder links noch rechts des Spektrums, bereit, ein solches Risiko einzugehen. Es bleibt der Bevölkerung nur die Hoffnung auf eine bessere Regierung nach den Parlamentswahlen 2014 – auch wenn viele AnalystInnen bereits heute befürchten, dass die nächste Regierung aus einer noch schwächeren Koalition bestehen wird.

Aus dem Englischen von Sonja Wenger.

Die Food Security Bill

Neue Nahrungsmittelsubvention

Das im Uno-Sozialpakt festgehaltene Recht auf angemessene Nahrung soll in Zukunft auch in Indien garantiert sein. Am 26. August verabschiedete das indische Unterhaus die sogenannte Food Security Bill, die 67 Prozent der 1,2 Milliarden Menschen zählenden Bevölkerung das Recht auf subventionierte Nahrungsmittel zugesteht.

Das Programm sieht vor, dass die Begünstigten Reis, Weizen und anderes Getreide stark verbilligt beziehen können. Schwangere und stillende Frauen sowie Kinder bis zum Alter von vierzehn Jahren erhalten zudem täglich eine kostenlose Mahlzeit. Am 12. September wurde die Food Security Bill vom indischen Präsidenten bewilligt, die Annahme durch das indische Oberhaus gilt als sicher.Das Programm wird die Staatskasse jährlich rund zwanzig Milliarden US-Dollar kosten. Trotz der offensichtlichen Notwendigkeit der Vorlage – nach Angaben des Uno-Kinderhilfswerks Unicef verhungern in Indien täglich 4000 Kinder, und der Hungerindex für das Land zählt über 200 Millionen Betroffene – wird die Food Security Bill von rechten Parteien kritisiert, da sie Indien in eine noch grössere Wirtschaftskrise führe.

Tatsächlich machen die Auslagen für das Ernährungsprogramm jedoch nur einen kleinen Teil des Gesamtbudgets aus. Gerade einmal 1,7 Prozent des BIPs gehen in Indien in den Sozialbereich.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch