Nr. 40/2013 vom 03.10.2013

Das Saxofon neu erfinden

Von Christoph Wagner

Vor einigen Jahren geriet der renommierte New Yorker Tenorsaxofonist Ellery Eskelin in eine Schaffenskrise. Das moderne Jazzsaxofonspiel kam ihm zunehmend hohl und oberflächlich vor: zu abstrakt, zu kalt, zu technisch-virtuos. Eskelin vollzog eine radikale Wende und fing noch einmal ganz von vorn an. Er erfand sich als Jazzsaxofonist neu. Was ihm vorschwebte, war ein sinnlicherer Ton, eine wärmere vokale Spielweise, wie sie Ben Webster und Coleman Hawkins in der Frühzeit des Jazz gepflegt hatten. Allerdings wollte Eskelin nicht zum traditionellen Jazz zurück, sondern den alten, singbaren Sound für den modernen Jazz fruchtbar machen.

Er erwarb ein Instrument mit Baujahr 1927 und begann, wie besessen zu üben. Sofort stiess er auf ein Problem: Das alte Saxofon spielte sich schwerer als neuere Modelle – nicht so flüssig und leicht. Die Klappen bewegten sich weniger reibungslos, die Griffweisen waren komplizierter. Behutsam passte er sein Spiel den Vorgaben des Instruments an, spielte weniger Noten und versuchte, alle unnötigen Schnörkel zu vermeiden.

Mit seinem Trio New York wählte Eskelin das klassische Jazzorgeltrio als Plattform für seine neue Ästhetik. Die grosse B3-Hammondorgel übernimmt eine sowohl begleitende als auch solistische Funktion. Während Drummer Gerald Cleaver einen spannungsgeladenen Puls generiert, lässt Gary Versace die Orgel brodeln und fauchen. Manchmal greift er sogar nach avantgardistischen Klangsphären, die Sun Ra gut in den Ohren geklungen hätten. Eskelin bläst darüber seine klaren Linien – lyrisch oder in zupackender Manier. Bewegend eine einfache Melodie zu interpretieren, wird zur Herausforderung. Eine andere Virtuosität kommt zum Tragen, die sich nicht an der Vielzahl der gespielten Noten misst, sondern in einer tieferen Ausdruckskraft.

Das Trio New York spielt am 10. Oktober 2013 
in der «Gems» in Singen und am 13. Oktober 2013 
im Zürcher «Moods».

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