Nr. 21/2015 vom 21.05.2015

Neue Glut in die «fire music» blasen

Die Tonleiter rauf und runter, bis ein neuer Klang entsteht: Mette Rasmussen entlockt ihrem Saxofon verborgene Eigenschaften. Sie gehört zu den jungen Talenten des modernen Jazz, die am diesjährigen Zürcher Taktlos-Festival zu hören sind.

Von Christoph Wagner

Aufregendes Duo: Die Altsaxofonistin Mette Rasmussen im Zusammenspiel mit dem Schlagzeuger Chris Corsano. Foto: Peter Gannushkin

Das Zürcher Taktlos-Festival gilt als Treffpunkt der Paradiesvögel. Was andere Festivals gross ankündigen, aber selten einlösen, ist hier eine Selbstverständlichkeit: Beim Taktlos werden Experimente grossgeschrieben, wobei vielfach junge MusikerInnen zum Zug kommen, die noch als Geheimtipp gelten. Die Ausrichtung macht das Festival zu einer dreitägigen Entdeckungsfahrt in die abenteuerlichen Sphären der Musik – Überraschungen inbegriffen.

Bis auf Anthony Braxton, einen der Grossmeister des neuen Jazz, verzichtet das Taktlos auch dieses Jahr wieder auf grosse Namen. Lieber präsentiert es aufstrebende Talente wie den amerikanischen Schlagwerker Chris Corsano, der lange mit der Popexzentrikerin Björk zusammengearbeitet hat. Jetzt hat Corsano mit der jungen Saxofonistin Mette Rasmussen ein aufregendes Duo initiiert, das neue Glut in die «fire music» der sechziger Jahre bläst.

Frische Klänge, harte Arbeit

Souverän bläst Mette Rasmussen ihr Altsaxofon und schleudert mit Wucht wilde Klangfetzen heraus. Dann schaltet sie plötzlich auf leise um und entlockt dem Instrument feinstes Vogelgezwitscher. Gelegentlich stopft die junge Dänin einen Plastikbecher in den Trichter, um mit dem Saxofon wie auf einem Kazoo zu singen. Ohne Zweifel bilden die sechziger Jahre, die Entstehungsphase der frei improvisierten Musik, den Ausgangspunkt ihrer Reise. Doch geht sie darüber hinaus. Sie will Neuland erkunden.

Frische Klänge ausfindig zu machen, ist harte Arbeit. Wenn Rasmussen zwischen Tourneen und Einzelkonzerten zu Hause im norwegischen Trondheim ist, pflegt sie ein unerbittliches Regime: Stunden um Stunden feilt sie täglich an ihrem Spiel. Viel Zeit verwendet sie auf technische Griffübungen, jagt die Tonleitern rauf und runter. Noch intensiver betreibt sie Klangforschung. Wieder und wieder entdeckt sie das Saxofon neu, als Klangquelle, in der noch so mancher verborgene Ton schlummert.

Am Schlagzeug reagiert Chris Corsano auf jede Saxofonnote mit grossem Einfühlungsvermögen. Oft tupft er mit den Besen über die Trommeln oder streichelt die Becken, bis sie wohlig summen. Doch der US-Amerikaner kann auch anders: Wenn das Saxofon Feuer speit, haut er mit voller Wucht in die Felle, wobei er gelegentlich mit der rechten Hand wie ein Vibrafonist mit zwei Klöppeln spielt. Wieselflink schafft er ein dichtes Geflecht aus perkussiven Texturen, das pulsiert und pocht.

Rasmussen und Corsano gehören zu einer jungen Generation, die dem modernen Jazz neue Facetten abgewinnt. Ob in den USA, in Britannien, Skandinavien oder in der Schweiz – überall regt sich der kreative Geist. Auch der Pianist Alexander Hawkins aus der englischen Universitätsstadt Oxford ist nie den geraden Weg gegangen. Um das Musikkonservatorium machte er einen weiten Bogen und ist seither immer seinem eigenen Kompass gefolgt. Von Free Jazz mit Louis Moholo-Moholo über das fauchende Orgeltrio Decoy bis zum funky Ethio Jazz mit Mulatu Astatke – Hawkins ist mit allen musikalischen Wassern gewaschen. Überall saugt er Einflüsse auf und lässt sie in sein Solospiel einfliessen. Als enzyklopädischer Kenner der Jazztradition setzt er die Töne mit Bedacht, tippt sachte mit den Fingerspitzen die Tasten an. Sparsame Intervalle und dezente Akkorde ertönen, aus denen mit der Zeit ein organisches Klanggebilde entsteht, das sich mehr und mehr verschränkt und verdichtet bis zum ekstatischen Finale.

Die Alchemistenformel

Den Kontrapunkt zum pianistischen Solospiel setzt Martin Küchen. Der Saxofonist und Bandleader kommt mit viel Blech nach Zürich. Mit mächtigem Bläsersatz und treibenden Grooves trumpft seine Mini-Big-Band Angles 9 auf. Erinnerungen an den Brassrock der siebziger Jahre werden wach. Zudem lassen die Brotherhood of Breath des Südafrikaners Chris McGregor sowie das Arkestra von Sun Ra grüssen.

Gestochen scharfe Einsätze, vielschichtige Arrangements und verschlungene Soli verbinden sich in den Kompositionen des Schweden zu einem brodelnden Gebräu, aus dem das Vibrafon mit bunt schillernden Tonkaskaden heraussticht. Dazwischen werden elegische Klangmalereien geschoben, die sich im Schritttempo eines Trauermarschs bewegen. Dann führen lang gezogene Saxofon- und Trompetenstösse die Musik in bewegtere Zonen. Lieb gewonnene Hörgewohnheiten und abgenutzte Klischees werden weiträumig umgangen.

Dennoch greift Angles 9 auf Klangmaterial zurück, das weder revolutionär noch avantgardistisch ist – im Gegenteil: Aus bekannten Komponenten neue Funken zu schlagen, lautet die Alchemistenformel, die für viele Künstler beim diesjährigen Taktlos-Festival gilt.

Zu den jüngeren Semestern gesellen sich die angegrauten Helden der Avantgarde, die unbeirrt an ihren Konzepten basteln. Allen voran Philip Jeck aus Liverpool. Der Turntable-Collagist hat in seiner Karriere schon mit Gavin Bryars und dem Kronos Quartet kooperiert und wird sich beim Taktlos in einer Multimediaperformance präsentieren.

Taktlos 15. In: Zürich, Rote Fabrik. 28. Mai 2015: Wild Chamber Trio / Rasmussen & Corsano / Bänz Oester & The Rainmakers. 29. Mai 2015: Joachim Badenhorst / Small Angles / Martin Küchen’s Angles 9. 30. Mai 2015: Anthony Braxton Diamond Curtain Wall Quartet / Alexander Hawkins / Jeck-Grill-Lemieux.

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